Der unsichtbare Atem einer Riesin bläst auf dem afrikanischen Kontinent schleichend gen Süden: die Trockenheit der Sahara. Die sichtbare Verwüstung weiter Landstriche in der Sahelzone bedroht das Leben Dutzender Millionen Menschen. Sie ist das Bindeglied zwischen der Wüste im Norden und den Savannen im Süden.
Die voranschreitende Gefahr kennen und fördern wir seit etlichen Jahrzehnten, ist sie doch mindestens teilweise menschengemacht: Intensive Bodennutzung und vorhergehende Waldrodungen trocknen empfindliche Böden aus und ebnen so der Wüste den Weg. Obendrein übt die Klimakrise mit wiederkehrenden Dürren zusätzlichen Druck auf die Öko- und Wirtschaftssysteme aus – soziopolitische Instabilität ist nur eine Folge von vielen.
2007 schlossen sich elf Staaten (Burkina Faso, Tschad, Dschibuti, Eritrea, Äthiopien, Mali, Mauretanien, Niger, Nigeria, Senegal, Sudan) zu einer Initiative zusammen. Ihr ursprüngliches Ziel: ein grünes Band als Schutzgürtel – heute ist das Vorhaben weit mehr. Die Anfänge dieser Idee reichen bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zurück, ehe sie Anfang der 2000er der nigerianische Präsident aufgriff.
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Der britische Forstmann Richard St. Barbe Baker schlug 1952 eine „grüne Front“ als 50 Kilometer breite Baumbarriere gegen die Wüste vor.
Heutzutage nimmt sein Vorschlag unter afrikanischer Regie als Große Grüne Mauer (Great Green Wall, GGW) auf einer Gesamtfläche von 156 Millionen Hektar langsam Form an. Das entspricht 218 Millionen Fußballfeldern oder etwa dem 4,4-Fachen der Fläche Deutschlands.
Die Zonen reihen sich als loses Band vom Senegal-Becken bis zum Horn von Afrika aneinander – also vom Atlantik einmal quer südlich der Sahara bis ans Rote Meer.
Wobei es weniger um Bäume als um Wasser im Boden sowie Bewuchs jeglicher Art geht. Letzterer hält den Verfall der Böden auf und ersteres bietet den unverzichtbaren Grundstoff, ohne den nichts gedeiht. Denn nur wassertragende Böden können Pflanzen ernähren, die wiederum dem Boden Halt geben. Ohne Bewuchs und Wurzelwerk kann der Wind die obersten, trockenen Schichten abtragen. So schält er die potenziell fruchtbare Muttererde weg – die Wüste breitet sich aus.
Um die Verwüstung zu verhindern, existiert nicht der eine Weg, sondern unzählige an die lokalen Gegebenheiten und Herausforderungen angepasste Bewirtschaftungsweisen. Ihre Ziele lauten: Baum- oder Strauchbedeckung zu schützen oder zu erneuern, da sie den Niederschlag vor Ort festhalten und so zur Grundwasserneubildung oder zur direkten Verwertung des Regens beitragen.
Die „Große Grüne Mauer“ ist ein Mosaik aus Landnutzungsprojekten unterschiedlicher Art. Die Ziele bis 2030 zeigen sich ambitioniert:
- 100 Millionen Hektar degradiertes Land wiederherstellen (etwa 140 Millionen Fußballfelder)
- 250 Millionen Tonnen Kohlenstoff binden und
- zehn Millionen grüne Jobs schaffen
Stellt euch die Idee geografisch aber eher wie ein Mosaik an Eilanden vor. Sie ziehen sich als Inselketten in einem Band quer über den afrikanischen Kontinent die Sahelzone entlang. Sie trennt und umgibt jeweils eine mitunter von Trockenheit akut bedrohte oder gar ergriffene Landschaft.
Ebenso verbietet sich eine geschlossene grüne Mauer. Neue Erkenntnisse zu den realen Wüstenbildungsprozessen schieben der alten britischen Idee einen Riegel vor – der Name blieb halt trotzdem hängen.
Schwer messbarer Fortschritt
Genaue Zahlen, was durch wen, bisher in welchem Maße umgesetzt wurde, sind unvollständig bzw. dann auch letztlich untereinander nur eingeschränkt vergleichbar – ein Resultat der fragmentierten Monitoringsysteme. Nur als Auszug, um die Komplexität zu zeigen: Der jüngste Bericht der Konvention der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) zählt 389 Projekte, aber weniger als 90 melden Daten nach einheitlichen Indikatoren.
Derzeit bieten sich deshalb vorrangig diese Zahlen an:
- 1,66 Millionen Hektar an Fläche in Restaurierung
- 4,6 Millionen geschaffene Jobs
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Zielmarken für 2030 werden wohl verfehlt
Ob es bis 2030 gelingt, die Zielmarken zu erreichen, darf bezweifelt werden. Diverse Probleme abseits der Ökologie verzögern den Fortschritt, teils ist insbesondere die Finanzierung nicht hinlänglich geklärt. Hinzu kommen militärische Konflikte, Putsche oder Terrorakte, die die Bemühungen behindern.
Des Weiteren äußern einige Wissenschaftler Zweifel an der Nachhaltigkeit des Vorhabens: Das Karlsruher Institut für Technologie hält etwa 25 Prozent des GGW-Gebietes ohne Bewässerung für nicht nachhaltig bepflanzbar.
Die Hürden sind hoch und zahlreich, doch auch die UNCCD hält an der Vision fest:
Stellt euch all die großen Wunder der Welt vor. Inmitten dieser Bauwerke von historischem, gesellschaftlichem und kulturellem Wert ist die Große Grüne Mauer Afrikas ein lebendiges Gebilde, das aus fruchtbarem Land, florierenden landwirtschaftlichen Wirtschaftssystemen und widerstandsfähigen Gemeinschaften besteht.
Einschätzung der Redaktion
Gerald Weßel: Für die Initiative von afrikanischen Staaten auf ihrem gemeinsamen Kontinent vermag ich nur Hochachtung zu empfinden. Aber natürlich verlangt solch ein kontinentüberspannendes Band Extremes an allen Fronten und von allen Akteuren. Es ist ein Mammutprojekt, bei dem zwangsläufig auch Einzelprojekte scheitern oder Ziele verfehlt werden.
Die GGW-Initiative ist in Anbetracht ihrer verfolgten Vision jung. Sie darf und muss sich stets anpassend dazulernen. Sind Teile des Vorhabens unrealistisch? Vielleicht. Stört die politische Lage mancherorts mehr, als dass sie hilft? Ja, sicher. Und doch bleibt es für mich dabei: Die Sahelzone braucht die Vision einer Zukunft im Einklang von grüner Technik, nachhaltiger Bodennutzung und wirtschaftlichen Perspektiven – und all das im Angesicht ihres vertrauten Feindes, der Sahara.
Obschon das zugleich ideenhafte als auch geografische Mosaik eher einer grünen Inselkette im ausgeblichenen Landesinneren gleicht, erfüllt es einen Zweck: Es schützt zumindest Teile der millionenstarken Bevölkerung der Region und setzt Impulse für eine grüne Wirtschaft.


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