Die Straße von Gibraltar ist seit jeher eine der am stärksten befahrenen Passagen zwischen zwei Meeren oder Ozeanen. Hier wurden nicht nur Waren transportiert, sondern auch Rohstoffe, Waffen und Soldaten.
Dass auf dem Grund der Meerenge nicht einfach nur Wracks liegen, sondern eher ein ganzes Unterwasserarchiv, zeigt ein Forschungsprojekt der Universität Cádiz in Spanien:
In der Bucht von Algeciras, auch Bucht von Gibraltar genannt, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zwischen Mai 2020 und März 2023 151 zuvor nicht dokumentierte Fundstellen erfasst, darunter 124 Schiffswracks.
Mehr als nur einzelne Wracks
Dabei geht es nicht um ein einzelnes, großes Unglück, sondern um die historische Bilanz eines wichtigen Seewegs. Über Jahrtausende war die Bucht die zentrale Schnittstelle zwischen Atlantik und Mittelmeer – und ist es bis heute.
0:54
Im Dienste der Wissenschaft: Massenhaft schwarze Bälle werden in ein Wasserreservoir geschüttet
Wo sich Verkehr, Konkurrenz und strategische Kontrolle derart verdichten, wird auch Schiffbruch irgendwann zur Normalität.
Die Fundstellen reichen daher vom 5. Jahrhundert vor Christus bis ins 20. Jahrhundert. Erfasst wurden nicht nur Wracks, sondern auch geschichtsträchtige Anker- und Liegeplätze.
So ist der Meeresboden vor Gibraltar mehr als ein Friedhof versunkener Schiffe. Er verdeutlicht, wie maritime Geschichte aufeinander aufbaut. Nicht als schnurgerade Linie des Handels, sondern als Abfolge verschiedenster Ereignisse: von Aufstiegen, Konflikten und Untergängen.
Unter den genauer untersuchten Funden befindet sich auch ein seltenes Kanonenboot aus dem späten 18. Jahrhundert. Insgesamt wurden bislang 34 Wracks näher dokumentiert.
Diese werden unter anderem punischen, römischen, spätrömischen, mittelalterlichen und neuzeitlichen Fundstellen zugeordnet.
Schicht für Schicht am Meeresboden
Untypisch ist auch die Art und Weise, wie die Forscher vorgingen. Sie zogen verschiedene geophysikalische Verfahren und digitale Dokumentation heran, um das Gebiet minimalinvasiv systematisch zu erfassen, anstatt auf eine spektakuläre Bergung hinzuarbeiten.
Das macht den abschließenden Befund nur umso stärker: Zum Vorschein kam kein isolierter Sensationsfund, sondern Strukturen, die sich über zweieinhalb Jahrtausende Schicht für Schicht am Meeresboden abgelagert haben.
Mehr aus der Welt der Wissenschaft:
- 4.000 Meter unter der Meeresoberfläche des Pazifiks erstreckt sich ein einzigartiges Gräberfeld, das wir wohl nie sehen werden
- Forscher entdecken im Meer vor Japan ein »gläsernes Schloss» – der Fund zeigt einmal mehr: Wir kennen erst einen Bruchteil unserer Ozeane
Ein Archiv unter Druck
Doch dieses Archiv ist zerbrechlich. Denn viele der Fundstellen liegen nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche und damit in einem Bereich, der von Hafenbetrieb, Industrie und Schiffsverkehr geprägt ist.
Die Entdeckung erzählt deshalb nicht nur von einer turbulenten Vergangenheit. Sie zeigt auch, wie leicht archäologische Funde heutzutage zerstört werden können, wenn sie nicht gezielt bewahrt werden.
Darin liegt auch eine Dringlichkeit: Nicht nur Schiffe sind gesunken, auch ihre Spuren in der Geschichte drohen unterzugehen.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.