Die Moses-Brücke: Ein biblisches Bauwerk soll den Verkehr im Nahen Osten revolutionieren – und Israel umgehen

Eine Brücke von biblischem Ausmaß soll gebaut werden. Hinter dem gigantischen Bauprojekt stecken: Wirtschaft, Macht und Religion.

Symbolbild: Die Moses-Brücke wird größer ausfallen, doch einer ihrer Nutznießer ist im Hintergrund angedeutet: The Line, eines der Megaprojekte von Saudi-Arabien im Zuge des NEOM-Programmes. (Bildquelle: NEOM und Pixabay) Symbolbild: Die Moses-Brücke wird größer ausfallen, doch einer ihrer Nutznießer ist im Hintergrund angedeutet: The Line, eines der Megaprojekte von Saudi-Arabien im Zuge des NEOM-Programmes. (Bildquelle: NEOM und Pixabay)

An Projekten wahrhaft gigantischen Ausmaßes mangelt es Saudi-Arabien nicht. Jetzt nimmt eine biblische Brücke mit weitreichenden Folgen planerische Gestalt an. Die King Salman bin Abdulaziz Bridge soll das Rote Meer zwischen Ägypten und Saudi-Arabien nahe des Suezkanals überwinden.

Das von der Allgemeinheit seit Jahren unter dem Namen Moses-Brücke bekannte Projekt könnte den Verkehr im Nahen Osten zwischen zwei der bedeutendsten islamischen Ländern revolutionieren.

Die Problemlage rund um fundamentale Rechte in Saudi-Arabien: Amnesty International zufolge missachtet der Golfstaat in etlichen Bereichen Menschenrechte und international anerkannte gesellschaftliche Standards. Meinungs-, Presse- oder Vereinigungsfreiheit sind nicht gegeben.

Ferner bleibt die gesellschaftliche Stellung von Frauen und Minderheiten weiterhin problematisch. Sie werden durch Gesetze und im täglichen Leben aufgrund von Tradition und Religion diskriminiert.

In der Strafverfolgung herrscht teils Willkür; Regimekritiker werden ohne klare Anklage, mitunter für sehr lange Zeit, in Gewahrsam genommen oder verschwinden spurlos. Vor Gericht erwarten sie regelmäßig ausgedehnte Haftstrafen, und in Gefängnissen sind sie Folter ausgesetzt. Auch die Todesstrafe bleibt ein Mittel für die Gerichte, die die auch für Straftaten wie etwa Drogenschmuggel verhängen.

Darüber hinaus leiden Arbeitsmigranten weiterhin unter dem Kafala-System. Obschon dieses traditionelle Vertragsinstrument inzwischen auf Kritik hin verändert wurde, sind ausländische Beschäftigte noch immer der Kontrolle ihrer Arbeitgeber unterworfen. Pässe werden mitunter einbehalten, um ein Druckmittel zu besitzen. Im Sommer müssen die Arbeitsmigranten weiterhin ungeschützt in brütender Hitze arbeiten.

Saudi-Arabien führt außerdem illegal einen Krieg im Jemen. Dem Land werden deshalb Kriegsverbrechen und zahlreiche schwere Verstöße gegen das Völkerrecht vorgeworfen.

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Eine Brücke mit biblischem Vorbild

Der Name Moses-Brücke bezieht sich auf die Reise der biblischen Figur Moses. Der soll dem Alten Testament nach die Israeliten durch Teilung des Roten Meeres aus Ägypten hinaus ins Land Kanaan (heute Palästina) geführt haben.

Eine Teilung des Meeres planen die Anrainerstaaten indes nicht, ihnen schwebt ein anderer Weg vor, das Meer zu überwinden: Eine insgesamt etwa 30 Kilometer lange Brücke für Straßen- und Schienenverkehr.

Die soll im ägyptischen Badeort Sharm el-Sheikh im Südwesten der Sinai-Halbinsel beginnen, über die Insel Tiran schließlich in der Region Ras Alsheikh Hamid in Saudi-Arabien enden.

