Ich habe bereits über 20 E-Bikes aus unterschiedlichen Kategorien getestet, doch keines hat mich so beeindruckt wie das Amflow TL Carbon.
Das liegt vor allem am Preis-Leistungs-Verhältnis. Es kostet mit 3.500 Euro nicht wenig, bietet aber deutlich mehr, als man erwarten würde. Einen ultraleichten Rahmen komplett aus Carbon. Einen starken Avinox-Mittelmotor, hinter dem der Drohnenhersteller DJI steckt, mit bis zu 125 Nm Drehmoment. Eine Vollfederung von Fox, einen 800-Wh-Akku und eine elektronische Schaltung.
Doch das war's noch nicht.
Das Amflow TL Carbon bietet zudem eine Sattelstütze, die per Knopfdruck hoch- und runterfährt. Ein Frontlicht mit Fernlicht, Diebstahlschutz per Apple »Wo ist?«, ein OLED-Display im Oberrohr und eine App, in der ihr jede Unterstützungsstufe bis ins kleinste Detail selbst abstimmt.
(Und ja, auch Schutzbleche, Gepäckträger und Ständer sind ebenfalls dabei).
Zwei Wochen und rund 60 Kilometer bin ich mit dem TL Carbon gefahren. Über Kopfsteinpflaster, Wurzeln, Schlaglöcher und die steilsten Anstiege, die meine Gegend zu bieten hat.
Mein Testfazit: Dieses SUV-E-Bike ist beinahe perfekt.
Beinahe.
Aufbau: Selbst das Zusammenschrauben macht Spaß
E-Bikes aus dem Karton bedeuten für mich meistens eines: Nerviges Zusammenbauen, teils sogar samt Rätselraten über einer ungenauen Anleitung und mittelmäßigem Werkzeug. Beim Amflow TL Carbon lief das komplett anders.
Statt schnöder Inbusschlüssel gibt's hier im Werkzeugset sogar einen (wenn auch einfachen) Drehmomentschlüssel mit allen nötigen Aufsätzen. Die Anleitung ist verständlich, jedes Bauteil wirkt hochwertig.
Tatsächlich hat mir beim TL Carbon sogar das Zusammenbauen Spaß gemacht.
Mit dem ersten Anheben zeigt sich dann, was der Carbonrahmen bringt. Der Rahmen allein wiegt rund 2,9 Kilogramm, das komplette Rad ca. 23 Kilogramm. Ich kann es ohne Mühe hochheben. Zum Vergleich: Das Engwe E26 3.0 Pro aus meinem letzten E-Bike-Test brachte mit Akku 34 Kilogramm auf die Waage.
Amflow bietet das Rad in nur zwei Rahmengrößen an, S/M und L/XL. Das klingt nach wenig, sollte aber ausreichen. Ich hatte die kleinere Größe, und die passt bei meinen 1,68 Metern perfekt.
Auch bei der Farbe zeigt sich der Hersteller sparsam – es gibt mit »Silican-Beige« nur eine einzige zur Auswahl. Die sieht dafür dezent-schick aus, passt gut zum urbanen Flair und steht dem Bike sehr gut. Wem das Beige nicht zusagt, wird jedoch enttäuscht.
Technische Daten im Überblick
| Eigenschaft | Spezifikation |
|---|---|
| Motor | Avinox M2 Mittelmotor, bis 1.100 W Spitzenleistung |
| Drehmoment | 110 Nm, im Boost-Modus 125 Nm |
| Unterstützungsmodi | Auto, Eco, Trail, Turbo, Boost (plus eigene Modi) |
| Akku | 800 Wh, entnehmbar (optional 600 Wh oder 480-Wh-Range-Extender) |
| Reichweite (Hersteller) | bis zu 170 km |
| Rahmen | Vollcarbon, ca. 2,9 kg |
| Federung vorn/hinten | Fox AWL Sport, 120 mm / Fox Float Rhythm, 105 mm |
| Schaltung | TRP E.A.S.I., elektronisch, 10-fach, mit SmoothShift |
| Bremsen | Tektro, hydraulisch, 4-Kolben, 180-mm-Scheiben |
| Reifen | Maxxis Crossmark II, 27,5 x 2,35 Zoll |
| Sattelstütze | Vario-Stütze, 150 mm (S/M) / 170 mm (L/XL) |
| Display | 2 Zoll OLED im Oberrohr |
| Gewicht | ab 22,6 kg (Herstellerangabe) |
| Zul. Gesamtgewicht | 200 kg |
| Größen | S/M, L/XL |
| Preis | 3.499 Euro |
Wie ich E-Bikes teste
Ich bin das Amflow TL Carbon zwei Wochen lang im Alltag gefahren, auf Asphalt, Schotter und Waldwegen. Ich bin steile Hügel hinaufgefahren und habe den Motor in jedem Assistenzmodus ausprobiert. Wir haben in unserer ländlichen Umgebung viele Schlaglöcher und Unebenheiten sowie Steigungen und einen Wald mit vielen Wurzeln. Der Test fand bei Temperaturen um die 15-23 Grad statt. Ich bin 1,68 m groß und wiege 59 Kilo.
