Deutschland mottet eine einst landesweit verbreitete Technologie ein, während Mexiko sie wiederentdeckt – beides ist logisch

Telefonzellen gehörten einst fest zum Stadtbild – quasi weltweit. Inzwischen hat sie das Handy jedoch überall vertrieben. Nun, nicht ganz: Ein Land in Südamerika hat einen Plan.

(Bildquelle: Pixabay, succo) (Bildquelle: Pixabay, succo)

Wer außerhalb von vier Wänden telefonieren will, macht das einfach – dank Handy. Früher lag vor jedem Telefonat auf der Straße der Gang zu einer Telefonzelle. Doch seit den 2000ern endete mehr oder weniger weltweit ihre Ära.

In Mexiko erleben öffentliche Telefone nun allerdings seit Kurzem ein Comeback, der Grund: ein auch bei uns bekanntes Problem – aber auf Steroiden.

Ein Anschluss für das Nirgendwo

Die mexikanische Initiative CFE TEIT (CFE Telecomunicaciones e Internet para Todos) belebt seit rund einem Jahr Telefonzellen wieder, teils sogar als Neubauten. Von hier können Bürger kostenlos telefonieren – vor allem national, aber auch international in einige Länder.

Das Programm setzt indes nicht überall, sondern nur in Gebieten mit schlechter Versorgung mit Internet- und Handynetz an. Städte wie Mexiko City betrifft das also keineswegs (via mexiconewsdaily).

Video starten 0:54 Im Dienste der Wissenschaft: Massenhaft schwarze Bälle werden in ein Wasserreservoir geschüttet

Die Geografie im Sinne von Stadt versus Land macht das notwendig. Denn den Kontrast zu den dicht besiedelten, ausladenden Hochebenen bilden die teils extrem gebirgigen und vom Rest des Landes geradezu abgeschnittenen, eher spärlich bewohnten Küstengebiete. Diese regelrechte Kluft zwischen urban und ländlich zeigt sich auch beim Zugang zum Internet bzw. am Handynetz.

Auf dem Papier liegt zwar eine Abdeckung in rund 83 Prozent der Gemeinden landesweit vor, allerdings nutzt das letztlich vor allem den großen Städten. Es geht hier also nicht wie bei uns (dazu gleich mehr) um weiße Flecken, sondern eher ganze weiße Streifen, die Teile des Staatsgebietes bedecken.

Bisher wurden deshalb hier circa 850 solcher Zellen errichtet. Hauptsächlich wird hiermit den Bundesstaaten Chiapas, Veracruz und Oaxaca geholfen.

Keine Frage des Geldes

Bei der CFE TEIT handelt es sich um ein staatliches Telekommunikations-Unternehmen, genauer um eine Tochtergesellschaft der Federal Electricity Commission (CFE). Wir können sie also grob mit der früheren föderalen Deutschen Telekom vergleichen.

Die Frage von Kosten und Nutzen lässt sich derweil nicht beantworten, da keine Angaben zum Nutzungsverhalten, geschweige denn exakte Zahlen vorliegen. Weder ist bekannt, wie viel die rund 850 Telefone in Sachen Aufbau, Betrieb und Wartung kosten, noch ist öffentlich zugänglich, welche Menge an öffentlichen Telefonaten monatlich geführt wird.

Es liegt deshalb nahe, das Angebot als ein Projekt der fundamentalen Daseinsvorsorge (grundlegende staatliche Versorgung der Bevölkerung) einzuordnen: Es existiert, da es als unverzichtbar angesehen wird und solange es funktioniert, erfüllt es erst einmal seinen Sinn. Wahrscheinlich evaluieren die Betreiber Erfolg oder Ablehnung der Apparate in einigen Jahren. Ein Jahr dürfte als Testzeitraum kaum genügen.

Brauchen auch wir wieder Telefonzellen?

