Vor 8 Jahren baute China mitten im Nirgendwo eine U-Bahnstation. So sieht die »einsamste U-Bahnstation der Welt« heute aus

2017 blickte die Welt nach China. Mitten in der Landschaft stand eine scheinbar verlassene U-Bahnstation: Dahinter steckt ein ehrgeiziges Projekt.

Der Ausgang 1 der Caojiawan-U-Bahnstation sah vor wenigen Jahren noch ganz anders aus. (Bildquelle: Xataka.com) Der Ausgang 1 der Caojiawan-U-Bahnstation sah vor wenigen Jahren noch ganz anders aus. (Bildquelle: Xataka.com)

Wir schreiben das Jahr 2008, die Welt wird von der Weltfinanzkrise in Atem gehalten. Just in dieser Zeit beginnt China ein massives Infrastruktur- und Urbanisierungsprojekt, das zeitweise groteske Bilder hervorbringt.

Die Einsamste U-Bahnstation der Welt war lange Zeit Zeugnis eines Projekts, das bei uns vor allem für Kopfschütteln gesorgt hat: Um die unbewohnten Außengebiete der Stadt Chongqing zu erschließen, wurde erst die U-Bahn gebaut, noch vor den Gebäuden, die es zu versorgen galt.

Jahre später zeigt sich: Es gibt die Station immer noch – aber die sieht heute komplett anders aus.

Die »Geister-U-Bahn« heute

Die Summe klingt atemberaubend. – so schrieb der Spiegel 2008 über das chinesische Infrastrukturpaket.

In Zahlen: Vier Billionen Yuan, umgerechnet damals 460 Milliarden Euro, pumpte die chinesischen Regierung unter anderem in den Wohnungsbau, in neue Straßen, Eisenbahnlinien oder Flughäfen sowie in den Gesundheits- und Bildungssektor.

Rund zehn Jahre später, im Jahr 2017, rückt ein ganz konkretes Ergebnis der Investitionen in den medialen Fokus: »Die einsamste Metrostation der Welt«. Dahinter steckt Ausgang Nummer 1 der Caojiawan-U-Bahnstation in der zentralchinesischen Stadt Chongqing.

Das Besondere: Die Stadt sollte wachsen. Doch anstatt hier zuerst Gebäude zu errichten, wie man es vielleicht erwarten würde, kam die Erweiterung der U-Bahnlinie zuerst.

Die Folge: Die Caojiawan-U-Bahnstation irgendwo im Nirgendwo – wie auch ein Fernsehbeitrag aus dem Jahr 2017 zeigt:

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle findest du einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt.
Du kannst ihn dir mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden.

Personenbezogene Daten können an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Link zum YouTube-Inhalt

Der Beitrag zeigt eine voll funktionsfähige U-Bahnstation – mitten im Brachland: Die Fahrkartenautomaten funktionieren, ein heruntergekommener Aufzug steht irgendwo in der Landschaft und sogar die U-Bahn fährt – doch die Station ist menschenleer.

Ein aktuelleres Bild liefert da ein Video des Reisebloggers Harry J. Der hat die einsamste U-Bahnstation der Welt 2023 besucht, und ist auch die Rolltreppe zum berüchtigten Ausgang 1 nach Oben gefahren:

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle findest du einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt.
Du kannst ihn dir mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden.

Personenbezogene Daten können an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Link zum YouTube-Inhalt

Hier zeigt sich ein ganz anderes Bild:

Die U-Bahnstation ist belebt, nichts mehr ist von der Geisteratmosphäre geblieben. Insofern: Die Station Caojiawan – ein chinesisches Erfolgsprojekt?

Der Preis der Mega-Projekte

Blickt man auf die Rasanz, in der China seinen ÖPNV ausbauen kann, könnte man aus deutscher Sicht neidisch werden: Ab 2018 steht der Begriff Deutschlandtakt für umfassende Bemühungen, Bahnfahrten in Deutschland durch optimierte Anschlüsse attraktiver zu machen.

Das ursprüngliche Ziel, den Takt bis 2030 umzusetzen, wurde mehrfach verschoben. Mittlerweile schreibt der Deutschlandfunk, dass die Realisierung des Gesamtprojekts bis 2070 dauern könnte. Grund dafür in erster Linie: Jahrzehntelang wurde zu wenig in die Infrastruktur investiert.

Doch der rasante Ausbau des chinesischen ÖPNV-Netzes wird von gravierenden sozialen, ökonomischen und sicherheitstechnischen Problemen begleitet:

  1. Enteignung der Landbevölkerung
    Der Spiegel berichtet 2013, 5 Jahre nach Verabschiedung des Investitionspaketes, von erbittertem Protest der Landbevölkerung gegen die voranschreitende Urbanisierung: Was im Westen Enteignung wäre, ist in China allgemeines Recht. Das Land gehört nicht den Leuten, es bleibt stets in Staatsbesitz.
  2. Fehlallokation
    Dr. Lu Dadao berichtet im Guardian über das Problem der Überkapazitäten im chinesischen Modell, das auch Infrastrukturprojekte betrifft. Er bemängelt viele Projekte als irrational: »unzureichende Fahrgastnachfrage, Bahnhöfe, die weit von den Städten entfernt sind, die sie bedienen sollen, in Gebieten mit niedriger Bevölkerungsdichte gebaut«.
  3. Sicherheitsmängel
    Auch die Stadt Zhengzhou erlebte einen massiven Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes. Die Webseite Science berichtet, wie nach extremen Regenfällen im Juli 2021 eine Stützmauer unter dem Druck der Wasserfluten brach, die einen Zugangstunnel zur U-Bahn schützte – 14 Menschen starben in der überfluteten Linie 5.

Wer nach China schaut, muss solche baulichen Mega-Projekte differenziert betrachten. Es ist weder sinnvoll noch wünschenswert, die dortigen Zustände eins zu eins auf Europa zu übertragen.

Dennoch: Die Veränderung der Caojiawan-U-Bahnstation von einem Lost Place zu einem belebten Knotenpunkt innerhalb weniger Jahre ist ein beachtlicher Wandel.

zu den Kommentaren (5)

Kommentare(5)
Kommentar-Regeln von GameStar
Bitte lies unsere Kommentar-Regeln, bevor Du einen Kommentar verfasst.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.