Eigentlich bin ich für mein Gesundheits- und Fitness-Tracking voll im Apple-Kosmos unterwegs. Meine Apple Watch 7 spornt mich täglich an, mich mehr zu bewegen, doch fürs Schlaftracking ist sie für mich nicht geeignet – und das liegt vor allem am Akku.
Wenn ich die Watch auch zum Schlafen tragen will, müsste ich sie zweimal am Tag laden. Außerdem ist eine Uhr am Handgelenk im Bett nicht gerade bequem. Ein smarter Ring klang da nach der perfekten Lösung – klein, leicht und mit einer Akkulaufzeit, die eine ganze Arbeitswoche durchhält.
Mein Experiment: Anfang Februar startete ich das Experiment mit dem Ultrahuman Ring Air. Das Sizing-Kit kam vorab in einer hübschen Box, damit die Passform auch wirklich sitzt. Nach zwei Tagen habe ich den Ring am Finger ehrlich gesagt nicht mehr gespürt – nur der Zeigefinger war für mich als Trageort ein No-go, da er dort im Alltag doch eher stört.
Nach einer schnellen Einrichtung ohne langes Tutorial ging es los: 14 Tage Kalibrierung standen an, bevor die Daten wirklich aussagekräftig wurden.
In den letzten 60 Tagen habe ich einiges über meinen Schlaf und meine Gesundheit gelernt. Dabei ist wichtig zu wissen: Diese Messwerte sind keine ärztlichen Diagnosen, sondern Anhaltspunkte, die ich mit meinem subjektiven Empfinden abgeglichen habe. Hier sind meine wichtigsten Learnings aus dem Test.
Learning 1: Man unterschätzt massiv, wie viel man eigentlich schläft
Das habe ich gelernt
Kennt ihr das? Ihr liegt gefühlt die halbe Nacht wach, starrt alle halbe Stunde auf die Uhr und denkt euch: »Na toll, das wird morgen ein beknackter Tag!« Der Ring hat mich hier eines Besseren belehrt.
Oft war das, was sich für mich wie Wachliegen und Nachdenken anfühlte, bereits Schlafstadium 1 oder sogar schon der Beginn einer REM-Phase. Ich konnte das teilweise sogar selbst verifizieren: Ich dachte, ich sei seit drei Stunden wach, erinnerte mich aber plötzlich an mehrere Traumfetzen.
Der Ring bestätigte das mit entsprechenden Daten. Das nimmt den psychischen Druck komplett raus, wenn man mal wieder glaubt, eine schlaflose Nacht hinter sich zu haben. Denn oft schlafen wir mehr, als wir denken.
Das sagt die Wissenschaft
Die Wissenschaft bestätigt das: Studien belegen, dass Menschen mit Schlafproblemen ihre nächtliche Schlafdauer im Schnitt um eineinhalb bis zwei Stunden unterschätzen.
Der Neurologe und Schlafmediziner Philipp Valko kennt das aus dem Schlaflabor: Kurze Wachphasen werden viel intensiver erinnert als der leichte Schlaf dazwischen – so entsteht der Eindruck, die ganze Nacht wachgelegen zu haben, obwohl objektiv mehrere Stunden Schlaf zusammenkommen.
Dieser falsche Eindruck ist dabei nicht harmlos: Er verstärkt den inneren Druck, endlich schlafen zu müssen — und macht das Einschlafen damit noch schwerer (via srf).
Das ändere ich
Wenn ich nachts aufwache oder das Gefühl habe, stundenlang wach zu liegen, schaue ich nicht mehr auf die Uhr. Stattdessen atme ich ruhig weiter und vertraue darauf, dass mein Körper mehr schläft als ich wahrnehme. Den psychischen Druck, unbedingt schlafen zu müssen, lasse ich bewusst los, denn genau dieser Druck macht es schlimmer.
Übrigens: Was mir hilft, wenn ich nachts doch mal zu meinem Sohn muss und nicht direkt wieder einschlafen kann: Atemübungen. Die senken den Puls und helfen beim Einschlafen.
