Um weniger von Erdöl abhängig zu sein, verbraucht Saudi-Arabien jede Menge davon für ein Hotel wie kein anderes

Es klingt wie eine Legende aus Tausendundeiner Nacht. Doch es steckt weit mehr dahinter als nur ein einzigartiges Tourismusprojekt. Es geht dem Königreich um sein Antlitz im 22. Jahrhundert.

Ausspannen inmitten der Einöde der saudi-arabischen Wüste. Das will Desert Rock bieten. Derweil ist es nur eines von vielen gemeinsam gedachten Projekten. (Bildquelle: Desert Rock) Ausspannen inmitten der Einöde der saudi-arabischen Wüste. Das will Desert Rock bieten. Derweil ist es nur eines von vielen gemeinsam gedachten Projekten. (Bildquelle: Desert Rock)

Unwirtlich-wüstes Terrain so weit das Auge reicht: die Gebirgswüste Saudi-Arabiens nordöstlich von Medina. Im Desert Rock Resort geht es um Luxus in Abgeschiedenheit. Für die neueste Touristen-Zuflucht haben die Scheichs innerhalb von sieben Jahren Bauzeit massive Berge buchstäblich ausgehöhlt.

Das neue Hotel ist derweil nur das jüngst fertiggestellte Teilstück eines baulich-ökonomischen Puzzles, das Saudi-Arabien transformieren soll. Eines davon ist The Line. Das steckt allerdings in Problemen.

Die Problemlage rund um fundamentale Rechte in Saudi-Arabien: Amnesty International zufolge missachtet der Golfstaat in etlichen Bereichen Menschenrechte und international anerkannte Standards für Gesellschaften. Meinungs-, Presse- oder Vereinigungsfreiheit sind nicht gegeben.

Ferner bleibt die gesellschaftliche Stellung von Frauen und Minderheiten weiterhin problematisch. Sie werden durch Gesetze und im täglichen Leben durch Tradition und Religion diskriminiert.

In der Strafverfolgung herrscht teils Willkür, Regimekritiker werden ohne klare Anklage, mitunter für sehr lange Zeit, in Gewahrsam genommen oder verschwinden spurlos. Vor Gericht erwarten sie regelmäßig ausgedehnte Haftstrafen und in Gefängnissen sind sie Folter ausgesetzt. Auch die Todesstrafe bleibt ein Mittel für die Gerichte, die diese auch für Straftaten wie Drogenschmuggel verhängen.

Darüber hinaus leiden Arbeitsmigranten weiterhin unter dem Kafala-System. Obschon dieses traditionelle Vertragsinstrument inzwischen nach Kritik verändert wurde, sind ausländische Beschäftigte noch immer der Kontrolle ihrer Arbeitgeber überlassen. Pässe werden mitunter einbehalten, um ein Druckmittel zu haben. Im Sommer müssen sie ferner weiter ungeschützt in brütender Hitze arbeiten.

Saudi-Arabien führt illegal einen Krieg im Jemen. Dem Land werden deshalb Kriegsverbrechen und zahlreiche schwere Verstöße gegen das Völkerrecht vorgeworfen.

Luxus in der Wüste

Bei dem Hotel Desert Rock handelt es sich nicht um ein großes Gebäude, sondern um einen Verbund von verschiedenen, individuell gestalteten und einzeln errichteten Villen, die in oder an die Kliffs der Gegend gesetzt worden. Entweder hängen sie quasi in der Felswand oder sie schmiegen sich an den Fuß des Massivs. Hinzukommen höhlenartige Behausungen, die sich vollständig im Inneren der ausgehöhlten und durchtunnelten Berggipfel befinden. Zwischen den Villen erstrecken sich Wanderwege und Aussichtspunkte.

Eine Nacht für zwei Personen beginnt im günstigsten Fall bei umgerechnet etwa 2.000 Euro (via Desert Rock). Einige Fotos und Videos findet ihr per Google-Suche im entsprechenden Reiter der Ansicht rechts zum Resort.

Kliff-Villa Wadi-Villa Kliff-Villa Wadi-Villa

Die zwei Hauptmodelle: einmal in die Klippe gehängt sowie auf ebener Erde. Bildquelle: Desert Rock

Als Vorbild für die rund drei Hektar umfassende Anlage in den Hejaz-Mountains dienen Bauten der Nabatäer. Das berühmteste Beispiel für ihre in die Felsen gehauene und gemeißelte Architektur ist die antike Stadt Petra.

