Am 4. Juli 2025 endete in Spanien eine fast 150-jährige Ära: Die letzte Megawattstunde Kohlestrom floss ins Netz – die Zukunft gehört den Regenerativen. An Fossilen bleibt ebenfalls auslaufendes Gas und ein Bodensatz an Kernenergie. Dabei ließ nur wenige Wochen zuvor ein Blackout das Land erstarren. Wahnsinn könnte manch einer denken, doch weit geirrt.
Der scheinbare Widerspruch hat System und steht für eine beispiellose Erfolgsgeschichte dank Wagemut. Dennoch wird Spanien derzeit zum Opfer seines eigenen Erfolgs – woraus wir und ganz Europa aber lernen sollten.
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Wolkenkratzer als 1.000 Meter hoher Energiespeicher
Spaniens Solar-Höhenflug
In den vergangenen Jahren investierte Spanien enorm in seine Energieversorgung, allen voran Fotovoltaikanlagen. Wer sich die Daten anschaut, beobachtet zwischen 2015 und August 2025 ein Plus von 600 Prozent bei Solar – bei Deutschland sprechen wir beim gleichen Zeitraum etwa von einer Verdoppelung (via energy-charts).
Zugleich beendete Spanien im Juli 2025 die Verstromung von Kohle. Wir hingegen setzen weiter stark auf den fossilen Energieträger – wahrscheinlich noch bis mindestens Ende der 2030er. Derzeit kommt etwa jede vierte Kilowattstunde aus Braun- oder Steinkohlekraftwerken. Das entspricht dem Kohleanteil im Strommix Spaniens im Jahr 2015.
Bei Strom durch Wind hat sich in den vergangenen zehn Jahren allerdings in Deutschland etwas mehr getan als in Spanien. Wir bauten hier stärker aus. Bei Offshore-Wind haben wir es aber auch leichter, Spaniens Küstengebiete vor den Ufern sind dafür kaum geeignet, da steil abfallend. Sie wollen offiziellen Dokumenten zufolge bei Onshore jedoch wieder anziehen.
Erstrahlt Spanien also als Zukunfts-Mekka eines grünen Solar-Energie-Booms? Nein, wie ein Bericht der Financial Times zeigt, leiden die Menschen wie auch hier unter hohen Preisen – oder zuletzt sogar unter einem Blackout. Für Ersteres können die Solarkraftwerke indirekt etwas, an Letzterem waren sie unschuldig. Zum wahrscheinlich Schuldigen für den massiven Stromausfall kommen wir gleich noch.
Bei Dunkelheit wirds teuer – und oft staut sich der Strom
Spaniens durchschnittlicher Strommix sowie der prinzipielle Ablauf eines Tages baut sich laut Statista derzeit folgendermaßen auf:
- 25 Prozent aus Wind
- 20 Prozent von Kernkraftwerken
- 15 Prozent aus Gas (jüngst-jährlich stark wachsend)
- 20 Prozent durch Solar (jüngst-jährlich steil steigend)
- 15 Prozent durch Wasser, auch Pumpspeicher
- 5 Prozent andere, wie auch Biomasse
Der Atomstrom dient heutzutage noch weiter als Grundstock, er stützt das Netz rund um die Uhr. Hinzu kommt die Wasserkraft aus sogenanntem Laufwasser, also Flüssen. Wobei zu beachten ist, dass die Verfügbarkeit von Wasser in Spanien zunehmend infrage steht: die Dürren nehmen zu.
Wind steht je nach Wetterlage mehr oder weniger zur Verfügung, aber tendenziell gleichmäßig über den Tag verteilt. Tagsüber strömen große Mengen an Solarstrom ein und versorgen die Nation, doch gerade abends nach Feierabend verzehrt sich Spanien nach Elektrizität, die aber just dann zu einem erheblichen Teil wegbricht.
Als Ersatz für Solar springen dann Gaskraftwerke sowie Pumpspeicherkraftwerke ein. Erstere verbrennen aber das bekanntermaßen teure Erdgas. Die Staudämme vor letzteren wurden tagsüber mit überschüssigem, grünem Strom befüllt, doch auch hierfür braucht es Wasser, Stichwort: Trockenperioden und fallender (Grund)wasserspiegel.
