Ein Jahr Windows 10 : Hardware-Redakteur Nils Raettig findet, dass Windows 10 eine durchaus gelungene Mischung aus den Vorgängern Windows 7 und 8 ist, Microsoft hat seiner Meinung nach aber immer wieder auch berechtigten Anlass zu Kritik geboten. Hardware-Redakteur Nils Raettig findet, dass Windows 10 eine durchaus gelungene Mischung aus den Vorgängern Windows 7 und 8 ist, Microsoft hat seiner Meinung nach aber immer wieder auch berechtigten Anlass zu Kritik geboten.

Wenn ich mich so an meine bisherige Zeit mit dem inzwischen ein Jahr alten Windows 10 erinnere, dann drängt sich mir der viel zitierte Vergleich zu einer Achterbahnfahrt auf – allerdings nicht unbedingt im positiven Sinne einer Vergnügungsfahrt.

Zum Thema » Microsoft Windows 10 Test mit allen Infos zu Upgrade, Spiele-Performance, DirectX 12 » DirectX 12 Performance Was leisten die GTX-1000-Karten? Microsoft Windows 10 ab 14,99 € bei Amazon.de Dabei hat doch alles so schön angefangen: In meinen ersten Begegnungen mit Windows 10 in Form der Technical Previews Ende 2014 zeigt sich, dass Microsoft prinzipiell auf einem guten Weg ist. Endlich keine Metro-Oberfläche mehr, die längst überfällige Rückkehr zu einem echten Startmenü, durchaus sinnvolle neue Funktion wie die virtuellen Desktops und eine flotte Arbeitsgeschwindigkeit – so sollte ein modernes Betriebssystem aussehen, und dann bekommt man es auch noch ein Jahr lang kostenlos.

Microsofts (zu) offensives Drängen auf einen Wechsel zu Windows 10 zeichnet sich dann aber schon im Mai 2015 in Form der Get Windows 10-App ab, später folgen noch größere Ärgernisse wie automatische Hintergrund-Downloads auf upgradefähigen Rechnern oder plötzlich auftauchende Hinweise und Fenster.

Ich kann ja verstehen, dass es Microsoft sehr wichtig ist, dass möglichst viele Nutzer wechseln. Aber mit einem derart aggressiven Vorgehen verschreckt und verärgert man sie vermutlich eher, als dass man noch unsichere Wechselkandidaten vom Umstieg überzeugt.

Ein Jahr Windows 10 : Das Upgrade zu Windows 10 aus dem Betriebssystem heraus funktioniert meiner Erfahrung nach erstaunlich gut, in der Regel bleibt einfach alles so, wie es ist. Das Upgrade zu Windows 10 aus dem Betriebssystem heraus funktioniert meiner Erfahrung nach erstaunlich gut, in der Regel bleibt einfach alles so, wie es ist.

Start mit versteckten Tücken

Zum Release war ich dann zunächst wieder positiv überrascht: Der Download von Windows 10 ging reibungslos über die Bühne, auch das Upgraden aus dem Betriebssystem heraus funktioniert meinen Erfahrungen nach erstaunlich einfach – alles ist meist genauso wie vorher, nur eben unter Windows 10. Das hat Microsoft definitiv gut gelöst.

Die so genannten »Express-Einstellungen«, die man nach dem Wechsel verwenden kann, sind aber ein klares No-Go. Wer möchte bitte automatisch eine Verbindung mit vorgeschlagenen öffentlichen Hotspots herstellen, noch dazu mit dem wenig vertrauenserweckenden Hinweis »Nicht alle Netzwerke sind sicher«? Mal ganz abgesehen davon, dass das mit einem Deskop-PC ohnehin schwierig werden dürfte. Und wieso muss das Feld zum Anpassen der Express-Einstellungen in kleiner Schrift unten links in der Ecke versteckt sein?

Kurze Zeit später wird aus diesem Ärgernis ein große Wellen schlagendes Phänomen. Verbraucherschützer bezeichnen Windows 10 als »private Abhöranlage«, es gibt News über unerwünschtes Versenden von Daten und Legalitätsprüfungen von Windows 10 in der Schweiz, Russland und Bayern, kurzum: Der Unmut ist groß.