Learning 2: Ich wälze mich öfter als der Durchschnitt
Das habe ich gelernt
Ein Punkt, den der Ultrahuman Ring gnadenlos aufdeckt, ist die Bewegungsintensität in der Nacht. Laut den Daten wälze ich mich oft hin und her – bis zu zehnmal pro Nacht.
Das Seltsame dabei: In meinem Schlafzimmer ist es eigentlich angenehm kühl, ruhig und dunkel, was unruhigen Nächten eigentlich vorbeugen sollte. Ich habe da allerdings einen Verdacht: meine Katze. Die läuft nachts gerne mal durchs Zimmer oder springt aufs Bett, was mich womöglich unbewusst stört und mich in Bewegung versetzt.
Das sagt die Wissenschaft
»Nicht so schlimm«, möchte man meinen. Doch häufiges Wälzen kann mit kurzen Aufwachreaktionen einhergehen, auch wenn man sich morgens an nichts davon erinnert. Schlafmediziner nennen das »Arousals« – und selbst die kürzesten davon, die nur im EEG sichtbar sind, fragmentieren den Schlaf messbar.
Laut einer Dissertationsschrift der Universität Regensburg zeigten bereits junge Schläfer mit Schlafproblemen deutlich mehr dieser mikrostrukturellen Unterbrechungen als gesunde Kontrollpersonen. Das Ergebnis: Man fühlt sich tagsüber träger und weniger konzentriert, obwohl die Gesamtschlafdauer auf dem Papier stimmt.
Das ändere ich
Ich werde testen, ob die Nächte ruhiger werden, wenn die Katze das Schlafzimmer nicht mehr betritt. Das klingt hart, könnte aber der einfachste Hebel sein — und der Ring wird mir potenziell zeigen, ob es etwas bringt.
Learning 3: Mein Körper braucht ewig, um in den Ruhezustand zu kommen
Das habe ich gelernt
Ein Wert, der bei mir fast immer im roten Bereich war, ist der sogenannte Herzfrequenz-Abfall. Dieser Wert gibt die Zeit an, die meine Herzfrequenz benötigt, um während des Schlafens den niedrigsten Punkt zu erreichen.
Normalerweise sollte die Frequenz bereits kurz nach dem Einschlafen sinken. Bei mir passiert das aber oft erst in den frühen Morgenstunden. Ohne den Ring hätte ich nie bemerkt, dass mein interner Motor noch Stunden nach dem Zubettgehen auf Hochtouren läuft.
Das sagt die Wissenschaft
Aus medizinischer Sicht ist ein verzögerter HF-Abfall ein klassisches Zeichen von Hyperarousal — einem Zustand, in dem das sympathische Nervensystem nach dem Einschlafen noch auf Betriebstemperatur bleibt, statt die Kontrolle an den Parasympathikus abzugeben.
Forscher der Uniklinik Freiburg konnten zeigen, dass genau diese schlafspezifische Gehirnaktivität (und nicht bloße Ruhe) entscheidend für echte Erholung ist. Wer im Bett liegt, aber innerlich noch läuft, schläft zwar, erholt sich aber nicht vollständig.
Das ändere ich
Ich werde Entspannungstechniken wie Atemübungen gezielt vor dem Schlafen ausprobieren, Kaffee rigoros nach 14 Uhr streichen und nach 19 Uhr keinen Sport mehr treiben. Der Ring zeigt mir dann schwarz auf weiß, ob diese Maßnahmen meinen HF-Abfall tatsächlich verbessern.
Learning 4: Ich sollte nach 14 Uhr keinen Kaffee mehr trinken
Das habe ich gelernt
Apropos Kaffee am Nachmittag: Der Ultrahuman Ring bietet sogenannte »PowerPlugs« an – kleine Software-Erweiterungen innerhalb der App. Einer davon befasst sich mit Koffein.