Seit Anfang 2023 gibt es bei uns keine funktionierenden Telefonzellen mehr, nachdem bereits 2021 die gesetzliche Pflicht für den Netzbetreiber wegfiel, öffentliche Telefone zu betreiben. Von einst mehr als 160.000 Stück stehen Anfang der 2026 nur noch vereinzelte Relikte herum – oft in Form von Telefonsäulen.

Die Telekom baut die letzten Exemplare fortwährend ab. Das gestaltet sich aber aufwendig, da verschiedene Ämter und Gewerke dafür zusammenkommen müssen, zum Beispiel Bauämter, Energieversorger und Recyclingunternehmen.

Eine Übertragung des mexikanischen Modells auf Deutschland, also eine Umkehr in zumindest manchen Regionen, ergäbe jedoch wenig Sinn, da der Unterhalt laut Angaben der Telekom den Nutzen keinesfalls rechtfertigen würde. Es bräuchte also ein staatliches Subventionsprogramm, um sie zu finanzieren – ohnehin, wenn sie wie in Mexiko ein kostenloses Angebot darstellten (via mdr).

--->Von Sammelobjekten, einem Friedhof und Duschen<---

Mitte der 2010er bot die Telekom an, Telefonzellen käuflich zu erwerben. Jeder Interessierte konnte zum Fernmeldezeugamt Berlin, Außenstelle Potsdam kommen, um sich dort ein rechteckiges Stück Telefonnostalgie abzuholen, Kostenpunkt: 350 bis 450 Euro, je nach Modell. Die neuere; magenta-grau Variante (TelH90) war etwas günstiger als der gelbe, mit noch mehr Nostalgie behafteter Klassiker (TelH78).

Der einzigartige Flohmarkt hat allerdings inzwischen geschlossen. Auf Nachfrage des RBB gab die Telekom auch den Grund preis: Die Nachfrage sei zeitweise so hoch ausgefallen, dass sie keine Exemplare mehr vorrätig haben, die sich guten Gewissens verkaufen ließen. Kurzum: Die besten Exemplare sind weg, der Rest ist zu stark beschädigt und müsste erst aufwendig restauriert – oder erst noch von den Straßen geholt werden.

Die Lagerstätte, auch inoffiziell als der Telefonzellenfriedhof in Michendorf bezeichnet, existiert jedoch bis heute und wird weiter befüllt, während Mitarbeiter parallel recyceln und aussortieren.

Die Bandbreite der zweiten Leben der ehemaligen Heime für vernachlässigte Telefone ist enorm: Von Objekten in Museen, Bücher(tausch)schränken über Duschen in privaten Gärten, Eiskiosken oder Coffeeshops bis zu Ruheräumen in Unternehmen für Handy-Telefonate reicht die Spanne.

Zudem leiden wir im Vergleich zu Mexiko weniger unter mangelnder Mobilfunkabdeckung. Ja, es gibt sie, aber auf offiziell höchstens zwei Prozent der Landesfläche. Im Gegensatz zu Mexiko werden auch ländliche Regionen in den allermeisten Fällen von einem Netz abgedeckt, wenn es auch schwächer ausfallen mag als in den urbanen Hochburgen. Derart geografisch und technisch abgehängte Gebiete wie in Mittel- und Südamerika kennen wir schlicht nicht. Ausfälle kommen eher punktuell vor.

Wer also auf eine Rückkehr der Häuschen hofft, den müssen wir also leider enttäuschen. Allerdings hätten Fans der öffentlichen, kabelgebundenen Telefonie aber jetzt einen liebhaberischen Grund für eine Reise nach Mexiko.

Vielleicht ist das ja was für euch? Schreibt uns eure liebste Erinnerung an Telefonzellen beziehungsweise, wann zuletzt oder ob ihr jemals eine benutzt habt, gerne in die Kommentare.

zu den Kommentaren (4)

Kommentare(4)
Kommentar-Regeln von GameStar
Bitte lies unsere Kommentar-Regeln, bevor Du einen Kommentar verfasst.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.