Meiner Meinung nach gehen viele dieser Vorwürfe zu weit, zumal sich eine genaue Analyse der in Windows 10 versendeten Daten schwierig gestaltet und vermutlich auch die Vorgänger Windows 7 und Windows 8 hier keine Unschuldslämmer sind. All das ändert aber nichts daran, dass Microsoft das Vertrauen in sein neues Betriebssystem mit den aus Datenschutz-Sicht sehr ungünstigen Express-Einstellungen sicher nicht steigern kann.

Positiver Test und neue Probleme

Auch unser Test zu Windows 10 fällt in Sachen Datenschutz eher skeptisch aus, das Betriebssystem selbst bestätigt aber meine ersten positiven Eindrücke aus den Technical Previews. Es ist schlank und schnell, Spiele laufen mindestens so flott wie unter Windows 7 oder Windows 8 und auf große Kompatibilitätsprobleme sind wir nicht gestoßen.

Auch aufgrund dieser Erfahrungen bin ich privat quasi direkt zum Release umgestiegen, die Negativschlagzeilen wollen aber auch kurze Zeit danach und abseits des Themas Datenschutz nicht abreißen. Da ist die simple DVD-Player-App, die Microsoft für knapp 15 Euro an den Mann bringen will. Da machen ältere Spiele in Windows 10 Probleme, weil bestimmte Kopierschutzmaßnahmen wie SafeDisc oder SecuROM unter Windows 10 (und mittlerweile auch unter Windows 7 und Windows 8.1) nicht mehr unterstützt werden – wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen.

Und dann gibt es da noch die große Aufregung um einige Zeilen aus den Lizenzbestimmungen, laut denen Microsoft die Nutzung »gefälschter Spiele« und »unerlaubter Hardware« verhindern darf. Manche Spieler befürchten gar, dass Microsoft auf die Jagd nach Raubkopierern gehen will und bald nur noch die Nutzung hauseigener Hardware erlaubt.

Nichts davon ist bis jetzt passiert und letztlich stellt sich schnell heraus, dass es sich nur um ein Überbleibsel alter Passagen aus Xbox Live-Bestimmungen handelt, was sich auch in meinem Gespräch mit dem Juristen Kai Bodensiek bestätigt. Was aber unabhängig davon bei vielen hängen bleibt, ist Skepsis.

Ein Jahr Windows 10 : Der Autor

Hardware-Redakteur Nils Raettig spielt seit ungefähr 25 Jahren auf dem PC. Dabei hat er privat so gut wie alle Microsoft-Betriebssysteme von MS-DOS über Windows 95 bis hin zu Windows 10 mehr oder weniger intensiv genutzt und sich beruflich vor allem mit Windows 10 ausführlich beschäftigt. Das Betriebssystem selbst gefällt ihm dabei auch nach über einem Jahr intensiver Nutzung sehr gut, die schlechte Stimmung Windows 10 gegenüber hat sich Microsoft seiner Meinung nach aber größtenteils selbst und nicht der Qualität von Windows 10 zuzuschreiben.

Das Herbst-Update

In Form des Herbst-Updates (Version 1511) bringt Microsoft dann eine Neuerung, die ich mir schon zum Release gewünscht hätte: Endlich ist es möglich, bei der kompletten Neuinstallation einen Produkt-Key von Windows 7 oder Windows 8.1 einzugeben. Das bringt nicht nur eine zusätzliche Option für den kostenlosen Wechsel ins Spiel, sondern es ermöglicht auch das relativ einfache Übertragen der kostenlos ergatterten Windows 10-Linzenz auf neue Hardware und das Sichern eines kostenlosen Upgrades mit einem nicht genutzten Key der Vorgängerversionen, ohne erst umständlich das alte Betriebssystem installieren und aus ihm heraus upgraden zu müssen.

Alles gut also? Leider nein, viele Nutzer berichten im Zuge des Upgrade-Vorgangs von deinstallierten Programmen und zurückgesetzten Einstellungen – hier scheint Microsoft seine Hausaufgaben einfach nicht richtig gemacht zu haben. Klar, solche Fehler können passieren, und ich selbst habe weder auf unseren Redaktionsrechnern noch auf meinen privaten PCs Probleme mit dem Herbst-Update gehabt. Wenn aber ohnehin bereits eine ziemlich gereizte Stimmung herrscht, sind solche Vorfälle natürlich nicht dazu geeignet, die Gemüter zu beruhigen.

