Was haben Jahrtausende alte Gelage an Fisch und Fleisch mit Gurken und vereisten Straßen zu tun? Seit einigen Jahren nutzen wir an einzelnen Orten gegen Eis ein Abfallprodukt, das zu den ältesten der Menschheit gehört: Salzlake – und das aus einer knackigen Quelle.
Wir erläutern euch alle Hintergründe des nachhaltigen Werkzeugs, um der Glätte beizukommen. Denn die industriell-chemische Allzweckwaffe im 20. Jahrhundert hat inzwischen aus Gründen des Umweltschutzes abseits der am stärksten befahrenen Verkehrswegen ausgedient.
Was Lebensmittel konserviert, entfernt auch Eis
Früher gehörte es zum Alltagsbild eines deutschen Durchschnittswinters: Selbst bei leichtem Frost streuten Winterdienste Salz, genauer Natriumchlorid. Derselbe Stoff, den ihr nur in fein gemahlen in der Küche stehen habt, sorgt für eisfreie Oberflächen und somit fließenden Verkehr.
Doch damit ist inzwischen teilweise Schluss: Streusalz wird in den meisten Kommunen weniger verstreut. Denn es schädigt Grünanlagen und Bäume, weshalb oft nur Splitt oder Sand zur Abstumpfung der Wege zum Einsatz kommt. Für Privatleute gilt quasi überall ein generelles Verwendungsverbot. (via 21grad).
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Jedes Kind weiß, dass Wasser bei 0 Grad Celsius gefriert. Das stimmt auch, aber nur unter bestimmten Bedingungen: Reines Wasser mit einem pH-Wert von 7 (also quasi salzfrei und neutral) gefriert genau hier. Sobald aber Salz (Natriumchlorid) hinzugefügt wird, sinkt der Gefrierpunkt herab. Deshalb bleibt auch Meerwasser bei teils hohen Minusgraden von –2 Grad Celsius oder tiefer flüssig – es enthält im Durchschnitt 35 Gramm Salz pro Liter (Salinität ca. 3,5 Prozent), bei einem pH-Wert von etwa 8,1–8,2 (leicht alkalisch).
Chemisch gesehen steckt dahinter, dass die Natrium- und Chlorid-Ionen, in die Streusalz im Wasser zerfällt, für Chaos sorgen. Sie quetschen sich quasi zwischen die H₂O-Moleküle und verhindern den festen, gitterförmigen Zusammenschluss, den wir als Eis kennen.
Aber wie schmilzt jetzt Salz Eis? Da ist ja kein flüssiges Wasser, worin es sich lösen könnte, oder? Doch – selbst bei zweistelligen Minusgraden bleibt auf dem Eis eine sogenannte quasi-flüssige Oberflächenschicht. Sie ist hauchdünn (nur wenige Molekülschichten), fürs bloße Auge unsichtbar und existiert auch unter 0 Grad Celsius. Hierin löst sich das Salz und senkt den Gefrierpunkt der Schicht. Da diese salzige Mischung jetzt flüssig bleibt und kälter ist, entzieht sie dem darunterliegenden Eis Wärmeenergie (Schmelzwärme).
Dadurch taut das benetzte Eis an, es entsteht mehr flüssiges Wasser, mehr Salz löst sich darin – und der Prozess beschleunigt sich. Wir erleben eine klassische, sich selbst verstärkende (positive) Kettenreaktion.
Allerdings wirkt weder unser gewöhnliches Streusalz (Natriumchlorid) noch Gurkenwasser (die recycelte Gurkensole), wenn die Temperaturen unter ca. –21 Grad Celsius fallen.
Das ist der eutektische Punkt einer NaCl-Wasser-Lösung (bei ca. 23 bis 24 Prozent Salzgehalt): Ab hier gefriert auch die konzentrierteste Sole. Bei extremer Kälte helfen nur andere Salze (beispielsweise Calcium- oder Magnesiumchlorid), die den Gefrierpunkt noch stärker senken – aber meist schädlicher für Umwelt, Fahrzeuge und Infrastruktur sind.
In einer alten Tradition der Zivilisation findet sich derweil eine nachhaltige Alternative – nicht frei von Nachteilen, aber objektiv umweltfreundlicher. Wasser aus der industriellen Gewürzgurkenproduktion.
Um die aus dem Handel allseits bekannten Gurken in Gläsern in all ihrer Vielfalt herzustellen, werden nämlich einige Wochen rohe Gurken in Salzlake eingelegt.
Silos beherbergen Tonnen hiervon, wobei nach Entnahme des fertigen Produktes ein Abfallstoff übrig bleibt: Salzsole, also salziges Wasser mit pflanzlichen Resten. Normalerweise entsorgen Industriebetriebe die Hunderte Liter an Gärlake/Gurkensole nach aufwendiger Reinigung über Kläranlagen. Allerdings lässt sich hieraus auch ein effektives Streumittel herstellen, und zwar so:
- Die feinen Rückstände der Gurken werden entfernt. Die Flüssigkeit zeigt sich jetzt als sauber und geruchsfrei.