Der Motor: Brachiale Power, flüsterleise
Das Herzstück des TL Carbon ist der Avinox-M2-Motor mit einer Nennleistung von 110 Nm und einer Spitzenleistung sogar bis zu 125 Nm bei maximal 1.100 Watt. Und das spüre ich bei jedem Tritt.
Die Kraftübertragung ist sofort da, der Motor schiebt butterweich an und bleibt dabei jederzeit absolut leise. Selbst die steilsten Berge in meiner Gegend komme ich ganz leicht pedalierend hoch. Egal, wie langsam ich zuvor gefahren bin, egal, wie steil der Berg ist.
Das ist ohne Flachs das stärkste und spaßigste E-Bike, auf dem ich je saß.
Trete ich kräftig in die Pedale, zieht der Motor pfeilschnell los. Ruppig oder übermotiviert wirkt der Antrieb dabei aber nicht. Die volle Wucht kommt nur, wenn ich sie auch abrufe.
Allerdings: Sobald der Motor aus ist, spürt ihr dennoch merklich den Motorwiderstand, denn ganz entkoppeln lässt sich die Antriebseinheit leider nicht. In den niedrigeren von insgesamt zehn Gängen fällt das zwar kaum auf, zum Bio-Bike
wird das TL Carbon aber nicht.
Das ist beim Avinox-Antrieb bekannt, er zählt trotz beeindruckender Verbesserungen im Vergleich um M1 nicht zu den am freiesten drehenden Motoren auf dem Markt. Der Bosch Performance Line SX Motor etwa entkoppelt noch etwas besser. Das Lemmo Collab.Ride aus meinem Test setzt sogar auf einen kleinen Drehgriff, der den Motor 100 Prozent vom Antriebsstrang trennt.
Das ist jedoch Kritik auf sehr hohem Niveau. Kaufentscheidend ist das aus meiner Sicht nicht, denn wer sich ein SUV-E-Bike mit 125 Nm kauft, priorisiert vermutlich vor allem die Kraft fürs Gelände über ein möglichst Bio-Bike-ähnliches Fahrerlebnis.
Die Bedieneinheiten am Lenker sind gut zu erreichen, die Griffe angenehm, aber etwas gewöhnungsbedürftig auf längeren Touren.
Unterstützungsmodi: Mehr Komfort und Flexibilität geht nicht
Fünf Modi bringt das TL Carbon ab Werk mit: Auto, Eco, Trail, Turbo und Boost. Im Alltag nutze ich zu 99 Prozent den Auto-Modus. Der passt die Unterstützung selbstständig an: Wird es steiler oder zäher, legt der Motor nach, auf flacher Strecke nimmt er sich zurück.
Das funktioniert so gut, dass ich überhaupt kein Bedürfnis habe, manuell umzuschalten. Es ist in jeder Situation eine Freude, weil der Motor genau das tut, was man von ihm erwartet. Einzige Ausnahme ist der Eco-Modus, zu dem ich greife, wenn ich wirklich massiv Akku sparen will.
Und was macht eigentlich Boost?
Mit dem Boost-Modus habe ich mich anfangs schwergetan. Ich hatte einen sofortigen Kraftstoß erwartet, gespürt habe ich aber kaum einen Unterschied.
Seit einem früheren Firmware-Update liefert der Motor seine volle Spitzenleistung von 1.100 Watt nämlich bereits in Auto, Trail und Turbo. Boost aktiviert ihr per gedrückt gehaltener Taste, danach läuft im Display ein Countdown von je nach Einstellung 10 bis 60 Sekunden. In dieser Zeit legt der Motor beim Drehmoment noch einmal zu, von 110 auf 125 Nm.
Gedacht ist das für kurze, knackige Momente wie eine steile Rampe. Wer ohnehin im Auto-Modus unterwegs ist, bekommt also schon fast alles, was der Motor kann.
Im folgenden Video seht ihr eine spezielle Fahrradklingel, die das Radfahren sicherer machen soll:
2:52
Škoda Duobell: eine Fahrradklingel, die das ANC von Kopfhörern umgeht
Jede Stufe penibel einstellbar
Richtig stark wird es in der App. Jede Unterstützungsstufe lässt sich penibel anpassen: maximale Leistung, Schnellstart, Nachlauf und mehr. Ihr könnt sogar eigene Stufen hinzufügen und die Reihenfolge ändern und euch somit euren individuellen Stadt- oder Bergtour-Modus bauen. Durchschalten lassen sie sich dann per Display oder über die Knöpfchen links am Lenker.
