Mailand als Vorreiter: Vertikale Wälder gehören zur Zukunft des Städtebaus – nicht nur wegen der Hitze

Städte fressen sich für gewöhnlich in Wälder. Wenn ein Wald an einem Wohnhaus empor wächst, geht also wirklich seltsames vor. Wir erklären die Hintergründe.

Grünes in luftiger Höhe überragt Mailand – eine Blaupause für die Stadtplanung von morgen?
(Bildquelle: Adobe Stock, ClaudioArnese) Grünes in luftiger Höhe überragt Mailand – eine Blaupause für die Stadtplanung von morgen? (Bildquelle: Adobe Stock, ClaudioArnese)

Ein normaler Morgen inmitten von Mailand: Nach dem Aufstehen erst einmal raus in den Wald – für die 250 Bewohner einer besonderen Siedlung im Großstadtdschungel Alltag. Im sogenannten »Bosco Verticale« leben sie buchstäblich in zwei Hochhäusern, eingewoben von Holz, Ästen und Blättern.

800 Einzelbäume und mehrere Tausend Stauden umhüllen gleich zwei 112 und 80 Meter hohe Wohngebäude. Die wie verschwenderischer Luxus anmutende Idee schälte sich als Lösung für mehrere, global um sich greifende Probleme der Stadtplanung heraus, allen voran: Städte brauchen das Grün, zerstören es aber durch ihr Wachstum. Wie lässt sich beides vereinen?

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Der vertikale Wald von Mailand

Der zu Deutsch vertikale Wald von Mailand entstand in siebenjähriger Bauzeit zwischen 2007 und 2014. 113 Wohnungen teilen sich auf die zwei Wohntürme auf – einer misst 27 Etagen, der andere 19. Doch die Stars sind nicht die Gebäude, sondern was an ihnen wächst. Auf den versetzt platzierten, terrassenartig angeordneten Balkonen wachsen 800 Bäume sowie 20.000 niedrigere Pflanzen.

Insgesamt entspricht dies rund 30.000 m² Wald und zugehöriges Unterholz, konzentriert auf 3.000 m² Stadtfläche. Von Monokultur kann derweil auch nicht die Rede sein: Rund 90 Arten teilen sich je nach ökologischer Nische am Haus die Flächen. Viele der Bäume verfügen sogar über genügend Raum, um etwa drei Stockwerke hinaufzuwachsen. So entsteht der Eindruck eines Waldes, da die Pflanzen das Gebäude ein- beziehungsweise umschließen.

Wer seine Wohnung und schließlich das Hochhaus verlässt, stößt vor der Lobby auf das nächste Stück Grün: Eine Reihe von Parks umschließt den vertikalen Wald in alle Richtungen und grenzt das Gelände klar von der städtischen Umgebung ab.

Von fern und nah: ein vertikaler Wald mit Fenstern und Glasverandas. (Bildquellen: Unsplash, Matteo Eria und alex mihu)

Sinn und Nutzen des vertikalen Waldes

Abseits von einem vermarktbaren Luxus-Bauwerk steckt hinter dem Bosco Verticale aber auch eine Idee realer Wissenschaft mit Nutzen für die Menschen. Der Leitsatz des Architekten Stefano Boeri ist so kompliziert wie eingängig:

Anstatt zuzulassen, dass sich Städte in natürliche Grünflächen hineinfressen und Böden versiegeln, stapelt das Konzept Wohnraum und Wald einfach auf ein und derselben Fläche. Beides verschmilzt zu einer funktionalen Einheit. Einst Gegensätzliches wird vereint – wenn auch in einer architektonisch komplexen Bauform.

Vertikale Wälder bringen dabei mehrere Vorteile für Bewohner wie auch Umgebung mit:

  • Verschattung im Sommer: Laub filtert Sonnenstrahlung, statt sie zu reflektieren – anders als bei mineralischen Fassaden
  • Wärmedämmung im Winter: Laubabwurf lässt im Winter mehr Licht durch, wenn die Bäume kahl sind
  • Luftreinigung: Blattwerk bindet Feinstaub, produziert Sauerstoff und absorbiert CO₂
  • Mikroklima-Regulierung: Verdunstung über die Blätter erhöht die Luftfeuchtigkeit und kühlt die direkte Umgebung

Die Idee transformiert die Fassade zu einem sogenannten bioklimatischen Puffer. Er übernimmt Aufgaben, die sonst Klimaanlagen oder Beschattungssysteme technisch lösen müssen. Obendrein wirkt die Bepflanzung in die Nachbarschaft, indem sie die durchschnittliche Temperatur senkt und Regen bindet – ähnlich wie beim Konzept der Schwammstadt.

