Las Vegas, irgendwann in den 1950er-Jahren, kurz vor Sonnenaufgang.
In den hiesigen Hotels und Casinos hat so manch ein Gast die Nacht durchgefeiert. Doch anstatt ins Bett zu gehen, zieht es sie auf Dächer, Balkons und Terrassen.
Dann wird es am Horizont plötzlich taghell.
Der Grund: Rund 105 Kilometer nordwestlich explodiert eine Atombombe. Kurz darauf wächst eine dafür typische Pilzwolke über der Wüste von Nevada in den Himmel.
Heute wirkt das beinahe surreal – wie makabrer Katastrophentourismus. Damals war das jedoch tatsächlich Teil des Marketings der Stadt Las Vegas.
Das ging sogar so weit, dass die Handelskammer die Termine für Tests verbreitete, Hotels sogenannte »Dawn Bomb Parties« veranstalteten und die Bombe in den Namen von Cocktails sowie auf Postkarten und in anderer Werbung auftauchte.
Dass sich daraus schnell eine Geschichte entwickelte, die danach klingt, als hätten die USA Atombomben extra für Touristen gezündet, ist zwar nachvollziehbar, aber dennoch falsch.
Und doch ist die Wahrheit dahinter kaum weniger seltsam.
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Die Bomben hatten mit den Touristen wenig zu tun
Die Gründe hierfür waren pragmatisch: Denn das Gebiet war dünn besiedelt, weitgehend unter staatlicher Kontrolle, leicht abzuschirmen und trotzdem aus logistischer Sicht gut erreichbar.
Mit dem Partyprogramm von Las Vegas hatte ihr Zeitpunkt allerdings nichts zu tun.
Ganz im Gegenteil: Die Partys richteten sich nach den Bomben. Denn gerade oberirdische Tests hingen stark vom Wetter ab. Windrichtung, Niederschlag und andere Bedingungen konnten dazu führen, dass eine Sprengung kurzfristig verschoben wurde.
Las Vegas machte aus Tests ein Spektakel
Für die Stadt war die Nähe trotzdem eine Gelegenheit.
Viele der Explosionen konnte man von Las Vegas aus sehr gut sehen. Hotels feierten bis in die frühen Morgenstunden, es gab »Atomic Cocktails« und spezielle Aussichtspunkte für Gäste.
Für eine Stadt, die von Glücksspiel, Show und Spektakel lebte, war das praktisch folgerichtig.
Las Vegas musste die Bomben nicht bestellen. Es musste sie nur vermarkten.
Auch Washington machte die Bombe zum Medienereignis
Trotz alldem wäre es zu einfach, die Inszenierung allein Las Vegas zuzuschreiben.
Die US-Regierung ließ zwar keine Tests für Touristen durchführen, ausgewählte Explosionen wurden aber bewusst öffentlich gemacht – wie das Beispiel des Aussichtspunkts News Nob
zeigt. Reporter und Kamerateams durften zuschauen beziehungsweise filmen. Einzelne Kernwaffentests wurden sogar landesweit ausgestrahlt.
Die Gründe für die öffentlichen Tests waren vielfältig: Sie dienten unter anderem dem Zivilschutz, indem man Häuser, Autos und Schaufensterpuppen auf dem Testgelände verteilte und untersuchte, was Druckwelle und Hitze mit einer typischen amerikanischen Vorstadt anrichten würden.
Neben den wissenschaftlichen und militärischen Zielen spielte auch öffentliche Kommunikation eine Rolle: Solche Inszenierungen sollten unter anderem Stärke demonstrieren und den Eindruck vermitteln, die neue Waffe sei beherrschbar.
Nebenbei brannten sich die Bilder tief in die Popkultur ein.
»Miss Atomic Bomb« war vor allem Werbung
Das wohl bekannteste Beispiel entstand 1957.
Das Foto von »Miss Atomic Bomb« wurde zum Symbol einer seltsamen Mischung aus Machtdemonstration im Kalten Krieg und dem Glamour, den Las Vegas versprühte.
Der Name ist allerdings leicht irreführend. Denn dahinter steckte kein Schönheitswettbewerb, sondern eine inszenierte Werbeaufnahme.
Interessanterweise wurde erst 2025 bekannt, wer hinter dem Künstlernamen der Tänzerin (Lee Ann Merlin) stand: Anna Lee Mahoney, die bereits 2001 im Alter von 73 Jahren verstarb.
Während Las Vegas feierte, zog der Fallout weiter
Hinter der Inszenierung, den Cocktails und Partys steckte jedoch eine Realität, die sich weit weniger gut vermarkten ließ.
Denn die atmosphärischen Tests setzten radioaktiven Fallout frei, der weit über den Bundesstaat Nevada hinauszog. Dabei spielte Jod-131 eine besonders tragische Rolle, da es über Weideland, Kühe und Milch in den menschlichen Körper gelangen konnte.
Später wurden Menschen aus stark betroffenen Regionen als »Downwinders« bekannt. 1990 schließlich schuf der US-Kongress mit dem Radiation Exposure Compensation Act ein Programm, das unter anderem bestimmte Betroffene entschädigte.
Genau dieser harte Kontrast zwischen den 1950er- und 1990er-Jahren macht die Geschichte heute so grotesk.
Während nukleare Explosionen für manche Menschen eine Gesundheitsgefahr bedeuteten, wurden sie anderswo zum Spektakel.
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Die wahre Geschichte braucht den Mythos gar nicht
Die USA zündeten ihre Atombomben nicht für Touristen, sondern aus militärischen, wissenschaftlichen und strategischen Gründen. Und auch der Zeitpunkt wurde nicht von Hoteliers in Las Vegas bestimmt. Er hing unter anderem vom Wetter, technischer Planung und Sicherheitsabwägungen ab.
Trotzdem wurden ausgewählte Explosionen bewusst zu Medienereignissen. Und die Wüstenmetropole verwandelte das, was 105 Kilometer entfernt geschah, in Werbung für den Tourismus, von dem sie lebte.
Der Mythos ist also falsch. Und die wahre Geschichte dahinter verstörend genug.
Man musste die Atombombentests gar nicht für Las Vegas veranstalten. Las Vegas selbst machte sie zur Veranstaltung.

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