Basierend auf meiner Körpergröße, meinem Gewicht und meinen Schlafdaten hat mir das System berechnet, dass ich ab 14 Uhr keinen Kaffee mehr trinken sollte, wenn ich gegen 21:30 Uhr ins Bett gehe. Das war für mich ein Augenöffner, denn bislang trank ich zwei Americanos am Tag – morgens um 8 Uhr und nachmittags um 15 Uhr, teilweise sogar später.
Das sagt die Wissenschaft
Koffein hat eine Halbwertszeit von etwa 5 bis 6 Stunden. Wer um 15 Uhr einen Café Crema trinkt, hat beim Zubettgehen um 21:30 Uhr immer noch rund 40–50 mg Koffein im System – das entspricht etwa der Wirkung eines halben Espressos direkt vor dem Schlafen.
Auch wenn man damit problemlos einschläft, leidet die Schlafqualität messbar darunter: Koffein unterdrückt den Tiefschlaf und verkürzt die Gesamtschlafdauer, selbst wenn man seinen Einfluss subjektiv gar nicht spürt.
Das ändere ich
Letzter Kaffee des Tages: 14 Uhr. Kein Espresso am Wochenende nach dem Mittag. Ich bin gespannt, ob sich das in meinen HF-Abfall-Werten und meinem Tiefschlafanteil niederschlägt — der Ring wird es mir sagen.
Learning 5: Die Körpertemperatur ist ein Frühwarnsystem
Das habe ich gelernt
Meine Körpertemperatur ist generell recht niedrig. Während ein klassisches Fieberthermometer unterm Arm meist 35,7 Grad anzeigt, misst der Ring am Finger oft ein Mü weniger. Aber auf die absoluten Zahlen kommt es gar nicht an, sondern auf die Abweichungen.
Der Ring erkennt sofort, wenn es im Schlafzimmer deutlich zu warm war, oder wenn sich ein Infekt anbahnt. Ich hatte mich in den vergangenen Wochen einmal morgens unwohl gefühlt. Der Blick auf die Daten zeigte: Meine Temperatur war gestiegen. Nach weiteren 24 Stunden wusste ich, warum: Eine Erkältung hatte sich angekündigt, noch bevor ich sie als solche wahrgenommen hatte.
Das sagt die Wissenschaft
Die nächtliche Körperkerntemperatur ist eng mit dem Schlaf-Wach-Rhythmus verknüpft. Sie sinkt beim Einschlafen und erreicht ihr Minimum in der Tiefschlafphase – ein Anstieg davon ist eines der frühesten physiologischen Signale einer Immunreaktion.
Wearables, die kontinuierlich die Hauttemperatur messen, können diese Abweichungen oft 24 bis 48 Stunden vor dem Auftreten klassischer Symptome erkennen.
Das ändere ich
Ich überprüfe bei einem ungewöhnlichen Temperaturwert morgens konsequent, ob ich die kommenden 24 Stunden etwas entschleunigen sollte — weniger Sport, mehr Schlaf, mehr Wasser. Der Ring als Frühwarnsystem funktioniert aber nur, wenn man auf die Signale auch tatsächlich reagiert.
Learning 6: Acht Stunden Schlaf sind nicht gleich acht Stunden Schlaf
Das habe ich gelernt
Ich habe gelernt, dass die reine Dauer im Bett fast gar nichts aussagt. Es gab Nächte, in denen ich trotz neun Stunden Schlaf völlig groggy war. Der Blick in die App lieferte die Erklärung: zu wenig Tiefschlaf oder ständig unterbrochene Schlafzyklen.
Auf der anderen Seite gab es Nächte mit nur vier bis fünf Stunden, nach denen ich mich trotzdem frisch fühlte, weil sich mein Körper in dieser kurzen Zeit besonders viel Tiefschlaf geholt hatte.
Das sagt die Wissenschaft
Das deckt sich mit dem, was die Schlafforschung seit Langem weiß: Entscheidend für die Erholung ist nicht die Gesamtschlafdauer, sondern der Anteil an Tief- und REM-Schlaf. Laut Helios Gesundheit gilt: Langschläfer schlafen nicht automatisch besser als Kurzschläfer.