Auch im Jahr 2016 will nie so recht Ruhe um Windows 10 einkehren. Da gibt es den äußerst ungeschickten Blog-Eintrag, der für Windows 7 und Windows 8 keinen offiziellen Support für neue CPU-Generationen in Aussicht stellt (wobei gleichzeitig sehr wahrscheinlich ist, dass die Windows 10-Vorgänger auch ohne offiziellen Support mit kommenden Prozessorgenerationen problemlos zu Recht kommen werden). Dann folgt der eher holprige Start der ersten großen Spiele wie Quantum Break als Universal Windows App im Windows Store, der auch meiner eigenen Erfahrung nach einiges an Komfort vermissen lässt (siehe auch unsere große FAQ zum Windows Store).

Es gibt Diskussionen um Windows Store- und Windows 10-exklusive Spiele, die sogar eine Branchen-Größe wie Tim Sweeny zu düsteren Spekulationen über Monopolbildungen und die Verdrängung von Konkurrenten wie Steam verleiten (und das wiederholt). Und auch vermeintlich weniger spektakuläre Meldungen wie die Streichung der klassischen Suchfunktion zu Gunsten der Such- und Sprachassistentin Cortana führen zu Unmut.

Ein Jahr Windows 10 : Zu den Ärgernissen von Windows 10 gehören auch solche aggressiven Hinweise auf die Nutzung des kostenlosen Wechsels. Zu den Ärgernissen von Windows 10 gehören auch solche aggressiven Hinweise auf die Nutzung des kostenlosen Wechsels.

Schuld und (kaum) Sühne

Ich gebe ehrlich zu, dass auch eine Webseite wie unsere zu der teilweise sehr schlechten Stimmung gegenüber Microsoft und Windows 10 beiträgt. Negative Schlagzeilen erzeugen in der Regel größere Aufmerksamkeit als positive Schlagzeilen, und das verleitet dazu, solche Meldungen in den Vordergrund zu rücken.

Wenn ich mein erstes Jahr mit Windows 10 aber so Revue passieren lasse, dann muss ich gleichzeitig konstatieren, dass Microsoft sich diese Suppe in den meisten Fällen letztlich selbst eingebrockt hat, indem immer wieder berechtigter Anlass zu Negativschlagzeilen gegeben wurde.

Wieso streicht man missverständliche alte Passagen nicht aus seinen Lizenzbestimmungen? Wieso kommuniziert man nicht klar und deutlich, dass es hierzulande auch bei der Nutzung des kostenlosen Upgrades keine Bindung an die Hardware gibt oder geben wird (was in Deutschland ja auch rechtlich gar nicht umsetzbar wäre)? Und wieso überlässt man seinen Kunden nicht einfach selbst die Wahl, ob sie wechseln wollen oder nicht, statt sie immer wieder mehr oder weniger penetrant dazu zu drängen?

Mit dem Betriebssystem Windows 10 bin ich persönlich auch ein Jahr nach seinem Erscheinen trotz kleiner Ärgernisse wie der zweigeteilten Systemsteuerung oder der zu geringen Kontrolle über die Installation von Updates prinzipiell immer noch sehr zufrieden. Microsofts oft sehr ungeschickter Umgang mit seinen Kunden lässt aber nach wie vor mehr als zu wünschen übrig. Ich kann deshalb gut nachvollziehen, dass manche Spieler den Ablauf der Frist ganz bewusst haben verstreichen lassen, zumal auch das durchaus vielversprechende DirectX 12 bislang nicht wirklich in Form von schnell(er) und sauber laufenden Spielen glänzen konnte.

Bleibt nur zu hoffen, dass das nächste Jahr mit Windows 10 weniger Anlass zur Kritik gibt – sowohl im Hinblick auf Microsofts verbesserungswürdige Öffentlichkeitsarbeit und das Betriebssystem selbst als auch in Sachen DirectX 12.

» zum Thema: Was macht DirectX 12 besser?

Ein Jahr Windows 10 : Die ersten finalen DirectX 12-Spiele wie Hitman liefern bislang nur sehr bedingt schlagkräftige Argumente für den Wechsel zu Windows 10. Die ersten finalen DirectX 12-Spiele wie Hitman liefern bislang nur sehr bedingt schlagkräftige Argumente für den Wechsel zu Windows 10.