Mitte des 17. Jahrhunderts: Zwei der größten Denker der Menschheitsgeschichte setzen an, die Mathematik auf ein völlig neues Fundament zu stellen. Sie entwickeln unabhängig voneinander die sogenannte Analysis, genauer gesagt: die Differenzial- und Integralrechnung, die zusammenfassend als Infinitesimalrechnung bezeichnet wird.
Die Hauptakteure dieses mathematischen Dramas sind zwei Universalgelehrte, deren Namen unauslöschlich in das Gedächtnis der Menschheit eingraviert sind:
- der Engländer Isaac Newton (1643 - 1727), weltberühmt als Physiker, Astronom und Mathematiker,
- und der Deutsche Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716), ein Denker, dessen Name in Fachkreisen nicht minder glänzt.
Doch was die Wissenschaftler verbindet, entzweit sie zugleich: Sie geraten in den vielleicht berühmtesten Prioritätsstreit der Geschichte. Die zentrale Frage: Wer darf als Begründer der Analysis gelten?
Zwar hatten beide unabhängig voneinander an denselben fundamentalen Problemen gearbeitet, doch wurde Newton lange Zeit als wahre Quelle der neuen Disziplin angesehen.
Kritiker werfen ihm bis heute vor, er habe seine Position als Präsident der Royal Society genutzt, um die offizielle Geschichtsschreibung zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Am Ende aber setzte sich die klarere und elegantere Notation von Leibniz durch, jene Symbolsprache, die wir bis heute verwenden.
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Anno 117: Wir haben 60 Minuten lang die Demo gespielt und … ja, unsere Stadt ist in Flammen aufgegangen
Ein vergessener Vorläufer: Archimedes
Doch weder Newton noch Leibniz ahnten, dass bereits fast zwei Jahrtausende zuvor ein Genie ähnliche Wege beschritten hatte: der Grieche Archimedes von Syrakus (287 - 212 v. Chr.). Er gilt als einer der Ersten, der Methoden entwickelte, die der Infinitesimalrechnung erstaunlich nahekommen.
Diese Vorarbeiten Archimedes’ waren in einem Manuskript enthalten, das später als Archimedes-Palimpsest berühmt werden sollte. In dieser mittelalterlichen Handschrift fanden sich mehrere seiner Werke, darunter das Stomachion, die Methodenlehre und die Schrift Über schwimmende Körper. Für die Geschichte der Analysis ist dabei vor allem die Methodenlehre von Bedeutung.
Das Schicksal des Palimpsests
Der Palimpsest selbst war eine Kopie aus dem 10. Jahrhundert - und die einzige, die wir heute überhaupt besitzen. Die antiken Vorlagen, möglicherweise sogar Originale, sind seit über tausend Jahren verloren.
Was aber ist ein Palimpsest? Dabei handelt es sich um Pergamentseiten, die bereits beschrieben waren und später wiederverwendet wurden: Der alte Text wurde abgekratzt oder ausgewaschen, um Platz für neue Schriften zu schaffen.
So verfuhren auch Mönche im 13. Jahrhundert mit der Archimedes-Kopie. Sie tilgten die antiken Texte und überschrieben sie mit einem Euchologion, einer Sammlung von Gebeten für den liturgischen Gebrauch.
Aus heutiger Sicht wirkt dieses Vorgehen fast barbarisch. Als hätte man eine Stradivari zersägt, nur um daraus Brennholz zu machen. Doch im Mittelalter war dies gängige Praxis. Pergament war extrem kostbar, da es aus mühsam gegerbten Tierhäuten bestand und die Herstellung eines einzigen Blattes Wochen dauern konnte.
Die Mönche handelten also pragmatisch, ohne zu ahnen, welch unschätzbares Wissen sie dabei auslöschten.
Pergament statt Papyrus
Warum aber überhaupt Pergament und nicht Papyrus?
- Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert brach der Handel mit ägyptischem Papyrus größtenteils zusammen.
- Zudem war Papyrus im feuchten Klima Europas schlecht haltbar: Schimmel und Zerfall setzten dem Material rasch zu, während Pergament langlebiger und widerstandsfähiger war.
Viele Jahrhunderte später trat das Papier, das ursprünglich im 2. Jahrhundert in China erfunden worden war, seinen Siegeszug in Europa an. Über die arabische Welt gelangte es ab dem 11. Jahrhundert nach Spanien und Italien.
Als im Spätmittelalter die Papiermühlen und später mit Gutenbergs Druckpresse die Buchproduktion aufkamen, verdrängte Papier das teure Pergament zunehmend und machte Wissen für weite Teile der Bevölkerung überhaupt erst zugänglich.
Die Wiederentdeckung im 21. Jahrhundert
Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts gelang es mithilfe modernster Techniken wie Multispektralaufnahmen, die unter den Gebeten verborgenen Texte Archimedes’ wieder sichtbar zu machen.
Und so drängt sich die Frage auf: Was wäre gewesen, wenn die Mönche im 13. Jahrhundert Archimedes’ Schriften nicht gelöscht hätten?
Vielleicht hätte die Menschheit Jahrhunderte früher die Werkzeuge der Analysis zur Verfügung gehabt. Diese sind bis heute unverzichtbar in Physik, Mechanik, Ingenieurwesen, Thermodynamik, Elektrotechnik und vielem mehr, kurz: in fast allen Disziplinen, die das moderne Leben prägen.
Was wäre, wenn …
Natürlich bleibt das Spekulation. Manche Historiker argumentieren, dass die Zeit schlicht erst im 17. Jahrhundert dafür reif war: Denn da entstanden die Fragestellungen, die nach der Sprache der Analysis verlangten.
Doch die Gedanken schweifen weiter: Was wäre geschehen, wenn das sogenannte Dunkle Zeitalter nach dem Untergang Roms nicht eingetreten wäre - dessen Existenz
von neuerer Forschung mittlerweile übrigens in Frage gestellt wird?
Vielleicht hätten wir nicht nur Newton und Leibniz früher gehabt, sondern längst das Sonnensystem verlassen und ferne Sterne bereist. Die Geschichte ist voller Was wäre, wenns
. Und manchmal sind es gerade die ausgelöschten Worte, die zeigen, wie dünn der Faden ist, an dem der Fortschritt hängt.

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