Entscheidend ist vor allem der Tiefschlafanteil, der Wachstum, Immunisierung und Entgiftung fördert. Ein Schlafzyklus dauert etwa 90 Minuten; wer früh und kompakt in den Tiefschlaf fällt, kann auch aus einer kurzen Nacht erholt hervorgehen.
Das ändere ich
Ich höre auf, Schlaf nur in Stunden zu messen und vermeide mich zu sehr mit Messwerten zu beschäftigen. Ich akzeptiere, dass eine kurze, dichte Nacht manchmal mehr wert ist als neun Stunden schlechter Schlaf.
Wenn ihr euch für smarte Ringe interessiert, solltet ihr euch das Video von meinem Kollegen Patrick anschauen, der schon einige getestet hat:
16:02
Smart-Ring als Alternative zur Smartwatch? Das müsst ihr unbedingt vorher wissen!
Learning 7: Der Körper lügt nicht, der Algorithmus aber manchmal schon
Das habe ich gelernt
Eines der wichtigsten Dinge, die ich gelernt habe: Man darf der Technik niemals blind vertrauen. Erst vor Kurzem hatte ich eine Nacht, in der ich zwei, drei Whisky getrunken hatte.
Ich wachte am nächsten Morgen mit Kopfweh und Schwindel auf. Doch der Ring meldete freudig, ich hätte einen fantastischen Schlafindex von 95 gehabt und sogar mehr Tiefschlafphasen als sonst gesammelt. Die App riet mir sogar, ich könne ruhig mehr Koffein trinken, weil mein Gehirn nachts so »effektiv« abgebaut hätte.
Das sagt die Wissenschaft
Das ist natürlich kompletter Quatsch – und kein Zufall, sondern ein bekanntes Messproblem. Forscher konnten per EEG zeigen, dass alkoholinduzierter Tiefschlaf zwar die charakteristischen Slow-Wave-Aktivitäten im Gehirn zeigt, gleichzeitig aber erhöhte Alpha-Wellen-Aktivität in den vorderen Hirnbereichen messbar ist – ein klares Zeichen, dass sich dieser Teil des Gehirns keineswegs im echten Tiefschlafmodus befindet.
Ein Wearable am Finger sieht diese Mikrostruktur schlicht nicht; es misst Herzfrequenz und Bewegung, keine Hirnströme. Der Algorithmus wertet alkoholtypische Bewegungsarmut und den gedämpften Herzschlag als Erholung, obwohl der Körper in Wirklichkeit ein Zellgift abbaut.
Schlafmediziner warnen ohnehin: »Wenn mich meine Uhr am nächsten Morgen darüber informiert, dass ich nur sieben Prozent Tiefschlaf hatte, schlafe ich in der kommenden Nacht garantiert noch schlechter. Schlaf darf kein Wettbewerb sein«, sagt Schlafmediziner Dr. Pramsohler.
Das nehme ich mit
Gadgets sind tolle Begleiter, aber kein Ersatz für das eigene Körpergefühl. Wer sich krank oder unwohl fühlt, sollte dem mehr vertrauen als jedem Algorithmus. Und wer unter chronischen Schlafproblemen leidet, ist beim Arzt oder im Schlaflabor besser aufgehoben als beim nächsten App-Update.
Übrigens: Hier geht’s zum Test des Ultrahuman Air von meinem Kollegen Patrick, der schon smarte Ringe am Finger hatte und euch genau sagen kann, was der Ring taugt.
Mein Fazit nach 60 Tagen mit einem smarten Ring
Nach 60 Tagen ist der Ultrahuman Ring Air für mich ein spannendes Tool zur Selbstoptimierung geworden. Er schärft das Bewusstsein für die täglichen Entscheidungen – vom Kaffee am Nachmittag bis zum Glas Wein. Aber man lernt eben auch, die Daten kritisch einzuordnen und sich nicht verrückt machen zu lassen, wenn ein Wert mal nicht in der Norm liegt.
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