Von der unangefochtenen Nummer eins zum digitalen Auslaufmodell, die Geschichte von Yahoo ist nicht nur eine Erzählung über den Aufstieg und Fall eines Internetpioniers.
Es ist eine Chronik von Fehlentscheidungen, die heute als Mahnmal für mangelnde Visionen in den Wirtschafts-Studiengängen auf der ganzen Welt gelehrt wird. Dreimal hätte Yahoo die Weichen für eine absolute Dominanz stellen können. Dreimal sagte man: Nein danke
.
Als Algorithmen noch »Ablenkung« waren
Es ist das Jahr 1998. Zwei junge Stanford-Studenten namens Larry Page und Sergey Brin haben eine Suchmaschine namens Google
entwickelt. Sie ist effizienter als alles andere auf dem Markt. Doch die Gründer wollen eigentlich lieber promovieren. Sie bieten ihr Patent und die Technologie Yahoo zum Kauf an. Der Preis: eine schlappe Million Dollar.
Yahoo lehnt ab. Die Begründung aus heutiger Sicht fast schon schmerzhaft: Man wolle die Nutzer so lange wie möglich auf dem eigenen Portal halten, um Werbebanner zu zeigen. Eine Suchmaschine, die den Nutzer sofort auf eine andere Seite weiterleitet, widersprach dem damaligen Geschäftsmodell.
Vier Jahre später, 2002, korrigiert der damalige Yahoo-CEO Terry Semel diesen Fehler beinahe. Google ist inzwischen zum Star der Szene aufgestiegen. Yahoo bietet drei Milliarden Dollar. Larry Page und Sergey Brin fordern aber fünf Milliarden. Semel zögert, er will nicht zu viel
bezahlen und bricht die Verhandlungen ab. Heute ist Alphabet, die Muttergesellschaft von Google, rund zwei Billionen Dollar wert.
Das Facebook-Fumble: Das Ego und die 150 Millionen Dollar
Nur vier Jahre nach dem zweiten Google-Debakel steht Yahoo erneut vor der Chance, die Zukunft zu kaufen. 2006 ist Mark Zuckerberg 22 Jahre alt und führt ein rasant wachsendes Studenten-Netzwerk namens Facebook. Yahoo bietet eine Milliarde Dollar.
Zuckerberg steht unter Druck seiner Investoren, das Angebot anzunehmen. Es scheint so gut wie sicher, dass Facebook unter das Dach von Yahoo wandert. Doch dann begeht Yahoo-CEO Terry Semel einen gravierenden psychologischen und strategischen Fehler: Da der Aktienkurs von Yahoo kurzzeitig eingebrochen war, reduzierte er das Angebot eigenmächtig auf 850 Millionen Dollar.
Zuckerberg, der ohnehin zögerte, nutzt die Gelegenheit, um das Angebot empört vom Tisch zu wischen. Als Yahoo später wieder zur ursprünglichen Milliarde zurückkehrt, ist es zu spät. Zuckerberg hat Blut geleckt und erkennt, dass sein Imperium mehr wert ist als die Arroganz eines strauchelnden Giganten.
Analyse: Warum Yahoo scheiterte
Warum hat ein Unternehmen, das so viel Kapital und Reichweite hatte, die zwei bedeutendsten technologischen Entwicklungen des 21. Jahrhunderts (effiziente Suche und soziale Vernetzung) verpasst?
- Identitätskrise: Yahoo wusste nie, ob es ein Medienunternehmen (Inhalte) oder ein Technologieunternehmen (Software/Algorithmen) sein wollte. Man setzte auf Redakteure, während die Konkurrenz Code bevorzugte.
- Kurzfristiges Denken: Sowohl bei Google als auch bei Facebook scheiterten die Deals an Summen, die im Vergleich zum langfristigen Potenzial vernachlässigbar waren. Yahoo kaufte lieber bewährte Werte, statt in Disruption zu investieren.
- Unterschätzung der Plattform-Ökonomie: Yahoo wollte ein Portal sein, quasi eine Art Sackgasse im Internet. Google und Facebook wurden zu
Plattformen
und damit das Fundament, auf dem das Internet heute steht.
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Das bittere Ende
Die Ironie der Geschichte: Während Yahoo Google für fünf Milliarden zu teuer fand und den Preis für Facebook auf 850 Millionen drücken wollte, wurde Yahoo selbst im Jahr 2017 für rund 4,48 Milliarden Dollar an Verizon verkauft.
Das ist ein Bruchteil dessen, was allein die heutige Barreserve von Google oder Facebook ausmacht. Yahoo bleibt in der Tech-Historie als die Firma in Erinnerung, die den Schlüssel zur Zukunft zweimal in der Hand hielt und ihn wegwarf, weil sie den Wert des Schlosses schlicht nicht verstand.
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