Allerdings sollte niemand hoffen, dass das Grün eine relevante Menge an Kohlenstoffdioxid bindet. 800 Bäume und sonstiges Grün reichen bei Weitem nicht aus, um den Bau des Gebäudes oder seine Nutzung auszugleichen. Der reale Nutzen konzentriert sich eher auf das Innere des Hauswaldes sowie seine Wirkung auf das lokale Mikroklima im Stadtviertel – darüber hinaus sprechen wir eher von Symbolismus als Klimarelevanz.

Es strahlt aber als positives und aufsehenerregendes Beispiel weit über die Grenzen Mailands hinaus – wie auch mehrere Preise 2014 und 2015 nach seiner Vollendung direkt zeigten. Als Vorbild beeinflusst es inzwischen global den Diskurs um modernen Städtebau.

Deutschlands Fassade und Nachfolge-Hauswälder

Deutschland kennt selbst keine vertikalen Wälder, die dem Mailänder-Vorbild nahekommen. Wir beherbergen jedoch Europas größte Grünfassade, der Kö-Bogen II in Düsseldorf.

Mehr als 30.000 Hainbuchen-Heckenpflanzen ranken sich an der Fassade hinauf – zusammen bilden sie eine rund acht Kilometer lange Hecke. Das Grünvolumen entspricht etwa 80 ausgewachsenen Laubbäumen, also etwa zehn Prozent des Bosco Verticale. Die Bewässerung erfolgt über Tropfbewässerung, überwiegend gespeist von Regenwasser.

Weitere dem vertikalen Wald aus Mailand ähnliche Bauwerke finden sich aber mittlerweile in Eindhoven oder Utrecht (beide in den Niederlanden). Der Trudo Vertical Forest in ersterem Fall ist ein 75 Meter hoher Turm, in dem 125 Sozialwohnungen untergebracht sind. Utrecht beheimatet derweil Wonderwoods – eine gemischte Siedlung mit 200 Appartements, Sportanlagen, Gewerbe und Restaurants.

Bei den Nachahmern im Geiste zeigt sich derweil ein klarer Trend weg vom Luxus. Durch den Einsatz von günstigeren Fertigbauteilen aus Stahl und Beton haben sich die Preise pro Quadratmeter beinahe halbiert. Nur so rückten die Sozialwohnungen in Eindhoven überhaupt in wirtschaftliche Reichweite.

Hoch hinaus auf hölzernen Pfeilern

Tatsächlich verwurzelt sich hier global ein neuer Trend: Hochhäuser aus Holz. Anstatt Häuser zu begrünen oder gar mit Bäumen zu staffieren, entwerfen Architekten inzwischen regelmäßig Wolkenkratzer, die fast ausschließlich aus speziell geleimten Holzbalken bestehen.

Wir haben euch das Konzept bereits in aller Breite vorgestellt: Bis zu 50 Stockwerke und aus Holz: Was absurd klingt, ist die Zukunft der Wolkenkratzer

Ein Rendering des derzeit in Bau befindlichen Atlassian Central in Sydney, Australien. Fertiggestellt wird es 182 Meter hoch sein. (Bildquelle: SHoP und BVN) Ein Rendering des derzeit in Bau befindlichen Atlassian Central in Sydney, Australien. Fertiggestellt wird es 182 Meter hoch sein. (Bildquelle: SHoP und BVN)

Holz kann heutzutage mehr als allgemein angenommen wird. Seit urigen Hütten in Gebirgen oder Pfahlbauten an der See hat sich enorm viel getan – es lernte sozusagen dank Fortschritten in Chemie und Physik dazu, wie Superholz aus dem Hightech-Kochtopf zeigt: Es weist im Vergleich zu gewöhnlichem Holz beispielsweise eine deutlich erhöhte Festigkeit auf und unterbietet beim Gewicht pro Volumen Metalle deutlich.

Die Zukunft wird also aus gutem Grund zumindest teils hölzern – egal, ob mit Grün oder gar Bäumen an der Fassade oder sogar als Heimat in Häusern aus nachwachsenden Rohstoffen.


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