Tourismus und nachhaltige Energie anstatt Erdöl

Desert Rock ist nur eines von mehreren Großprojekten. Es gehört zum sogenannten »Red Sea Project«. Damit ist es Teil eines Vorhabens, das bis 2030 am und auf dem Roten Meer insgesamt 50 Hotels mit 8.000 Zimmern oder anderen Unterkünften umfassen soll. Ein Flughafen wurde einige Kilometer vom Desert Rock entfernt bereits errichtet (via arabianbusiness).

Weitere klangvolle Namen lauten: Neom, Qiddiya und Roshn. Allesamt sind sie Visionen, um die wirtschaftliche Abhängigkeit Saudi-Arabiens von Erdöl und -gas zu beenden. Das gilt sowohl für den Verbrauch als auch den Export. An die Stelle der fossilen sollen nachhaltige Energieträger, Tourismus und Dienstleistungen treten (via blooloop).

Aber bis dahin finanzieren Einnahmen aus dem Export dieser traditionellen Energieträger all diese gigantischen Bauprojekte. Obendrein verfeuern die Saudis auch Unmengen, um ihre Bauindustrie Tag wie Nacht am Laufen zu halten.

Wo liegt Desert Rock? Blick von oben Wo liegt Desert Rock? Blick von oben

Rechts ist der zentrale Komplex mit zusätzlichen Angeboten wie einem Luxus-Spa zu erkennen. Bildquelle: Desert Rock

Generell wird bei allen Projekten dieser Art nicht mit Superlativen und Versprechungen gespart: Nachhaltige Energieträger, modernste Architektur, Unterhaltung, digitale Vernetzung hin zur sogenannten Smart-City, Luxus und so weiter. Im Zuge dessen wird auch wiederholt auf den Umwelt- oder sogar Klimaschutz verwiesen. Fast jedes der oben genannten Projekte trage solche ökologischen Aspekte in sich. Inwiefern all das mit den ökonomischen Zielen vereinbar ist, lässt sich aktuell nicht abschließend bewerten. Allerdings sind Zweifel angebracht.

Auch Desert Rock soll den Besuchern die unberührte Natur Saudi-Arabiens zeigen und sie darin eintauchen lassen. Letztendlich diene das der Bewahrung der Umwelt. Ob solche Aussagen der Realität standhalten bleibt fraglich, in Anbetracht der massiven Bauarbeiten über mehr als sieben Jahre. Am Ende des Tages ist das Ziel bei solchen Tourismus-Leuchttürmen klar: Profit.

Video starten 5:15 NASA-Video aus dem Jahr 2009: Wie der Klimawandel die Ozeane beeinflusst

Aktuell stehen Saudi-Arabiens Einwohner auf dem 10. Platz (Deutschland: 28. Platz) der Rangliste beim Energieverbrauch pro Kopf (via ourworldindata). Dieser wird beinahe komplett durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe gedeckt. Nur rund 1,5 Prozent entstammen nachhaltigen Quellen, wie Solarstrom (via lowcarbonpower).

Das Emirat ist der größte Erdölexporteur der OPEC, wobei das Staatsunternehmen Aramco maßgeblich verantwortlich zeichnet. Sie haben zum Beispiel 2021 mehr Geld eingenommen als Apple und Alphabet (unter anderem Google) zusammen (via taz).

In den kommenden Jahrzehnten plant Saudi-Arabien an seinen Exporten festzuhalten. Mit den Einnahmen will sich das Land entsprechend transformieren – aber wohl eher fürs 22. Jahrhundert als für das jetzige.

Zusätzlich zu den oben genannten Menschenrechtsverletzungen ist dabei eines zu beachten: Gleichweg als wie nachhaltig, grün und zukunftsweisend sich solche visionären Projekte auch irgendwann entpuppen mögen, sie kosten Unmengen. Entsprechend ist ihr Zielpublikum klar: die vermögendsten paar Prozent der Weltbevölkerung. Saudi-Arabien beabsichtigt, sich langfristig ökonomisch wie ökologisch zu transformieren, nicht aber sozial-gesellschaftlich.

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