Peter, 29, mit rauschigem Vollbart, schwingt unweit einer Reihe von Mario-Kart-Automaten das Tanzbein. Genauer gesagt gleitet er mit seinen Sneakern über die fest installierten Druckplatten einer Pump-It-Up-Maschine und versucht, die Richtungsvorgaben im Takt der treibenden Musik umzusetzen.
Ziemlich erfolgreich – auch wenn ihm sein Kumpel im direkten Duell ordentlich Schweißperlen ins Gesicht treibt. Mit seinen Freunden aus der Vier-Pfeile-Community kommt er am liebsten mittwochs und samstags hierher, wo sie jederzeit Zugriff auf ihr Hobby haben und den Trubel genießen.
Und Peter? Der bringt auch gern Familie und Freunde mit, steht dann aber nicht zwangsläufig auf der Tanzmatte. Dann wird ausprobiert, gelacht, konkurriert – ganz ohne Leistungsdruck.
Genau dieses unmittelbare, körperliche Spielgefühl ist es, das moderne Spielhallen wie Gamestate in Berlin wiederbeleben wollen. Ich habe es mir selbst näher angesehen und war sehr angetan davon.
1:12
Evercade Nexus: So sieht der neue Retro-Handheld aus
Es wird laut und wild
Ich bin neu hier.Einen derartigen Lärm habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr vernommen: Stimmengewirr, 8-Bit-Synthies, Jubelrufe, fernöstliche Techno-Beats – all das verschmilzt zu einer überdrehten, adrenalingeladenen Kakofonie.
An jeder Ecke lockt ein Spiel, meine zuvor erworbenen Credits von der Chipkarte zu investieren. Hier moderne Flipper, dort eine hitzige Battle-Royale-Variante von Pac-Man, ein paar Meter weiter Galaga auf überlebensgroßer Leinwand.
Gleich daneben wartet ein Lightgun-Game mit Ubisofts niedlich schrägen Rabbids auf mich. Auch ein kleines VR-Erlebnis steht bereit. In der Filiale am Zoo, die kurz darauf besuchte, war dagegen ein Basketballspiel im Stil von NBA-Jam mein Favorit.
Ein für Deutsche eher fremdes Gefühl
In der Gamestate-Arcade, die es zweimal in Berlin und einmal in Oberhausen gibt, lebt ein Spielgefühl auf, das junge Menschen wie Peter augenblicklich fesselt.
Ich kenne es seit Kindestagen, weil ich Zugang zu amerikanischen Spielhallen hatte. Arcade-affine Deutsche in den 80ern und 90ern kannten es hingegen meist nur aus dem Ausland.
Dieses bunte Miteinander samt visuellem Overload fand ich schon immer reizvoller als jede Couch-Co-op-Sitzung – ganz gleich, wie technisch überlegen Heimkonsolen im Laufe der Zeit wurden.
Ob in Europa, den USA oder Japan: Spielhallen waren berauschende Treffpunkte, an denen man die neueste Gaming-Technologie bestaunte. Nun ja – fast überall.
In Deutschland haftete Spielhallen der verruchte Ruf an, den sich Merkur-Spielotheken heute verdient haben: düstere, muffige Orte, die nicht selten von zwielichtigen, gar nicht erst spielenden Gestalten bevölkert wurden.
Eine konservative Gesetzgebung der frühen 80er warf Videospiele mit Glücksspielautomaten in einen Topf und machte sie für Jugendliche unzugänglich. Zutritt gab es erst ab 18.
Kein Wunder, dass meine Freunde und ich uns Mitte der 90er zweimal überlegten, ob wir mal in die Spielo
gehen wollten.
Es gab Ausnahmen, etwa auf der Zeil in Frankfurt, am Stuttgarter Platz in Berlin oder auf der Reeperbahn in Hamburg. Doch selbst diese Orte erreichten nie das lockere, familienfreundliche Flair, das ich aus amerikanischen Malls oder dem Italienurlaub kannte.
Für jung und alt geeignet
Umso besser empfinde ich das Konzept von Gamestate.
Die Hallen sind bewusst familienfreundlich gehalten und verzichten komplett auf Inhalte nur für Erwachsene. Einerseits bedauerlich für einen Core-Gamer wie mich. Prügelspiele oder knallharte Shoot-’em-ups wie R-Type oder Do Don Pachi suche ich hier vergeblich.
Das Angebot atmet stattdessen viel 80er-Jahre-Flair, was immerhin meine Retro-Begeisterung aufflammen lässt. Neuere Marken wie Need for Speed oder Mario Kart Arcade GP DX bilden eher die Ausnahme.
