Die Elektronikindustrie steht immer mehr unter Druck. Während die Branche ohnehin mit drastisch gestiegenen Speicherchip-Preisen kämpft, sorgt der Krieg im Nahen Osten nun für den nächsten Kostenschock: Die Versorgung mit essenziellen Rohstoffen für gedruckte Leiterplatten (»Printed Circuit Boards«, kurz: PCBs) bricht ein.
PCBs stecken in nahezu jedem elektronischen Gerät – vom Smartphone über den Laptop bis zum KI-Server. Angesichts dessen ist davon auszugehen, dass die Auswirkungen auf den Markt eklatant sein werden, wie das Branchenmagazin Reuters berichtet.
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Ein Angriff auf 70 Prozent Weltmarktanteil
Den Ausgangspunkt bildet ein Angriff auf eine Industrieanlage im saudischen Jubail Anfang April. Dort wird unter anderem hochreines Polyphenylenether-Harz produziert, kurz PPE – ein Vorprodukt, das bei der Herstellung von Leiterplattensubstraten unverzichtbar ist und sich durch andere Materialien kaum ersetzen lässt.
- Das Problem: Der Chemiekonzern SABIC, der auf dem Jubail-Gelände produziert, deckt laut Reuters rund 70 Prozent des weltweiten Bedarfs an hochreinem PPE.
- Eine namentlich nichtgenannte Quelle berichtet gegenüber dem Portal, dass SABIC die Produktion bislang nicht wiederaufnehmen konnte. Die globale Verfügbarkeit des Materials sei dadurch massiv eingeschränkt.
Lieferkette unter Dauerstress
Die unmittelbaren Folgen machen sich in den Lieferketten bereits deutlich bemerkbar. Der südkoreanische Leiterplattenspezialist Daeduck Electronics – der unter anderem für Samsung, SK Hynix und AMD fertigt – hat Preisanpassungsgespräche mit seinen Abnehmern aufgenommen.
Intern hat sich der Fokus des Unternehmens verschoben: Statt Kundengespräche zu priorisieren, sucht das Management laut einem Reuters-Insider derzeit vorrangig nach gesicherten Rohstoffquellen.
Auch weitere Schlüsselmaterialien für die Herstellung von PCBs hat es erwischt:
- Die Wartezeit auf Epoxidharz hat sich nach Reuters-Angaben von rund drei auf inzwischen bis zu 15 Wochen ausgedehnt. Goldman-Sachs-Analysten beziffern den PCB-Preisanstieg demnach allein im April auf bis zu 40 Prozent gegenüber dem Vormonat.
- Parallel dazu hat sich Kupferfolie, das nach Angaben von Victory Giant Technology den größten Einzelkostenfaktor mit rund 60 Prozent der Rohstoffausgaben darstellt, seit Jahresbeginn um bis zu 30 Prozent verteuert. Der stärkste Preisanstieg war dabei indes im März zu beobachten.
Rohstoffkrise trifft Hersteller schon vor dem Regal
Die Auswirkungen dieser neuerlichen Entwicklung könnten die gesamte Lieferkette treffen – ähnlich, wie wir es seit Monaten im Rahmen der anhaltenden Speicherkrise erleben.
Wenn ihr ein Smartphone, einen Laptop oder eine Grafikkarte kauft, findet ihr schließlich am Ende des Weges eine Leiterplatte – und damit Rohstoffe, die gerade knapper und teuerer werden.
Wann sich die Engpässe in den Endverbraucherpreisen tatsächlich niederschlagen, ist aktuell aber ebenso wenig absehbar wie die Antwort auf die Frage, ob und wie schnell alternative PPE-Lieferanten einspringen können.
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