Derzeit befindet sich in der Nähe des angedachten Endortes bereits die Zukunftsstadt The Line im Bau.
Die Moses-Brücke soll eine der infrastrukturellen Stützen des 500-Milliarden-US-Dollar-Projektes NEOM werden, zu dem auch The Line gehört, das Wohnraum für mehrere Millionen Menschen bereitstellen soll (via businessinsider).

Die ungefähr geplante Position der Moses-Brücke.
(Bildquelle: Google Maps) Die ungefähr geplante Position der Moses-Brücke. (Bildquelle: Google Maps)

Wie der ägyptische Transportminister Kamel al-Wazir gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters erklärt, seien sein Land sowie Saudi-Arabien mit den Planungen fertig. Die Bauarbeiten der Brücke könnten jederzeit beginnen. Allerdings lässt er durchblicken, dass theoretisch auch ein Tunnel entstehen könnte. Ob das nun zusätzlich zur oder anstelle der Brücke überlegt wird, bleibt offen.

Die exakte Ausgestaltung hänge letztendlich von diplomatischen Beratungen und der Einschätzung durch die verantwortlichen Ingenieure ab.

Eine Frage dürfte dabei sicherlich die Gewährleistung des Schiffsverkehrs sein. Denn auch wenn der Weg zum Suezkanal ein Stück weiter westlich, entlang der Westseite der Sinai-Halbinsel verläuft, müssen auch hier Schiffe Richtung Norden in den Golf von Akaba einfahren können. Der endet an den jeweiligen Südspitzen von Israel und Jordanien bei den Hafenstädten Eilat und der Ortschaft Akaba, die dem Golf seinen Namen gibt.

Aktuell transportiert nur eine lokale Reederei mit 13 Schiffen Personen und Güter über den sogenannten Golf von Tiran. Die Moses-Brücke würde diese Transportkapazitäten vervielfachen. Zudem wäre es die erste Landverbindung zwischen Ägypten und Saudi-Arabien.

Eine alte Idee mit mehreren Nutznießer-Gruppen

Die Idee für eine solche Brücke gab es erstmals 1988, doch in ihrer jetzigen Form wurde sie vom ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah el-Sisi und dem saudischen König Salman ibn Abd al-Aziz 2016 in Kairo umrissen. Sie verkündeten eine Einigung und unterzeichneten Dokumente, wodurch Ägypten die Insel Tiran und die umliegenden Gewässer an Saudi-Arabien übergab.

Als Preis für die Brücke wurden damals 4 Milliarden US-Dollar genannt, für die Saudi-Arabien alleine aufkommen will. Denn die Brücke ist Teil des saudischen Riesenprojekts NEOM.

Über die Brücke sollen in den 2030er Jahren jährlich Waren sowie Millionen von Menschen zwischen den Staaten zur verspiegelten, 170 Kilometer langen Stadt The Line reisen können.

Auch wird die Brücke wohl eine religiöse Bedeutung erhalten: Denn ist sie einmal eröffnet, wird sie für Millionen Pilger den kürzesten Weg zwischen Ägypten, als Knotenpunkt in Afrika, und Mekka in Saudi-Arabien darstellen – dem Zentrum des islamischen Glaubens.

Wäre die Moses-Brücke die längste Brücke der Welt?

Die längste Brücke der Welt wird das Bauwerk über das Rote Meer keineswegs – nicht einmal annähernd. Selbst wenn wir nur Brücken über Meere betrachten, verlöre sie schon gegen die Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke, die die einstige britische Kolonie mit der Nachbarstadt Macau verbindet.

Das Bauwerk in Asien ist 55 Kilometer lang, wobei 35 davon über Wasser verlaufen. Die überhaupt längste Brücke weltweit findet sich aber ebenfalls in China: die Große Danyang-Kunshan Brücke. Sie misst knapp 165 Kilometer, führt allerdings fast ausschließlich über Land (via ingenieur).

Die Moses-Brücke bleibt aber Teil des Megaprojekts NEOM, das weltweit eigene Maßstäbe setzen soll. Da ist die Brücke hin zu einer futuristischen Stadt mitten in der Wüste vermutlich noch der konventionellste Teil.

Ob die Realisation der Vision gelingt und was die Idee dieser saudische Zukunft für das Leben der lokalen Bevölkerung und der hunderttausenden Arbeitsmigranten bedeutet, muss international streng beobachtet werden.

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