Cyberpunk 2077: Johnny Silverhand hat mich eiskalt manipuliert - und das ist super

Meinung: Johnny Silverhand ist der wichtigste NPC in Cyberpunk und hat bei Fabiano genau die richtige Wirkung gehabt: Er hat es unmöglich gemacht, ihn zu hassen.

von Fabiano Uslenghi,
14.02.2021 14:00 Uhr

Auf der E3 2019 gab es damals eigentlich nur ein echtes Highlight: Keanu Reeves, der überraschend als Johnny Silverhand für Cyberpunk 2077 angekündigt wurde. Zumindest mich hat das recht unvorbereitet erwischt und ziemlich gefreut. Dabei bin ich persönlich kein riesiger Fan des Schauspielers. Ich habe nur einen einzigen seiner Filme bis jetzt gesehen. Und das war weder Matrix noch John Wick, sondern Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit.

Die Starpower war aber natürlich unverkennbar und brachte mit »Breathtaking!« wenigstens noch ein Cyberpunk-Meme hervor, in dem es nicht um die kaputte Konsolen-Versionen ging. Wilde Zeiten. Nennt mich naiv, aber für mich war das damals auch deshalb so eine Überraschung, weil ich selbst nach Witcher 3 CD Projekt noch nicht für diese Art Mainstream-Studio gehalten hab, das bereit ist, für einen Hollywoodstar Ressourcen auszugeben.

"Wake up, Samurai. We have a city to burn." Johnnys erster Auftritt bei der E3 2019 bleibt unvergessen. "Wake up, Samurai. We have a city to burn." Johnnys erster Auftritt bei der E3 2019 bleibt unvergessen.

Mein Interesse an Johnny Silverhand war also geweckt, doch erste Infos alles andere als begeisternd. Irgendein rebellischer Rockstar halt. Na gut. Und dann kam in den späteren Previews von Kollege Graf auch noch heraus, dass Johnny ein ziemliches Arschloch (sic!) sei. Da wusste ich eigentlich schon, dass Johnny es mit meinem Charakter schwer haben würde.

Noch nie lag ich so falsch.

Spoileralarm!

Kleine Warnung gleich vorweg: Ich werde in diesem Artikel über meine Spielzeit an der Seite von Johnny Silverhand sprechen. Da Johnny neben unserem eigenen Helden die wichtigste Figur im Spiel ist, werde ich wohl oder übel ein paar kleinere Inhalte der Kampagne vornweg nehmen. Ich achte darauf, keine großen Enthüllungen zu verraten. Aber wenn ihr komplett unbefangen ins Spiel gehen wollt, dann lasst diesen Artikel hier besser erst einmal ruhen.

Klare Prinzipien

Ich bin ein Rollenspieler. Sowohl am Tisch mit Stiften, Papier und echten Würfeln, aber auch am PC. Ich spiele mich also nicht selbst, sondern verkörpere eine bestimmte Rolle. Dafür gebe ich meiner Figur erdachte Prinzipien, Ideale und Vorlieben mit auf den Weg und versuch ein konsequentes Charakterspiel durchzuhalten. Wie man das bei Cyberpunk am besten macht, habe ich sogar in einem Guide für Plus festgehalten:

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Nicht immer entsprechen die Vorstellungen meines Charakters dann meinen eigenen. Bei Cyberpunk entschloss ich mich aber, eine V zu verkörpern, die durchaus ein paar Gemeinsamkeiten mit mir hat. Meine V raucht beispielsweise nicht. Außerdem hatte ich grundsätzlich so wenig Bock auf Johnny Silverhand, dass sich dieser Unmut auch auf meine V übertragen sollte.

Das hat sich natürlich nochmal verschärft, als die Story von Cyberpunk 2077 anfing ihren Lauf zu nehmen. Letzte Warnung vor kleinen Spoiler!

Denn Johnny Silverhand ist nicht nur eine zweite Persönlichkeit, die sich in Form eines digitalen Geistes in Vs Kopf manifestiert. Der nervige Chip versucht sogar, Vs Identität zu überschreiben. Also im Prinzip meinen Charakter aus seinem Körper zu löschen, damit Johnny sich darin einnisten kann. »No Way, Jose!«, war mein erster Gedanke.

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Ich wusste, dass ich als Rollenspieler gut in der Lage bin, auf den Prinzipien meines Charakters zu beharren. Ich wusste, dass ich Johnny weder meinen Körper überlassen, noch mich mit ihm anfreunden wollte. Doch Johnny gelang es schon recht bald, meine oftmals harte Linie aufzuweichen.

Ein einzigartiger Gefährte

Bereits in den ersten Momenten, nachdem Johnny anfängt prominent zu werden, musste ich meine ursprüngliche Meinung über ihn revidieren. Johnny ist durchaus ein ziemlich zynischer Drecksack, aber mit dieser einzigartigen Situation genau so überfordert wie V.