Das ist mega cool! So viel Freiheit bei der Motorabstimmung habe ich bei noch keinem E-Bike gesehen.
Schaltung: Jederzeit präzise und butterweich
Amflow verbaut eine elektronische TRP-Schaltung mit zehn Gängen. Sie schaltet sofort und präzise. Zusätzlich gibt es in den Einstellungen die Möglichkeit für ein Feature namens SmoothShift
, das Schaltung und Motor miteinander verbindet.
Es macht zwei Dinge.
- Der Motor nimmt beim Schalten für einen Sekundenbruchteil die Kraft raus. Bei bis zu 125 Nm lastet ordentlich Kraft auf Kette und Ritzel. Durch die kurze Entlastung wechselt der Gang trotzdem sauber, auch wenn ihr gerade voll im Tritt seid.
- Der Motor treibt die Kette beim Schalten selbst an. Ihr könnt also auch schalten, ohne zu treten. Etwa wenn ihr auf eine rote Ampel zurollt und schon mal in einen leichten Gang wechseln wollt, damit das Anfahren danach entspannt klappt.
In der App findet ihr zusätzlich einige experimentelle Funktionen, zum Beispiel Schaltvorschläge
. Letztere werden im Display angezeigt und mit einem akustischen Signal angekündigt.
Cooler wäre es natürlich, wenn das Rad direkt selbst schalten würde, so wie beim Lemmo Collab.Ride. Die Technik dafür wäre mit der elektronischen Schaltung ja an Bord, und laut Avinox wird an einer automatischen Schaltfunktion bereits gearbeitet.
Vorwerfen kann ich Amflow das aber nicht. Bei diesem Gesamtpaket und diesem Preis ist eine Automatikschaltung nicht zu erwarten. Und das Lemmo hat zwar die Automatik, spielt mit seinen günstigeren Komponenten aber in einer ganz anderen Liga.
Federung, Reifen und Bremsen: Nicht zimperlich
Die Federung vorn und hinten trägt enorm zum Komfort bei. Beide lassen sich einstellen, und gerade die Hinterradfederung merke ich deutlich. Kopfsteinpflaster, Wurzeln, Steine: Das einzige, was ich davon merke, ist ein sanftes Wippen unterm Popo.
Ein reines E-Mountainbike ist das TL Carbon zwar nicht, für echte Trails ist es auch nicht gedacht. Aber es macht fast alles mit, auch sehr hügelige, schwierige Passagen und Schlaglöcher. Zimperlich ist dieses Fahrrad jedenfalls nicht.
Die Maxxis-Reifen bieten genug Grip, ohne auf Asphalt laut abzurollen. Wenn etwas laut ist, dann das Klackern der Hinterradnabe beim Rollen. Das war für mich anfangs etwas ungewohnt und störend, inzwischen habe ich mich aber daran gewöhnt.
Die hydraulischen Vierkolben-Bremsen verzögern sofort. Da fehlt mir nichts. Wobei es bei höherer Last jenseits von 100 Kilogramm anders aussehen könnte.
Cockpit und Display: Anpassbar bis ins letzte Detail
Der breite, geschwungene Lenker ist angenehm. Die Griffe sind zwar weich, gehen aber klar in Richtung Performance. Wer entspannt längere Touren fahren will, könnte sie auf Dauer als etwas unbequem empfinden.
Toll auch, dass die Bedienelemente so intuitiv angebracht sind, dass ich sie blind bedienen kann. Ebenfalls cool dabei: die Vario-Sattelstütze. Ein Knopfdruck, und der Sattel lässt sich sofort in der Höhe verstellen. Für den Alltag weniger relevant, aber wer sein fahrrad mit anderen Personen teilt oder auch mal Mountainbike-Touren fährt, wird die Flexibilität zu schätzen wissen.
Apropos Bedienung: Das Display sitzt nicht am Lenker, sondern im Oberrohr. Im direkten Sichtfeld ist es damit nicht, ich muss also kurz nach unten schauen. Ablesbar ist es trotzdem gut.
Einen Kritikpunkt sehe ich darin nicht. Ohne Display am Lenker kann bei einem Sturz nichts abbrechen. Und wenn ihr das Rad für eine Reparatur auf den Kopf stellt, liegt es nicht auf dem Bildschirm.
Dafür gibt es sehr viele Bildschirme zur Auswahl, von der Herzfrequenz über die Trittfrequenz bis zur aktuellen Motorleistung. Was angezeigt wird und in welcher Reihenfolge, stellt ihr komplett selbst ein.