Die Lage ist das Ergebnis gleich mehrerer Fehl- bzw. verzögerter Entwicklungen, die schnellstmöglich korrigiert werden müssen:
- Unzureichende Speicherkapazitäten, um das Plus an Sonnenenergie für die dunklen Stunden zu sichern. Der Großteil liegt in Form von Pumpspeicherkraftwerken vor. Deren Ausbau ist aufwendig und erfordert enormen Platz. Alldieweil sind Erweiterungen bei Lithium-Ionen-Batterien sowie auch Wasser als Speichermedium fest eingeplant.
- Mangelhaftes Netz: Denn auch wenn es deutlich mehr Batterien gäbe, würde es mitunter zu Problemen kommen, sie aufzuladen. Mehr als 30 Knotenpunkte im Netz von Spanien sind zu Zeiten höchster Last nämlich gesättigt, wie bei der Financial Times nachzulesen ist. Sie arbeiten mit Daten des größten spanischen Stromversorgers.
- Zu wenige Anschlüsse an andere Länder: Die Kapazitäten zum Austausch günstigen Stroms über Grenzen hinweg müssen erweitert werden. Vor allem für EU/Europa-Randstaaten wie Spanien stellt das im Krisenfall, wie bei drohenden Blackouts, aber auch im Alltag ein Problem dar. 2027 soll ein zusätzlicher Festlandlink zwischen Spanien und Frankreich in Betrieb gehen.
Netzschwächen und ein Fehlverhalten menschlicher Akteure haben derweil im April 2025 für einige Tage zum Zusammenbruch der Stromversorgung geführt: Nach Schwankungen aufgrund veralteter Netzinfrastruktur und fehlenden Kapazitäten zur Stabilisierung kam es zu einem Kaskadeneffekt, der Kraftwerke, inklusive Solar- und Windkraftfelder abschnitt. Ferner fehlten an sich zur Verfügung stehende Reservekraftwerke, die aber entgegen der Vorgaben nicht bereitstanden.
Das Nervensystem Europas
Die Zeiten, in denen die Länder unabhängig voneinander Stromnetze unterhalten, sind längst vergangen. Europa durchzieht ein dichtes Netz an Leitungen, das extreme Mengen an Strom von Spanien bis in die Ukraine oder von Nordafrika bis zur Nordspitze Finnlands transportiert. Auf dieser Karte könnt ihr interaktiv alltäglich gelebte europäische Infrastruktur erkunden.
Hochspannungsleitungen bilden das Rückgrat des europäischen Stromnetzes und neue sind fortlaufend in Planung sowie im Bau – wie fast 1.000 Kilometer in der Nordsee.
Die Kapazitäten sind aber beschränkt, es kann nicht beliebig viel elektrische Energie verschoben werden. Dazwischengeschaltet sind diverse Sicherungen, die bei Schwankungen automatisch abschalten. So kappte Frankreich den Stromverbund Ende April 2025, um ein Überschwappen der Störung aus Spanien zu verhindern. Aber generell stabilisiert Verschränkung und Breite das Netz für alle.
Bildlich vielleicht wie die Stabilität zwischen zwei Händen: Verbunden sind beide auch beide nur streichelnden Fingerspitzen, doch greifen sie satt ineinander, verweben sie sich deutlich enger.
Lehren für uns und Europa als Ganzes
Ohne jetzt ins überbordende Detail zu gehen: Quasi jedes europäische Land kämpft in einem oder anderen Maße an den obigen Mängeln. Auch in Deutschland geht es seit Jahrzehnten darum, neue landläufig genannte Stromautobahnen für den Windstrom des Nordens gen Süden zur Industrie zu errichten.
Spanien demonstriert als mutiger Vorreiter, was passiert, wenn Netz und Speicher dem Ausbau der Erzeuger nicht hinterherkommen. Nach Angaben der Financial Times steckte das Land in Relation zum sonstigen Ausbau weniger in die Infrastruktur als andere Staaten.
