Ein Millionär grub 34 Jahre lang Tunnel unter Liverpool, ohne Erklärung – zwei Jahrhunderte später macht ihn die Antwort zum Genie

Die Pläne des britischen Millionärs Joseph Williamson endeten in einem endlosen Bauprojekt – mit besonderen Auswirkungen, die heute noch zu spüren sind.

Der Sinn hinter den langen Tunnelanlagen und Liverpool war lange Zeit unbekannt. (Bildquelle: CaptainBiscuitbeard Chowells~commonswiki via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0) Der Sinn hinter den langen Tunnelanlagen und Liverpool war lange Zeit unbekannt. (Bildquelle: CaptainBiscuitbeard / Chowells~commonswiki via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0)

Jahrzehntelang steckte ein britischer Millionär einen beträchtlichen Teil seines Vermögens darin, Arbeitskräfte anzustellen, um ein gigantisches Labyrinth unter den Straßen von Liverpool auszuheben.

Niemand wusste, was er damit bezwecken wollte. Die Tunnel führten scheinbar nirgendwohin, manche reichten in erstaunliche Tiefen, und der Bauherr hinterließ weder Baupläne noch schriftliche Notizen.

Nach seinem Tod versank das monumentale Bauwerk unter Tonnen von Schutt, und das Rätsel überdauerte fast zwei Jahrhunderte. Nach 30 Jahren intensiver Nachforschungen stieß man nun auf eine Erklärung, die weitaus menschlicher ist, als ihr vielleicht vermutet hättet.

Dieser Artikel stammt im Original von unserer spanischen Schwesterseite XATAKA und erscheint bei GameStar Tech in übersetzter und angepasster Form.

Der Millionär, der Liverpool unterhöhlte

Joseph Williamson wurde 1769 in Yorkshire geboren und kam mit gerade einmal elf Jahren nach Liverpool, um im Tabakgeschäft von Richard Tate zu arbeiten – dessen Tochter Elizabeth später seine Ehefrau werden sollte.

1803 übernahm er die Leitung des Unternehmens und erwirtschaftete durch Handel und clevere Investitionen ein beträchtliches Vermögen. Drei Jahre darauf kaufte er Grundstücke in Edge Hill, damals eine kaum erschlossene Gegend einige Kilometer außerhalb des Liverpooler Stadtzentrums, mit dem ursprünglichen Vorhaben, dort Wohnungen zu errichten.

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Das Außergewöhnliche begann danach: Über 34 Jahre hinweg – bis zu seinem Tod im Jahr 1840 – beschäftigte er zahlreiche Männer damit, den Sandstein im Untergrund abzutragen sowie Tunnel, Gewölbekammern und unterirdische Hallen zu errichten.

Das Bauprojekt wuchs zu einem gewaltigen Komplex heran, dessen eigentlichen Zweck Williamson der Öffentlichkeit nie erklärte.

Eine unterirdische Stadt, von der niemand etwas ahnte

Unter Edge Hill verbarg sich ein weitverzweigtes Netz aus Durchgängen, Treppen, Kellern und riesigen Kammern auf mehreren Ebenen. Schätzungen legen nahe, dass sich das Areal über eine Fläche von rund 2,6 Quadratkilometern erstrecken könnte, auch wenn die exakten Grenzen bis heute unbekannt sind.

Zu den spektakulärsten Strukturen zählt die sogenannte Banqueting Hall – ein Gewölbesaal von etwa 20 Metern Länge und über acht Metern Höhe, dessen heute sichtbarer Boden auf einer Schuttschicht ruht, die bis zu sechs Meter tief sein könnte.

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Fachleute haben Abschnitte mit zwei und drei übereinanderliegenden Ebenen sowie Stollen identifiziert, die mindestens 18 Meter in die Tiefe führen. Einige Freiwillige vermuten sogar, dass bestimmte Bauten bis zu 27 Meter Tiefe erreichen könnten.

