Anno 2070 im Test
Anno dazubald
Fazit der Redaktion
Martin Deppe: »Anno bleibt Anno«, dieser Marketing-Schlachtruf hat bisher bestens gepasst. Auch für Anno 2070 – wenn man sich nur die Spielmechanik anschaut. Bedürfnisse erfüllen, Städte großziehen, weitere Inseln besiedeln, Waren verschippern: Alles drin, viele Abläufe beherrsche ich im Schlaf. Doch das Mittelalter-Flair fehlt mir gewaltig, nicht nur wegen der jetzt schwer unterscheidbaren Produktionsgebäude. Anno 2070 ist nüchterner, technokratischer, weniger heimelig, weniger »heile Welt« als in den Vorgängern, Klar, die waren fast schon kitschig überzogen, doch das machte auch ihren Charme aus. Wenn Sie Anno bisher ausschließlich wegen seiner pittoresken Welt gespielt haben, dürfte 2070 Sie im wahrsten Sinne des Wortes ernüchtern, zumindest anfangs. Falls Sie aber vor allem Wert auf eine komplexe, extrem ausgefeilte Spielmechanik mit Langzeitmotivation legen, riesige Städte, Warenketten und Flotten hochziehen wollen und gerne indirekt mit anderen Spielern zusammenarbeiten, dann sind Sie hier goldrichtig. Denn vor allem im Endlosspiel ist eine Partie Anno 2070 faszinierend und hat etwas von einer Modellbahn: Nie fertig, es gibt immer was zu tun – und das ist gut so!
Heiko Klinge: Oh mein Gott, sie haben ein Monster erschaffen! Anno 2070 ist derart umfang- und facettenreich, dass selbst Serienveteranen wie ich erst einmal erschlagen werden. Vor allem bei den schwer unterscheidbaren Gebäuden ist Lernwille gefragt, das hätte man trotz des Zukunftsszenarios intuitiver lösen können. Wer sich jedoch einarbeitet, bekommt zur Belohnung eben kein zahmes Casual-Schäfchen, sondern ein für Monate motivierendes Aufbauspielmonster, das in Zeiten von DLC-Abzocke, miesen Konsolenumsetzungen und Facebook-Klickmaschinen eindrucksvoll zeigt, wozu PC-Spiele heutzutage in der Lage sind.
Michael Graf:
Es ist ein Weilchen her, dass mich ein Spiel bis ein Uhr nachts vor den Rechner gefesselt hat. Auch Anno 2070 schafft das nicht. Als ich’s zuletzt beendet habe, war’s nämlich schon drei Uhr. Denn das Zukunfts-Anno mag zwar in Sachen Atmosphäre nicht der Serien-Höhepunkt sein, in Sachen Komplexität aber schon: Dank der drei Fraktionen und unzähligen Items gibt’s immer etwas zu optimieren, zu bauen, zu erforschen. Was freilich Übersicht kostet – das Hin-und-her-Geklicke zwischen den drei Baumenüs ist ein Fluchgenerator erster Güte. Aber auch ein Faszinations-Generator, ich kann stundenlang an all den Schräubchen drehen, ohne dass mir langweilig wird. Unterm Strich fehlen mir in Anno 2070 nur zwei Dinge. Erstens: Bodentruppen. Es wäre schön, Feindinseln mit Panzern zu überrennen statt mit lahmen Flugzeugen. Zweitens: Eine spannende Kampagne. Denn der Feldzug dient zwar als (sehr sinnvolles) Tutorial und erzählt eine brauchbare Geschichte, ist aber schleppend erzählt und größtenteils müde inszeniert. Sei’s drum, Anno lebt vom Endlosspiel, und das macht großen Bastelspaß. Der Zeitsprung ist geglückt – zumal ich glänzige Science Fiction eh lieber mag als Mittelalter-Kitsch.