In Europa bahnt sich eine unerwartete Energierevolution an: Strom wird mancherorts so günstig, dass es zum Problem wird, wie die Experten von The Economist berichten.
Bevor ihr euch wundert: Leider bezieht sich das (noch) nicht auf die europäischen Endkunden. Die günstigen Preise gelten vor allem für Großhandelsmärkte und dürften zum jetzigen Zeitpunkt nur den entsprechenden Unternehmen zugutekommen.
Sonnenschein und Windböen im Überschuss?
Spanien, eines der sonnigsten Länder Europas, erlebt zwischen 11 Uhr morgens und 7 Uhr abends regelmäßig ein faszinierendes Phänomen: Die Strompreise am Großhandelsmarkt stürzen ins Bodenlose, manchmal sogar ins Negative.
Und auch im weniger sonnenverwöhnten Deutschland sieht es ähnlich aus. Dank eines Überangebots an On- und Offshore-Windenergie hat der deutsche Strommarkt laut The Economist im vergangenen Jahr in 301 von 8.760 Handelsstunden negative Preise verzeichnet. Mit einem Anteil von 51,8 Prozent erneuerbarer Energien hat Deutschland die Nase vorn.
Doch wo liegt das Problem?
Die Crux mit der grünen Energie
Nulltarif-Strom mag für Verbraucher verlockend klingen, doch für europäische Regulierungsbehörden ist es ein Albtraum. Trotz Rekordproduktion an grüner Energie hapert es an der effizienten Nutzung.
Wieso ist das so? Wind- und Solarenergie sind nur beschränkt berechenbar. Sie sind mal im Überfluss vorhanden und mal knapp bemessen. Europa tut sich schwer damit, diese Launen der Natur auszugleichen.
Das Resultat: Einerseits sinken die Großhandelspreise für Strom, andererseits schmilzt die Rendite für Investoren in Wind- und Solarparks dahin.
In Deutschland beispielsweise fiel die sogenannte »Capture Rate« für Solaranlagen von stolzen 80 Prozent vor drei Jahren auf magere 50 Prozent im Mai.
Was ist die Capture Rate? Dabei handelt es sich um Anteil des durchschnittlichen Tagesstrompreises, den Betreiber von Solaranlagen durch den Verkauf ihres erzeugten Stroms erhalten.
Drei Wege aus dem Dilemma
Wie lässt sich dieses Energierätsel lösen? Die Experten von The Economist sehen drei Hauptansätze:
1. Netzausbau: Eine bessere Vernetzung könnte jährlich 42 Terawattstunden von ansonsten verschwendeter Elektrizität nutzbar machen, so ENTSO-E, eine Vereinigung europäischer Netzbetreiber.
Doch Vorsicht: Lokaler Widerstand und steigende Kosten bremsen den Ausbau.
2. Verlagerung der Nachfrage: Anstatt zu versuchen, dass jeder Mensch seine Aktivitäten wie Duschen auf die Zeit mit der höchsten Sonnenstrahlung verlegt, was unpraktisch wäre, sollen bestimmte flexible Stromverbraucher dazu gebracht werden, ihren Verbrauch auf diese Zeiten zu verlagern.
Ein Beispiel hierfür sind dynamische Stromtarife. Nutzer solcher Tarife profitieren von günstigeren Preisen in Zeiten, in denen viel erneuerbare Energie (EE) im Netz vorhanden ist. In manchen Fällen können die Preise sogar negativ sein, was bedeutet, dass die Nutzer Geld gutgeschrieben bekommen, wenn sie Strom verbrauchen.
Ein weiteres Beispiel wären Fernwärmepuffer: Diese Systeme speichern Wärme und könnten so programmiert werden, dass sie in Zeiten mit überschüssigem Solarstrom aufgeladen werden.
3. Energie speichern: Von gigantischen »Wasserkochern« in Hamburg bis hin zu unterirdischen Wärmespeichern in Finnland – innovative Lösungen gibt es zuhauf. Doch laut The Economist bremsen unter anderem fehlende Anreize den Fortschritt.
Laut Jochen Schwill vom Start-up Spot My Energy geht davon aus, dass Haushalte in Deutschland mit den richtigen Anreizen bis zu 600 Euro jährlich verdienen könnten, indem sie ihre Batterien dem Netz zur Verfügung stellen.
Falls ihr euren Haushalt selbst mit Strom versorgen wollt, schaut mal beim Artikel von Dennis vorbei:
Ich habe mir ein Balkonkraftwerk gebaut, um jährlich 200 Euro Strom zu sparen
Die Lösung liegt also in der intelligenten Anpassung unserer Systeme und Denkweisen. Europa steht an der Schwelle zu einer neuen Energieära – ob wir sie meistern, hängt von unserer Fähigkeit ab, Innovationen voranzutreiben und flexible Lösungen zu finden.

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