Wer mag, koppelt sogar einen Herzfrequenzsensor per Bluetooth, und der Motor passt die Unterstützung an eure Wunsch-Pulszone an. Für Sportler ein Argument, für mich als Alltagsfahrer eher nicht.
Licht und Ausstattung: Das Rücklicht passt nicht ins Bild
Bei der Ausstattung lässt Amflow kaum etwas aus. Katzenaugen liegen in ausreichender Zahl bei, ebenso die Reflektoren, die ihr für den Straßenverkehr in Deutschland anbringen müsst.
Das Frontlicht hat sogar eine Fernlichtfunktion, die ihr per Taste am Lenker oder übers Display aktiviert.
Auch an den Diebstahlschutz hat Amflow gedacht. Das TL Carbon lässt sich mit Apples »Wo ist?«-Netzwerk koppeln. Darüber seht ihr, wo das Rad steht und wie voll der Akku ist, und könnt einen Signalton auslösen. Einen separaten Tracker unterm Sattel spart ihr euch damit.
Zudem könnt ihr das Bike mit einem Passwort sichern und eine automatische (Software-)Entriegelung einrichten, wenn euer Handy in der Nähe erkannt wird. Das funktionierte bei mir allerdings nicht zuverlässig, sodass ich immer das Passwort eingeben musste. Da das Display aber verzögerungsfrei reagiert, geht das angenehm flott.
Und dann ist da das Rücklicht. Es hängt nicht am großen Bike-Akku, sondern hat einen eigenen Akku, den ihr separat per USB-C ladet. Bei einem Rad mit 800-Wh-Akku, das sonst bis ins letzte Detail durchdacht ist und so hochwertig wirkt, passt das Batterie-betrieben Rücklämpchen nicht ins Bild. Blöd, wenn ihr abends losfahrt und erst unterwegs merkt, dass hinten nichts mehr leuchtet.
Für mich ist es der einzige größere Patzer an diesem sonst makellosen Rad.
Alternativen: Was kostet die Konkurrenz?
Wer das TL Carbon mit anderen SUV-E-Bikes vergleicht, merkt schnell, wie aggressiv Amflow den Preis ansetzt. Die Preise stammen jeweils vom Stand September 2026.
- Aventon Current ADV: rund 4.000 Euro, Alurahmen, 25,4 kg
- Specialized Turbo Vado 3 X 4.0: rund 5.600 Euro, Alurahmen, 30,9 kg
- Haibike Adventr 4: rund 4.500 Euro, Alurahmen, 29,1 kg
- Canyon Pathlite:ON 9 SUV: rund 4.500 - 6.000 Euro, Alurahmen, ohne Hinterradfederung, 27,5 kg, dafür mit Automatikschaltung
Das Pathlite:ON 9 SUV legt noch zwei Dinge obendrauf, die das TL Carbon nicht hat: eine automatische Schaltung und ABS. Dafür zahlt ihr allerdings fast das Doppelte, wenn ihr keinen Sale erwischt.
Keines dieser Räder hat einen Carbonrahmen, alle sind schwerer und teils fast doppelt so teuer. Das TL Carbon wischt hier den Boden mit der Konkurrenz auf.
Mein Fazit
Das Amflow TL Carbon hat mir von Anfang bis Ende Spaß gemacht, vom Zusammenbauen bis zur letzten Fahrt. Das kann ich nicht von vielen E-Bikes behaupten.
Für wen lohnt es sich?
- Wer ein starkes, vollgefedertes SUV-E-Bike für Alltag, Touren und leichtes Gelände sucht
- Wer Wert auf niedriges Gewicht legt und das Rad auch mal tragen muss
- Wer seinen Motor gern bis ins Detail an die eigene Fahrweise anpasst
Für wen nicht?
- Wer regelmäßig ohne Motor fährt und einen komplett entkoppelten Antrieb will
- Wer eine vollautomatische Schaltung sucht, ist beim Lemmo Collab.Ride besser aufgehoben
- Wer echte Trails und Enduro-Strecken fahren will, braucht ein reines E-Mountainbike
Lest auch: mein Test zum MapFour ROAM SUV-E-Bike.
Ein brachial starker, flüsterleiser Motor, ein leichter Carbonrahmen und eine Anpassbarkeit, die ihresgleichen sucht. Dazu eine Vollausstattung für 3.500 Euro, bei der die Konkurrenz nicht mithalten kann. Das separat zu ladende Rücklicht ist ein Makel, aber einer, mit dem ich gut leben kann.
Wäre dieses Manko nicht, wäre es beinahe das perfekte Rad für das, was es sein will. Spaß macht es aber auch so unheimlich viel.




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