- Der Salzgehalt von etwa sieben bis neun Prozent genügt nicht, rund 22 Prozent sind nötig. Die Flüssigkeit wird konzentriert und es wird zusätzliches Salz beigefügt.
Ihr solltet deshalb jetzt trotzdem nicht gleich in den nächsten Supermarkt laufen, um euch gläserweise die Kellerregale mit Essig, Salz und Gewürzgurken vollzustopfen. Die darin um die grüne Kost schwappende Flüssigkeit weist eine zu geringe Konzentration auf - sie kann dem Eis nur wenig bis gar nichts anhaben. Nur in konzentrierter, leicht dickflüssiger Form entfaltet sie ihre Wirkung.
Altbekanntes Handwerk: Derweil gehört die Technik, deren Abfallprodukt wir hier nutzen, zu den ältesten Methoden zur Haltbarmachung von Lebensmitteln überhaupt. Selbst in der Antike vor mehr als 3.000 Jahren verwendeten die Menschen Salz, um Nahrung zu fermentieren und somit zu konservieren. Die Wirkweise sieht so aus: Gemüse, wie Gurken liegen in der salzhaltigen, kühlen Lake.
Natürliche Mikroorganismen wandeln Zucker und Stärke der Nahrung in Milchsäure um. Hierdurch verderben sie deutlich langsamer als zuvor. In Deutschland trägt das Verfahren im Volksmund auch die Bezeichnung Einmachen
.
Was sind die Vorteile von Gurkenwasser-Sole?
Der fundamentale Unterschied liegt in der Herkunft des Stoffes sowie bei seiner physikalischen Form. Herkömmliches Streusalz verursacht abseits seiner Umweltschäden allein durch seine Herstellung massive Belastungen, weil große Mengen abgebaut, veredelt, transportiert und ausgebracht werden müssen.
Die Gurkenwasser-Sole liegt nach relativ simpler Verarbeitung im Werk ohnehin vor. Zudem haftet sie besser, da dickflüssiger, als das relativ lose Streusalz. So trägt es der Wind weniger hinfort. Weitere Vorteile:
- Präventiver Einsatz: Winterdienste verstreuen die Sole meist vorbeugend. Der feine Sprühnebel legt sich vor Schneefall oder bei leichter Glätte auf die Straße.
- Weniger Salz insgesamt: Pro Fläche brauchen wir weniger Salz als im trockenen Zustand (bis zu 75 Prozent Einsparung möglich).
- Die Nachteile für die Umwelt wiegen leichter: Es muss weniger Steinsalz abgebaut werden, gleiches gilt für die wegfallenden LKWs.
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Ist Gurkenwasser als Streumittel unbedenklich? Nein, chemisch wirkt die Sole aus Gurkenwasser exakt wie normales Streusalz, soll heißen:
- Versalzung von Böden: Die Struktur des Untergrunds verdichtet sich. Hierdurch kommen Pflanzenwurzeln schwerer an Wasser und Nährstoffe.
- Schäden an Pflanzen: Straßenbäume, Hecken und Grünstreifen leiden unter Salzstress (Verbrennungen, Wachstumsstörungen, Absterben).
- Belastung von Gewässern: Salz reichert sich in Flüssen, Seen und Grundwasser an. Der erhöhte Salzgehalt und sich damit verschobene ph-Wert stellt einen schweren Eingriff in die Lebensumwelt von Fischen, Amphibien und Wasserpflanzen dar. Das Ökosystem gerät unter Druck und passt sich zum Schlechteren hin an.
Mit soviel Gurkenwasser-Sole oder Streusalz wie wir wollen, können wir in Grönland anrücken. Da versuchen wir es eher mit der Klimakrise, aber noch ist die Insel größtenteils weiß – indes deutlich kleiner als ihr oder der amtierende Präsident der USA wahrscheinlich denkt. Schuld ist eine Tücke der Mathematik.
Eine optimale Lösung stellt es also nicht dar, aber wir sehen hier einen interessanten, nachhaltigen Mittelweg, um zumindest Extremsituationen Herr zu werden. Dem Winter eine seiner unangenehmsten Seiten dauerhaft wie garantiert zu nehmen, bleibt eine Illusion - egal mit welcher Chemikalie.
Vorsicht im Verkehr bei Minusgraden bleibt allzeit unverzichtbar.
Aktuell laufen aber nur Pilotprojekte, vor allem in Bayern. Einem flächendeckenden Einsatz stehen Probleme wie mangelhafte Verfügbarkeit im Weg. Aber in Zukunft dürfte das Abfallwasser aus der Produktion von haltbaren Gurken immerhin die ein oder andere Verletzung oder sogar Todesfall verhindern.
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