So groß wie Kanada und Russland zusammen: Unternehmer wollen mit Konzept für Unterwasser-Siedlungen eine bisher kaum erkundete Region der Erde erschließen [Best of GameStar]

Während andere den Mars im Visier haben, blickt ein britisches Ingenieursteam in die Tiefe: Ihre Vision für das 21. Jahrhundert sieht die Menschheit in hochmodernen Siedlungen am Grund der Meere.

So stellt sich DEEP eine Kolonie von Sentinel-Behausungen auf einem flachen Küstenabschnitt vor. (Bildquelle: DEEP) So stellt sich DEEP eine Kolonie von Sentinel-Behausungen auf einem flachen Küstenabschnitt vor. (Bildquelle: DEEP)

Update: Wir haben einen Abschnitt zu den theoretisch möglichen Negativ-Folgen und offenen Fragen des Projektes hinzugefügt.

SpaceX hat den Mars im Visier, Blue Origin möchte den Erdorbit erschließen und die NASA will zum Mond. Dabei kennen wir unseren eigenen Hinterhof kaum: die Ozeane.

Nur etwa ein Viertel ihrer gewaltigen Fläche (ganze 71 Prozent der Erde) ist per Scans kartiert. Betreten haben wir sogar nur einen Bruchteil – ein britisches Unternehmen sieht unsere Zukunft aber genau dort: in Siedlungen auf dem Meeresgrund (via Seabed20230).

DEEP ist ein Technologie-Unternehmen, das genau das ändern will. Ihr Ziel für 2027 klingt nach Science-Fiction: Ein modulares System soll den Meeresgrund für uns Menschen dauerhaft erschließen. Im Fokus stehen zwar Forschung und Erkundung, aber die Vision reicht eigentlich viel tiefer.

Wir nehmen euch mit in die Tiefe, um einen Blick auf die Vision zu erhaschen: Menschen zu einer Heimat im Ozean zu verhelfen (via DEEP).

Video starten 5:15 NASA-Video aus dem Jahr 2009: Wie der Klimawandel die Ozeane beeinflusst

Von Vanguard zu Sentinel

Den Grundstein legte 2025 der Prototyp Vanguard. Nach ersten Tests in England wird das Modul nun Anfang 2026 vor Florida versenkt: Dort können vier Personen eine Woche lang in 50 Metern Tiefe leben – ein entscheidender Testlauf für das spätere Sentinel-System (via MIT Technologie Review).

Das Vanguard-Modul wurde bereits letztes Jahr dem ersten Testlauf unterzogen. (Bildquelle: DEEP) Das Vanguard-Modul wurde bereits letztes Jahr dem ersten Testlauf unterzogen. (Bildquelle: DEEP)

Doch schon ab 2027 will DEEP den nächsten Schritt gehen: Sentinel. Dahinter verbirgt sich ein modulares Habitat-System, das je nach Größe bis zu mehrere Dutzend Personen für etwa einen Monat in bis zu 200 Meter Tiefe beherbergen kann. Danach müssten zumindest Nahrungsvorräte ergänzt werden.

Mit Sentinel sollen also kleinere Forschungs-Siedlungen angelegt werden können, deren Crew nach etwa einem Monat rotiert. Das ist aber kein Muss. Es gäbe keinen Zwang. Wer einmal dort unten lebt, müsste aus medizinischen Gründen nicht nach einem Monat zurück. Funktioniert Sentinel, wäre auch ein dauerhaftes Leben unter Wasser möglich.

So könnten mehrere Sentinel-Module mit Zwischenstücken zusammengesetzt aussehen. Bildquelle: DEEP) So könnten mehrere Sentinel-Module mit Zwischenstücken zusammengesetzt aussehen. Bildquelle: DEEP)

Ferner soll Sentinel ohne umfangreiche Über-Wasser-Unterstützung auskommen und einfach verlegbar sein. Für die Stromversorgung sind je nach Standort verschiedene Modelle denkbar, entweder per Kabel vom Land, durch Brennstoffzellen und Batterien am Meeresgrund oder Solaranlagen an der Oberfläche.

Bei der Fertigung von Vanguard und Sentinel sollen modernste Fertigungsverfahren zum Einsatz kommen, wie das Unternehmen auf ihrer Website darstellt. Robotische Systeme kombinieren ein Verfahren, dem 3D-Druck nicht unähnlich, mit klassischem Verschweißen von Elementen: das WAAM-Verfahren.

Hierbei handelt es sich um robotergestützten Metall-3D-Druck, der hochfeste Stahllegierungen in komplexe, organische Formen bringt. Dies kombiniert die Sicherheit bewährter Druckkörper mit einer Flexibilität, die im klassischen U-Boot-Bau bisher unmöglich war.

Die Vorfahren von Vanguard und Sentinel. Bildquelle: DEEP Die Vorfahren von Vanguard und Sentinel. Bildquelle: DEEP

Derweil tritt DEEP in vorhandene Wissenschafts-Fußstapfen – wenn auch in vergleichsweise kleine. Es gibt Vanguard-Vorgänger im Geiste, die zeitweise Menschen beherbergt haben (siehe obige Grafik). Sie nimmt das britische Unternehmen als Beweis und Startpunkt, um voranzuschreiten.