Die Gründe hierfür sind vielfältig, doch können wir eines daraus lernen: Es braucht ganzheitliches Planen und viel Geld sowie Fachpersonal. Spaniens Entwicklung dient als Vorbild, aber eben auch als Mahnung, die Energiewende groß zu denken – am besten als gesamteuropäisches Jahrhundertprojekt.
Was braucht ein sicheres Netz des 21. Jahrhunderts?
- Beispiele für Energiespeicher:
- Batterien
- Pumpspeicher, hierauf setzt Spanien dank seiner bergigen Landschaft bereits stark.
- Klassische Druckluftspeicher, wie zum Beispiel ein neuer in China, der gleich drei Rekorde auf einmal bricht
- Alternative Speichermethoden, wie zum Beispiel luftleere Betonkugeln am Meeresgrund
- Netzstabilisierung durch sogenannte »Synthetic inertia systems«. Sie simulieren quasi die ausgleichende und verzögernde Wirkung von mechanisch-rotierenden Turbinen in Gas-/Kohle- und Atomkraftwerken. Denn diese lassen sich nicht direkt stoppen, weder absichtlich noch unabsichtlich. Sie verlangsamen und beschleunigen relativ gemächlich, hierdurch gleichen sie Schwingungen der Netzfrequenz aus.
- Weitere Details zum Thema Stabilisierung von Spannung, Frequenzspannungen und allerhand weiteren Unterthemen finden sich bei Powermag.
Im Falle von Blackouts: Schwarzstart-Befähigung von Solarparks, wie durch bisher vor allem in wissenschaftlichen Papers vorgestellten Technologien.
Unter Schwarzstart ist das Hochfahren eines Kraftwerkes ohne externe Stromzufuhr gemeint. Von Haus aus sind hierzu vor allem Wasser- und Gaskraftwerke geeignet. Nukleargeneratoren sind hingegen auf eine Vielzahl an Pumpen angewiesen, damit sie sicher Hitze zur Dampferzeugung und so zum Antrieb einer Turbine bereitstellen können.
Solar- und Windanlagen benötigen derzeit in den allermeisten Fällen ein bestehendes Netz, um ihren Strom einzuspeisen, da für sie selbst erst diverse Geräte anspringen müssen. Dazu zählen Steueranlagen, Kommunikationssysteme zum Kontakt mit dem Netzbetreiber, Wandler und Kühlungen.
Meinung aus der Redaktion
Gerald Weßel: Wie ich bereits vor Monaten schrieb: Europa ist auf dem richtigen Weg. Spanien steht aus meiner Sicht im August 2025 mehr denn je für diese Gewissheit als einer der Vorreiter schlechthin – auch wenn manches vernachlässigt wurde. Der Staat an der Südwestspitze Europas geht seinen Weg mutiger als die meisten in Europa und hat dabei mehr zu kämpfen. Sein Vorangehen trotz Lage am Rand und geografischen Herausforderungen nötigen mir geschriebenen Beifall ab.
Wir müssen auf die neuen Anforderungen reagieren: Europas Netze müssen weiter und dichter zusammenwachsen, damit beispielsweise nachts Strom aus Wasser- und Pumpspeicherkraftwerken Skandinaviens denen in Spanien beispringt.
Es gibt keine ernsthafte Alternative zum Ausbau regenerativer Energiequellen aller Art und zugehöriger Stromspeicher. Fusionskraftwerke sind ein Puzzlestück für das Netz von übermorgen. Wir haben schon heute die Technik, um unsere Stromnetze umzubauen. Spaniens Weg ist ein Beweis exakt hierfür und die Probleme zeigen, woran es mangelt: Investitionen und Personal.
Wichtig bleibt, was heute schon verlässlich funktioniert: Solar, Wind und Co. und vor allem der europäische Schulterschluss bei Infrastruktur.
Wir müssen heute nicht beschämt selbst alle Kohle- und Gaskraftwerke in Deutschland abschalten, aber uns (weiter) bitte redlich bemühen, entsprechend unserer Wirtschafts- und Innovationskraft voranzugehen. Europa hat eine Energieinfrastruktur verdient, auf die wir alle stolz sein können und dafür braucht es Hunderte Milliarden an Investitionen. Wobei die auch mittelfristig die Geldbeutel der Menschen füllen - und Strompreise senken.
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