Die schiere Dimension des Komplexes verblüfft umso mehr, wenn ihr bedenkt, dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts jeder einzelne Stein von Hand bewegt werden musste.

Das Geheimnis, das Williamson mit ins Grab nahm

Der Kaufmann hatte den Ruf eines Exzentrikers und stand im Mittelpunkt etlicher Anekdoten, deren Wahrheitsgehalt sich heute nur schwer überprüfen lässt.

Es hieß, er sei zu einer Audienz bei König Georg IV. in geflickter Kleidung und derben Arbeitsstiefeln erschienen, habe Bankette veranstaltet, um die Loyalität seiner Gäste auf die Probe zu stellen, und sich sogar Streiche mit den Erbauern der Bahnlinie zwischen Liverpool und London erlaubt.

Eine Überlieferung besagt, er habe seine Arbeiter angewiesen, sich in einem Tunnel zu verstecken, um die Eisenbahnpioniere zu erschrecken, sobald diese versehentlich in seine Stollen durchbrachen.

Sein eigenwilliges Verhalten heizte die Gerüchte über die Ausgrabungen weiter an, für die es weder bekannte Pläne noch detaillierte Aufzeichnungen gab. Nach Williamsons Ableben wurden die unterirdischen Hallen kurzerhand als Müllkippen zweckentfremdet und schließlich unter Abfällen aus Haushalten, Fabriken und Läden versiegelt.

Im Lauf der Jahrzehnte geriet das weitläufige Bauwerk im Gedächtnis der Stadt fast vollständig in Vergessenheit.

Freiwillige der FoWT bei Ausgrabungsarbeiten in einem neu entdeckten Tunnelabschnitt, Mai 2019. (Bildquelle: CaptainBiscuitbeard Chowells~commonswiki via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0) Freiwillige der FoWT bei Ausgrabungsarbeiten in einem neu entdeckten Tunnelabschnitt, Mai 2019. (Bildquelle: CaptainBiscuitbeard / Chowells~commonswiki via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0)

Von Schmugglern bis zum Weltuntergang

Das Fehlen offizieller Erklärungen brachte allerlei wilde Theorien hervor. Einige Forschende mutmaßten, die Tunnel hätten dem Schmuggel von Handelswaren gedient, während andere spekulierten, Williamson habe einen Bunker für eine heraufziehende Apokalypse gebaut.

Letztere Hypothese stützte sich darauf, dass seine Ehefrau Elizabeth unter dem Einfluss eines Predigers gestanden haben soll, der den nahen Weltuntergang verkündete, woraufhin sie ihren Mann zum Bau unterirdischer Schutzräume bewegt habe.

Eine weitere These verknüpfte die Bauten mit der oberirdischen Stadtentwicklung: Die Stollen und ihre massiven Ziegelbögen könnten dazu gedient haben, aufgelassene Sandsteinbrüche tragfähig zu machen, um darauf neue Gebäude zu errichten.

Diese Deutung wird zwar durch bauliche Besonderheiten der Anlage gestützt, liefert jedoch ebenfalls keine plausible Antwort auf die extreme Baudauer und die enorme Tiefe der Schächte.

Der aus einzelnen Sandsteinblöcken gemauerte Tunnel samt Eckbogen mit Blick auf den Abfallschacht der Biddulph-Fabrik. (Bildquelle: Chowells~commonswiki via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0) Der aus einzelnen Sandsteinblöcken gemauerte Tunnel samt Eckbogen mit Blick auf den Abfallschacht der Biddulph-Fabrik. (Bildquelle: Chowells~commonswiki via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0)

Die Wiederentdeckung eines vergessenen Labyrinths

Das Interesse an den unterirdischen Gängen erwachte neu durch Publikationen des Historikers Charles Hand in den 1920er-Jahren, die 1926 zu ersten behördlichen Untersuchungen führten. 1989 gründete sich die Joseph Williamson Society.