Eine Frage des Drucks und die Blindspot-Zone

DEEP visiert mit der Konzeption von Sentinel vor allem die sogenannte Blindspot-Zone an. Damit ist ein Tiefenbereich der Weltmeere gemeint, der nur schwer ökonomisch effizient von der Meeresoberfläche erreichbar ist, 50 bis 200 Meter. Denn all unsere mobilen Methoden zur Erkundung der See erweisen sich hier als mangelhaft:

  • Tauchen mit Sauerstoff von der Oberfläche aus: Theoretisch können geübte Taucher für kurze Zeit auf bis zu 150 Meter heruntergehen. Allerdings müssen sie alsbald den Rückweg antreten, um die Dekompression einzuleiten. Denn der Druck so weit unten ist um ein Vielfaches höher als an der Oberfläche. Pro 10 Meter nimmt er um ein Bar zu. Steigt ein Taucher schließlich zu schnell auf, bilden sich im Blut aufgrund des raschen Druckabfalls Bläschen. Die Folgen sind lebensgefährlich (via AquaMed).
  • U-Boote: Unterseeische Erkundung durch bemannte oder unbemannte Boote ist nichts Neues und entwickelt sich rasant weiter, aber sie bleibt zweierlei: aufwendig und teuer. Für Tiefen bis 200 Meter ist sie ökonomisch und über Wochen oder gar Monate hinweg nicht tragbar.
  • Sättigungstauchen: Darunter wird das langsame Gewöhnen des Körpers an den Druck in großen Tiefen verstanden. Die Öl- und Gasbohrindustrie setzt seit Jahrzehnten auf bedruckte Kammern und Transferglocken zwischen der Schwärze weit unten und schwimmenden Versorgungsplattformen/Schiffen. Die Kosten hierfür sind allerdings hoch, die bisherigen Quartiere spartanisch und zumeist fensterarm oder gar -los. So sehen in keinster Weise Orte aus, an denen jemand gern arbeitet, forscht oder schlicht lebt.

Schlafzimmer Beim Blick auf die Unterwasserwelt einschlafen - so stellt sich DEEP einen Schlafbereich im Sentinel-Modul vor. (Bildquelle: DEEP)

Hauptraum Zur Verbindung aller Räumlichkeiten dienen solche Zentralbereiche. (Bildquelle: DEEP)

Labor Natürlich soll vor allem geforscht werden, dazu dienen solche Labore - natürlich auch mit Ausblick. (Bildquelle: DEEP)

Sentinel kann auf zwei Weisen genutzt werden: entweder bei Oberflächendruck, wobei der Transport per U-Boot erfolgen würde, oder dem Sättigungstauchen nicht unähnlich. Dabei würde der Wasserdruck der jeweiligen Tiefe entsprechen. Letztere Vorgehensweise würde sogar ein Betreten und Verlassen der Module über sogenannte Moonpools ermöglichen. Das sind quasi schlichte Öffnungen, die ungehinderten Zugang zum Wasser gewähren (via DEEP).

Dank der fortschrittlichen Bauweise hat Sentinel ferner nichts gemein mit beengten Industrie-Kammern, um rein zweckdienlich Wartungstaucher zu beherbergen.

Ein steinreiches Paradies unter Wasser

Kommerziell, wissenschaftlich und auch von der Verfügbarkeit her ist die Blindspot-Zone ferner ideal. Denn die vor allem in den Schelfbereichen vor den Kontinenten vorkommenden Zonen kommen zusammen auf eine Fläche, die größer ist als Kanada und Russland kombiniert. Zudem finden sich dort laut Deep:

  • Gewaltige Ressourcenvorkommen aller Art, inklusive ausgedehnter Fischereigebiete
  • 96 Prozent der Korallenriffe
  • Mehr als 90 Prozent der aktuellen Schutzgebiete für marines Leben
  • etwa drei Viertel aller Schiffswracks oder untergegangenen Kulturstätten

Wäre diese Zone ein Land und würden wir sie besiedeln, verbrächten die dort wohnenden Menschen ihr Leben im flächenmäßig größten und wohl schönsten, reichsten sowie biologisch wertvollsten Staat der Erde.

Was könnte denn da schiefgehen?

Obschon all das geradezu paradiesisch klingt und vor allem auch auf den Bildern aussieht, bleiben natürlich Fragen. Denn sowohl ökonomisch als auch ökologisch oder psychologisch wirft das Projekt Stand heute noch etliche Fragen auf:

  • Wie teuer wäre selbst eine kleine Forschungs-Ansiedlung auf dem Meeresgrund?
  • Welche ökologischen Folgen für die Um- und Tierwelt sind zu befürchten?
  • Würde dadurch vor allem weitere Ausbeutung der natürlichen Ressourcen provoziert?
  • Könnten Menschen mit den Folgen vom Sättigungstauchen, selbst bei relativ geringen Wassertiefen von 50 bis 100 Meter umgehen? Für mehr Informationen dazu schaut zum Beispiel hier bei Atlasobscura. Behaltet aber im Hinterkopf: Da geht es um die auch oben erwähnten Industrietaucher. Die Bedingungen sähen, wie DEEP es darstellt, selbst in einem Sentinel-Modul anders aus.

Letzten Endes bleibt aber noch eine Frage: Wenn schon Wasser, warum sollten wir in ihm leben und nicht einfach darauf in schwimmenden Städten? Auch für letzteres gibt es gute Argumente, faszinierende Beispiele und Visionen, die es locker mit denen von DEEP aufnehmen können. (Wenn ihr Interesse an dem Thema habt, schreibt es gern mal in die Kommentare.) Der Idee, in die oberflächennahe Tiefe zu gehen, hilft derweil vor allem eines: Abgeschiedenheit vom Wetter (via Physikbuch). Wellen verlieren relativ schnell, selbst bei stärksten Stürmen, unter Wasser an Wucht.

Kurzum: in 100 oder geschweige denn 200 Metern Tiefe ließe sich selbst während eines Hurrikans in der Karibik entspannt ein Kaffee beim Ausblick auf die Unterwasserwelt genießen. Selbst Tsunamis sind da eher uninteressant – bis auf die erdgeschichtlichen Monstren.

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