Wenn Atommeiler herunterfahren, um eine Katastrophe zu verhindern, dann denken viele vermutlich zuerst an Tschernobyl oder Fukushima. Bei einem Kraftwerk in Frankreich steckte kürzlich etwas weniger Technisches, sondern vielmehr Tierisches dahinter, als der leistungsstärkste Meiler des Landes vom Netz ging.
Die Ursache: Quallen stürmten einen Reaktor vom Wasser aus. Wir erklären, was dahinter steckt und weshalb uns eine solche tierischen Zwischenfälle noch öfter blühen könnten.
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Wolkenkratzer als 1.000 Meter hoher Energiespeicher
Auf freie Rohre kommt es an
Der Vorfall Quallen versus Atomkraftwerk
ereignete sich Mitte August 2025 in Nordfrankreich beim Meiler Gravelines, betrieben seit 1980 von Électricité de France (EDF). Direkt an der Nordsee an einem Kanal gelegen, stellt die Anlage bei Vollbetrieb all seiner sechs Reaktoren etwa 5.500 MW an Leistung parat. Derzeit ist es das leistungsstärkste Kernkraftwerk Frankreichs und Nummer 2 in Europa. Saporischschja in der Ukraine liegt an der Spitze.
Ein überraschend großer Schwarm Quallen drang laut dem Betreiber in die Pumpsysteme für Kühlwasser ein. Sie verstopften die Filtersysteme, welche normalerweise dafür gedacht sind, um die Leitungen frei von Objekten zu halten. Als die Computer den Abfall des Wasserdrucks im Inneren des Kraftwerks registrierten, fuhren sie automatisch die vier zu dem Zeitpunkt aktiven Reaktoren herunter. Wäre dies nicht geschehen, hätte theoretisch die Gefahr einer Überhitzung bestanden.
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Wer sich mit der klassischen Stromproduktion auskennt, weiß: Wir machen bei allen Reaktoren, egal ob kohle-, gas-, öl- oder urangetrieben, Wasser heiß. Der Dampf strömt dann mit Druck durch Turbinen und diese erzeugen mittels Wechselwirkung elektromagnetischer Felder Strom, der bei uns aus der Steckdose kommt.
Bei Atomkraftwerken haben wir zwei strikt voneinander getrennte Wasserkreisläufe, den Primär- und den Sekundärkreislauf. Erster enthält das Wasser, das im Reaktor mit den radioaktiven Materialien in Berührung kommt. Der Zweite nennt sich Kühlkreislauf – ihn haben die Quallen in Gravelines unterbrochen. Hierfür wird Wasser angesaugt, zum Wärmeabtransport intern verwendet und dann wieder gen Gewässer oder zum Kühlturm abgeleitet.
Was machen eigentlich die Kühltürme? Die großen, nach oben hin breit auslaufenden Kühltürme, sorgen für den Wiedererkennungswert. In den Kühltürmen wird der erhitzte, aber strahlungsfreie Wasserdampf heruntergekühlt, zurück in den Kreislauf gepumpt oder als Wasserdampf in die Atmosphäre abgegeben.
Alternativ fließt das durch die Kühlung der Anlage aufgewärmte Wasser zurück in andere Gewässer. Hierfür gelten aber Limits, um den Fluss, Kanal oder das Meer nicht zu sehr lokal aufzuheizen. Tier- und Pflanzenwelt können darunter kurz- und mittelfristig leiden.
Aufgrund dieser strikten Abhängigkeit von (kaltem) Wasser steht bei unserem Nachbarn alljährlich die Stromversorgung auf der Kippe, sobald es im Hochsommer zu Dürren kommt. Führen die Flüsse nämlich weniger Wasser und erwärmen sich ferner zusehends durch die Sonneneinstrahlung (weniger Wasser plus mehr Sonne = höhere Temperatur), sitzen die Reaktoren buchstäblich schwitzend auf dem Trockenen. In diesem Fall kauft Frankreich auch massig Solar- und Windstrom aus Deutschland, England oder Spanien ein, um sein Netz zu stabilisieren.
Kraftwerke wie Gravelines verfügen zwar aufgrund der Nähe zum Meer über vereinfachten Zugang zu Kühlwasser, müssen sich jedoch ebenso auf die höheren Temperaturen einstellen – was technisch bedingt nur begrenzt möglich ist.
Die bereits laufende Wartung zweier Reaktoren verschärfte die Lage aus Sicht der Stromabnehmer. Denn so stand das Kraftwerk letztendlich komplett still – und Frankreich fehlten laut Montel rund 10 Prozent seiner Atomstrom-Produktion. Anders ausgedrückt: Die Elektrizität für 5 Millionen Haushalte musste aus dem europäischen Netz (Deutschland, Spanien und England) abgezapft werden.
Das stellte dank etablierter Verfahren und der Vernetzung des europäischen Strommarktes aber kein Problem dar, wie sich auch im Nachgang des Blackouts im Frühjahr in Spanien zeigte.
Energie bereitgestellt von Kernspaltungsreaktoren stellen in Frankreich die mit Abstand wichtigste Energiequelle dar. Rund 70 Prozent kommen durchschnittlich durch sie ins Netz. Damit nimmt Frankreich weltweit traditionell den Spitzenplatz ein, niemand ist abhängiger von Uran als Energieträger.
Lehren, eine davon schlaffördernd
Vorfälle wie dieser zeigen uns glasklar dreierlei auf. Erstens: Zentralisierte Stromversorgung stößt schneller als gedacht an Grenzen, die die Natur aufzeigt. Selbst vermeintliche Hochsicherheitsanlagen, geplant und erbaut von Experten, über Jahre sicher betrieben, können von unerwarteten Ereignissen außer Betrieb gesetzt werden.
Zweitens: Die Klimakrise zieht abseits von wärmeren oder geringeren Wassermengen in den Flüssen auch sekundäre Folgen nach sich. Denn je wärmer das Wasser, desto mehr Ärger droht mit Quallen – sie mögen es gemütlich warm. Das ist auch unsere eigene Schuld: Die Überfischung nimmt seit Jahrzehnten kontinuierlich Fressfeinde der Quallen aus den Meeren. Sie breiten sich auch deshalb zusehends aus, wir sprechen deshalb auch von verquallen
.
Neu sind solche Vorfälle derweil nicht. Generell bedrohen die unscheinbaren Lebewesen den Betrieb von Kraftwerken nahe Ozeanen, so zum Beispiel auch in Schottland, Schweden, den USA, Philippinen und Japan. Nur wird ihre Häufigkeit wahrscheinlich eher zu- als abnehmen.
Drittens: Der Vorfall beschwichtigt vielleicht auch manche Sorge. Moderne Atomkraftwerke halten Krisen stand. Es ist nichts Schlimmes passiert, obwohl der normale Betrieb empfindlich gestört wurde. Die Sicherheitssysteme haben wie beabsichtigt gegriffen und die Reaktoren heruntergefahren. Der Strom fiel weg, aber niemand fiel der Situation zum Opfer, bis auf vielleicht auf die Quallen. Es bestand laut Aussagen des Betreibers gegenüber der BBC nie Gefahr für Personal, die Anlage selbst, die Umwelt oder die Öffentlichkeit.
Inzwischen sind alle sechs Reaktoren wieder im Betrieb, nachdem die Quallen aus den Filtern befreit worden – oder, technisch formuliert, die Anlage von dem Schwarm gesäubert worden ist. Über den Zustand der kurzzeitig siegreichen Quallen ist nichts abschließend bekannt.
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