Zehn Jahre später stießen Bauarbeiter im Umfeld eines Studentenwohnheims auf den Zugang zu einem historischen Kellersystem. Seit diesem Fund im Jahr 1999 haben Freiwilligenteams tausende Arbeitsstunden investiert, um den Schutt vergangener Generationen abzutransportieren und die ursprünglichen Gewölbe freizulegen.

Mittlerweile wurden mehr als 120 Schuttcontainer gefüllt und unterschiedlichste Zeitzeugnisse geborgen – von Tintenfässern aus Schulzimmern über alte Bier- und Giftfläschchen bis hin zu Tonpfeifen, Lazarettkeramik, Knochen und historischem Spielzeug.

Heute erforschen die Friends of Williamson Tunnels und das Williamson Tunnels Heritage Centre verschiedene Abschnitte der Anlage und machen sie der Öffentlichkeit zugänglich, während die Grabungen nach weiteren Korridoren unvermindert andauern.

Zahlreiche Geschirrteile ab den 1830er-Jahren zählen zu den Fundstücken, die während der Räumungsarbeiten in den Tunneln geborgen wurden. (Bildquelle: Chowells~commonswiki via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0) Zahlreiche Geschirrteile ab den 1830er-Jahren zählen zu den Fundstücken, die während der Räumungsarbeiten in den Tunneln geborgen wurden. (Bildquelle: Chowells~commonswiki via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0)

Die Erklärung, die alles in einem neuen Licht zeigt

Nach drei Jahrzehnten akribischer Forschung halten die Verantwortlichen beider Organisationen eine ganz andere These für die stichhaltigste: reine Philanthropie.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Liverpool eine reiche Handelsmetropole, in der sich das Kapital bei wenigen Kaufleuten bündelte, während unzählige Familien in Armut lebten.

Die fortschreitende Industrialisierung verdrängte viele Handwerksberufe, und nach dem Ende der Napoleonischen Kriege 1815 kehrten unzählige Soldaten mittellos in die Heimat zurück.

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Williamson nutzte sein Vermögen allem Anschein nach gezielt dafür, arbeitslose Männer einzustellen, ihnen ein regelmäßiges Einkommen zu sichern und sie im Bauhandwerk zu schulen.

Die enorme Tiefe etlicher Grabungen untermauert diesen Gedanken: Vor Ort fanden sich Arbeiten ohne jeden erkennbaren wirtschaftlichen Zweck – darunter Gruben, die offenbar nur ausgehoben wurden, um sie später wieder zuzuschütten.

Die Fachleute gehen davon aus, dass das Hauptziel schlicht darin bestand, Hunderte Arbeiter so lange wie möglich in Lohn und Brot zu halten.

Ein endloses Bauprojekt, damit niemand ohne Auskommen dastand

Grabungsteams stießen zudem auf soziale Belege für diese Deutung. So zeigen Taufregister einer nahegelegenen Kirchengemeinde, dass auffallend viele Familien ihre Söhne nach Joseph Williamson benannten – ein deutliches Indiz für die tiefe Dankbarkeit gegenüber dem Unternehmer.

Auch wenn sich die Theorie mangels schriftlicher Nachlässe nicht endgültig beweisen lässt und einzelne Abschnitte zweifellos praktischen Zwecken dienten, spricht das Gesamtbild für sich.

Die schiere Größenordnung der Tunnelbauten und die augenscheinliche Zweckfreiheit bestimmter Gruben verdeutlichen, dass Williamson hier wohl eine Art privates Arbeitsbeschaffungsprogramm etabliert hatte – gelebte Sozialfürsorge durch bezahlte Arbeit.

Rund zwei Jahrhunderte nach seinem Tod sind Freiwillige weiterhin dabei, das unterirdische Labyrinth freizulegen und neue Abschnitte einer Anlage zu dokumentieren, die noch immer viele Geheimnisse birgt.

Bestätigt sich die philanthropische Absicht, bestand Williamsons eigentlicher Geniestreich darin, ein Projekt geschaffen zu haben, das Menschen selbst Generationen nach seinem Ableben noch zusammenbringt und fordert.


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