Ich bin mir sicher: Hier ließe sich das Publikum erweitern, wenn sich Automatenhersteller trauten, modernere Titel mit beeindruckender Grafik aufzufahren.
Auch Peter hofft, dass die neueste Iteration von Pump it up, die schon bald erscheinen soll, dieses Mal nicht mit drei Jahren Verzögerungen den Weg in seine Lieblings-Arcade findet.
Er verrät mir, er würde es bevorzugen, wenn seine Stamm-Maschine oder das Dance-Dance-Revolution-Gegenstück in der anderen Ecke des Raums eine Online-Anbindung für Highscores hätten, aber ein Ausschlusskriterium ist das für ihn nicht.
Für ihn zählt das gemeinsame Erlebnis. Und zumindest eine Lanze kann ich für die Betreiber brechen: Ich empfinde die vorhandenen Spiele als erstaunlich universell, schnell zugänglich und fast zeitlos.
Viele Kinder, die ich hier fröhlich herumrennen sehe, haben sichtlich Spaß an der körperlichen Aktivität. Einige Automaten setzen sogar ganz auf Bewegung statt Bildschirm: Basketball-Wurfspiele, Reaktionstests an Trigger-Wänden, Shuffle-Tische oder Billard.
Langweilig wird es hier jedenfalls nicht. Und genau darin liegt eine der größten Stärken – man spielt nicht nur, man bewegt sich, misst sich, interagiert miteinander.
Münzgräber im bargeldlosen Zeitalter
Günstig ist das Vergnügen allerdings nicht. Drei bis vier Credits pro Runde sind die Regel – und eine Runde dauert oft kaum länger als zwei Minuten. Bei knauserigen Automaten wie Angry Birds sogar noch weniger: Ein Level, drei Anläufe, fertig. Entsprechend schnell ist mein Spielgeld verbrannt.
Ein Credit entspricht im schlechtesten Fall rund 55 Cent. Der Einstieg liegt bei 30 Credits plus zwei Euro Pfand für die Magnetkarte.
Unter der Woche gibt es immerhin einen Rabatt-Tag mit halbiertem Credit-Hunger an den Automaten, während größere Währungspakete oder die Download-App den Preis etwas drücken. Ohne Peter wüsste ich das gar nicht. Er zog einfach sein Handy, als er blank dastand.
Dennoch: mein Guthaben ist schnell weg – und das, obwohl keiner der Automaten mit brandaktueller Technik glänzt.
Schade, denn früher waren Spielhallen immer am Puls der Zeit. Man konnte Spiele genießen, deren Grafikpracht und High-Tech-Steuerung zuhause unerschwinglich gewesen wären. Joysticks mit Mikroschaltern, Motorrad-Imitate mit Gyro-Sensoren und so weiter. Das legitimierte jeden Münzeinwurf.
Immerhin: Simple Joysticks sind bei Gamestate eher die Ausnahme, und in der Filiale am Zoo fand ich später einen Rennspiel-Vertreter mit aktuellen Direct-Drive-Motoren von Fanatec. Da lag also Schmackes und ein Gefühl für Langlebigkeit dahinter. Luft nach oben bleibt trotzdem.
Zu spät und doch genau richtig
Trotz aller Begeisterung erwische ich mich beim Grübeln. Nüchtern betrachtet kommen die niederländischen Betreiber spät.
Lange nach dem Arcade-Sterben der frühen 2000er und Jahrzehnte, nachdem Konsolen und Grafikkarten die technische Führung übernommen haben. In den 90ern hätte ich für so einen Ort vermutlich eine Niere geopfert.
Und doch hat er heute vielleicht sogar eine noch größere Daseinsberechtigung. In einer Zeit, in der Couch-Co-op zur Ausnahme geworden ist und Online-Matches gegen gesichtslose Nutzernamen stattfinden, fühlt es sich erstaunlich gut an, gemeinsam durch diesen bunten Trubel zu ziehen.
Vielleicht in Zukunft umso eher, wenn man die Kosten von High-End-Grafikkarten und Arbeitsspeicher in Betracht zieht.
Technisch mögen diese Hallen nicht mehr vorne mitspielen – emotional tun sie es dafür umso mehr. Orte wie diese sollte es meiner Meinung nach viel mehr geben, und sie wachsen hier in Berlin anscheinend wie Pilze aus dem Boden.
Am Alexanderplatz soll es noch eine Spielhalle namens Electric Social geben. Der nächste Samstag ist also längst verplant.



Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.