Die nächste industrielle Revolution: Henry Ford etablierte vor über 100 Jahren die Fließbandarbeit, um ein kompliziertes Produkt wie ein Auto in Masse produzieren zu können – und legte damit einen Grundstein der modernen Industrieproduktion.
Bis 2030 sollen in den ersten Autofabriken die Lichter ausgehen – und das etwa nicht, weil keine Fahrzeuge mehr produziert würden, sondern weil die Montagearbeit bis dahin vollständig von Arbeitern ausgeführt wird, die nicht sehen müssen, um zu produzieren: Roboter.
China hat es vorgemacht, aber der Rest der Welt zieht mit: Die ersten Dark Factories
gehen in die Produktion. Und das verändert nicht nur das Leben der Arbeiter, die momentan noch an den Fließbändern fertigen, sondern auch die Autos selbst.
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Autos sollen künftig in der Dunkelheit produziert werden – und auch deshalb anders aussehen
Die Autos der Zukunft werden, wie Automotive News Europe schreibt, in der Dunkelheit, in sogenannten Dark Factories
gefertigt. Was kryptisch klingt, beschreibt ganz wörtlich die Realität in den Fertigungsstätten: In Dark Factories brennt kein Licht mehr. Denn dort arbeiten Roboter, die ihre Umwelt über Sensoren wahrnehmen, die kein Licht erfordern.
Doch nicht nur die Augenlosigkeit der Arbeiter macht den Betrieb in den Fabriken anders, auch die Autos verändern sich. Ein Roboter, der einfach nahtlos jeden Handgriff übernimmt, ist eine verlockende Vorstellung. Betrachtet man aber die derzeitige Entwicklung humanoider Haushaltsroboter, wird deutlich:
Einen Roboter zu erstellen, der die Kraft hätte, einem Menschen mit einer einzigen Bewegung den Arm auszureißen, ist technisch nicht schwer. Ein Roboter, der die feingliedrige Arbeit des Wäschezusammenlegens beherrscht, dafür umso mehr.
Entsprechend kann man vollautomatisierte Fabriken nicht aufbauen, indem man einfach Roboter in vorhandene Fertigungshallen stellt und das Licht ausschaltet. Das Auto-Design selbst wird auf die neuen Arbeiter abgestimmt. Fachleute sprechen hierbei von Design for Automated Assembly
(DFAA) (also etwa: Design für die automatisierte Fertigung
).
Pedro Pacheco, Forschungsleiter bei Gartner, erklärt gegenüber Automotive News, dass dies der Schlüssel ist:
Hersteller werden die hundertprozentige Automatisierung erreichen, indem sie das Design des Fahrzeugs so ändern, dass Kabine und Kabelbaum leichter automatisiert zu montieren sind – etwa indem der Kabelbaum in Sektionen aufgeteilt oder direkt in die Karosseriepaneele eingebettet wird.
Denn Kabel erfordern – ganz ähnlich wie Wäsche – ein Fingerspitzengefühl, das technisch nur schwer nachzubilden ist. Entsprechend verändern sich die Fertigungsbedingungen in Dark Factories in mehreren zentralen Punkten:
- Wegfall der Ergonomie: Ohne menschliche Körper muss auf die auch keine Rücksicht mehr genommen werden. Starre Module wie etwa Teslas
Megacastings
(via Automobile Produktion) können hunderte Einzelteile ersetzen. - Produktion, wo der Strom günstig ist: Fabriken mussten bisher dort gebaut werden, wo die entsprechenden Arbeiter vorhanden sind. Die FAZ verweist darauf, dass eine Dark Factory diesen Faktor weitestgehend obsolet macht: Sie würden künftig dort gebaut, wo der Strom billig ist.
- Effizienz-Sprung: Jürgen Reers von Accenture erklärt gegenüber Automotive News, dass die Integration von KI und Robotik das Potenzial bringe, Kosten und Markteinführungszeiten um bis zu 50 Prozent zu reduzieren.
Automatisierung in der Autoindustrie: China macht es vor, die anderen ziehen nach
China hat den Boden für Dark Factories bereitet: Schon vor fünf Jahren präsentierte der chinesische Elektronik-Hersteller Xiaomi ein Video mit der dunklen Fabrik der Zukunft. Dort wird heute laut dem Tech-Magazin BGR rund ein Smartphone pro Sekunde nach Angaben von Xiaomi vollautomatisch gefertigt.
Link zum YouTube-Inhalt
Doch der Weg in Richtung vollautomatische Fertigung ist längst kein chinesisches Phänomen mehr:
- Tesla: Tesla macht seit einigen Jahren mit der mittlerweile patentierten
Unboxed
-Methode, also ein Auto von innen nach außen zu fertigen, von sich reden. Dadurch arbeite das Personal laut AMS nicht nur schneller, es lasse sich auch mehr automatisieren. - Mercedes-Benz: Der Stuttgarter Konzern investiert laut heise Millionen in den humanoiden Logistik-Bot Apollo von Apptronik. Der solle jedoch
stupide Aufgaben übernehmen und keine Menschen ersetzen
. - Hyundai: Der Konzern nutzt laut Automotive News seine Tochter Boston Dynamics, um ab 2028 in großem Stil humanoide Roboter in Werken wie dem Komplex in Georgia (USA) einzusetzen.
Das Ziel: Eine Kapazität von 30.000 Robotern jährlich.
Mindestens ein Autohersteller werde bis 2030 eine vollautomatische Fertigung haben – so sind sich die Experten gegenüber Automotive News einig.
Doch während Pacheco sich lediglich sicher ist, dass das entweder ein chinesischer oder US-amerikanischer Hersteller sein wird, hält es Fabio Hölscher, Research Analyst bei Warburg für nicht unrealistisch
, bis 2030 die erste vollständig dunkle
Autofabrik in China zu sehen.
Das Ende der menschlichen Arbeit in der Automobilfertigung?
Für das Autoland Deutschland ist die Frage nach solchen Entwicklungen entscheidend: Bei einer Vollautomatisierung stünden Millionen gut bezahlter Fertigungsjobs zur Disposition.
Doch die totale Menschenleere
in den dunklen Fabriken sei ein Mythos, wie der Industrie-Soziologe Hartmut Hirsch-Kreinsen gegenüber dem Deutschlandfunk erklärt. Die menschliche Arbeit bleibe in Planung, Überwachung und Wartung unabdingbar
. Zudem ist der Weg zur echten Dark Factory kein Selbstläufer: Für die breite Industrie bleibt das Modell technologisch schwer beherrschbar und ökonomisch riskant.
Der soziale Preis einer solchen Transformation ist dennoch hoch: Detlef Gerst von der IG Metall warnt gegenüber Automotive News vor drastisch steigenden Anforderungen:
Schnelle Produktwechsel und eine große Variantenvielfalt erfordern eine Zusammenarbeit zwischen KI-Technologie und hochqualifizierten, flexiblen Mitarbeitern.
Die Branche steht vor einem massiven Wandel, doch ein Szenario, in dem Roboter die menschliche Arbeitskraft vollständig ersetzen, gilt unter Experten wie Hirsch-Kreinsen nicht nur als technologisch riskant, sondern auch als sozial kaum erstrebenswert.
Henry Ford erkannte schon vor über 100 Jahren, dass er seine Mitarbeiter auch entsprechend bezahlen muss, damit die sich seine Autos auch leisten können. Und auch wenn in den Fabriken irgendwann die Lichter endgültig ausgehen sollten, bleibt eines gewiss: Roboter kaufen keine Autos.

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