Nach anfänglicher Abneigung scheint sich Johnny jedoch erstaunlich schnell mit seiner Lage zu arrangieren. Von da an taucht das Großmaul regelmäßig, teilweise unerwartet, in unserem Sichtfeld auf. Kommentiert meine Entscheidungen (auch kritisch) oder gibt Ratschläge. Vielleicht war es seine permanente Präsenz oder Keanu Reeves erstaunlich energiegeladene Performance, doch Johnny begann mir nach und immer besser zu gefallen.

Es passiert zwar selten, aber es passiert: Johnny kann gelegentlich auch nett zu anderen Menschen sein. Es passiert zwar selten, aber es passiert: Johnny kann gelegentlich auch nett zu anderen Menschen sein.

Oft dank der kleinen Momente, die CD Projekt in Cyberpunk meisterhaft verwendet, um seinen Charakteren Leben einzuhauchen. Sei es Johnnys Respekt für einen einfachen Gitarrist auf der Straße, oder wenn er plötzlich neben V in einer Achterbahn sitzt und grinst wie ein 12-jähriger.

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Doch letztlich waren es eben nicht nur die guten Momente, die mir den Charakter näher brachten. Gerade weil wir vor allem in Flashbacks immer wieder mitbekommen, was Johnny eigentlich für eine defekte Persönlichkeit ist, strahlen die lichten Momente so viel heller. Wir sehen, wie Johnny Menschen in seiner Umgebung verbal und physisch ständig angeht. Dem scheinbar alles außer seinem Kreuzzug gegen Arasaka egal ist. Der offenbar selbst nicht weiß, ob er jemanden liebt oder hasst.

Eine Figur mit so vielen charakterlichen Schwächen doch noch irgendwie sympathisch erscheinen zu lassen. Dafür zu sorgen, dass wir ihm Fehltritte irgendwann leichter verzeihen oder sogar darüber lachen können - das ist eine ganz große erzählerische Kunst. Etwas, das man in Videospielen sehr selten findet. Vor allem, wenn es um einen NPC und nicht die eigene Spielfigur geht.

Gleichzeitig vermutete ich, dass Johnny V gezielt manipuliert. Immerhin kam der Umschwung von »blas dir besser das Hirn raus« zu »lass uns dir helfen« ziemlich schnell. Klar, versucht der nur mich einzulullen, um letztlich Vs Körper zu kapern. Gleichzeitig verschmelzen die Persönlichkeiten immer weiter.

Einmal ärgerte ich mich etwa erst über das Spiel, als meine V plötzlich doch ne Schachtel Zigaretten dabei hatte. Bis mir klar war ... Moment, das ist kein Fehler. Das ist Johnny. Was für ein toller erzählerischer Kniff! Denn anstatt meine V umzudrehen, hat er mich, den Spieler, auf seine Seite gezogen.

Ich wollte Johnny sein

Im Verlauf der Story wurde in mir der Wunsch immer größer, Johnny zu spielen und nicht länger meinen eigenen Charakter. Ich war von dieser Charakterdynamik so eingenommen, dass meine komplettes Konzept über Bord ging. Das lag sicher an Johnny selbst, aber auch an fast schon stupiden Kleinigkeiten.

Beispielsweise fand ich Johnnys Revolver schon im ersten Flashback einfach hinreißend. Das Schießeisen selbst zu benutzen, hat mir einen höllischen Spaß bereitet. Auch dank der einzigartigen Nachladeanimation oder dem feurigen Nahkampfangriff. Dann gab es noch ne schicke Sonnenbrille als Questbelohnung und ein Porsche. Alles simpel, alles oberflächlich. Aber ich wollte das haben!

Johnnys Porsche wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, macht ihn aber auch deshalb interessant. So fern ihr euch an dem Productplacement nicht stört. Johnnys Porsche wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, macht ihn aber auch deshalb interessant. So fern ihr euch an dem Productplacement nicht stört.

Silverhand hat es zudem geschafft, dass ich Keanu Reeves vergessen habe. Ein Kunststück, dass ich Cyberpunk sehr hoch anrechne. Denn eigentlich nerven mich berühmte Schauspieler in Videospielen. Eigentlich glaube ich, dass Videospielcharaktere das nicht brauchen und mehr von ihrer Einzigartigkeit einbüßen, als etwas zu gewinnen. Ich habe beim Spielen aber schlicht in Silverhand nicht mehr Keanu Reeves gesehen. Sondern ein abgehalfterten, verzweifelt idealistischen, viel zu selbstsicheren Rebellen.

Letztlich bin ich sehr dankbar dafür, dass Johnny auf mich diesen extremen Effekt hatte. Es war einer dieser raren Momente, in denen Spiele scheinbar die Grenze zwischen Spiel und Realität verschwimmen lassen. Wer bestimmt denn überhaupt noch, was mein Charakter sagt? Die Person, die sie eigentlich sein soll? Johnny? Oder ich, der mehr von Johnny begeisterte ist als von seiner eigenen Heldin. Also doch Johnny? Ich weiß es bis heute nicht.

Aber ich weiß, dass CD Projekt es geschafft hat, mit Silverhand einen grandiosen NPC zu erschaffen, der mir eine einzigartige Spielerfahrung beschert hat und den ich bestimmt nie wieder vergessen werde.

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