Piloten flogen 50 Jahre alte Flugzeuge ins Herz des schlimmsten Hurrikans: Ihr Risiko schützt Leben und Besitz von Millionen

Würdet ihr in ein Flugzeug steigen, das auf den heftigsten Sturm in der Geschichte der Karibik zusteuert? Was ihr dort erleben würdet, zeigen wir euch.

In erschreckend alten Flugzeugen legen sich die Hurrikan-Jäger mit den stärksten bekannten Stürmen an. (Bildquelle: NOAA) In erschreckend alten Flugzeugen legen sich die Hurrikan-Jäger mit den stärksten bekannten Stürmen an. (Bildquelle: NOAA)

Sie stoßen vor, wenn sonst alle fliehen: Hurrikan-Jäger. Ihr Ziel ist das Auge des Sturms, wohin sie mit zwei Flugzeugen vordringen. Gegner, Revier und Forschungsgebiet zugleich sind die stärksten Unwetter auf Erden. Mit ihren Flügen schützen sie Tausende Leben und helfen der Meteorologie, die Urgewalten zu verstehen.

Wir stellen euch »Kermit«, »Miss Piggy« sowie ihre waghalsigen Crews vor. Zwei Videos zeigen überdies im Detail, was die Besatzungen im stärksten Hurrikan seit fast 50 Jahren erlebten.

Die Hurrikan-Jäger: Flotte und Auftrag

Die Hurrikan-Jäger sind vor allem Forscher - aber auch Lebensretter. Als beiderlei gehören sie zur National Oceanic & Atmospheric Administration (NOAA). Sie bilden ein internationales Team aus hoch qualifizierten Wissenschaftlern, Navigatoren, Technikern und Piloten, das tropischen Wirbelstürmen zu Leibe rückt.

Denn ihre Flüge erkunden die Bedingungen im Inneren der Hurrikane, wie auch im Jahr 2025 im Fall von Melissa – dem stärksten Wirbelsturm seit Jahrzehnten.

Sie liefern mittels verschiedener Sensoren Echtzeitdaten, mit denen die Forschung Wettermodelle füttern kann. Kombiniert mit Satellitenbildern und Bodenradar ermöglichen diese Daten Vorhersagen zu Intensität, Zugbahn, Sturmflut und Niederschlag der Naturkatastrophen.

So wissen Behörden, wann und vor allem wo der Sturm Küsten trifft oder Schiffe/ Flugzeuge bedroht. Nur dank möglichst exakter Vorhersagen, können Meteorologen mittels ihren Prognosen aufzeigen, was auf die jeweilige Region zurollt. Und hierfür genügt nicht der Blick von außen, es braucht konkrete Daten vom Inneren des Monstrums.

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Insgesamt betreibt die NOAA drei speziell ausgerüstete Flugzeuge für ihre Forschung: zwei Lockheed WP-3D Orion und eine Gulfstream IV-SP:

  • Zwei Lockheed WP-3D Orion (P-3-Turboprops): Die beiden viermotorigen Flieger tragen die Spitznamen Kermit und Miss Piggy. Mit diesen inzwischen betagten Fliegern (Baujahre Mitte der 1970er) dringen die Piloten bei zwischen 500 und 3.000 Metern Höhe in die Stürme ein.
  • Ein Gulfstream IV-SP (G-IV-Jet): Der als Gonzo bekannte umgebaute Privatjet liefert die Perspektive von oben über den Stürmen. Er fliegt in fast 14 Kilometern Höhe über die Tiefdruckgebiete hinweg, um die oberen Atmosphärenschichten zu studieren. Hier verlaufen die Steuerströme, die entscheidend auf die Zugbahn eines Hurrikans einwirken. Gonzo ist seit 1997 bei fast jedem atlantischen Hurrikan im Einsatz.

Wir beschäftigen uns aber nur mit den Einsätzen der zwei Orions. Denn sie fliegen ins Herz der Stürme, während das dritte Flugzeug über ihnen wacht.

Die Namen der Flugzeuge gehen alle auf Figuren der US-amerikanischen Show The Muppets zurück.

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Ziel: Auge, Hindernis: Dutzende Kilometer an Urgewalt

Kermit und Miss Piggy messen beide etwa 35 Meter in Länge und haben eine Spannweite von ca. 30 Metern – etwa so groß wie eine Boeing 737. Jeweils 10 bis 20 Besatzungsmitglieder unternehmen mit ihnen maximal zehnstündige Flüge ins Innerste von Hurrikanen. Hierbei passieren sie die dichten, rotierenden Wolkenschichten.

Sowohl während der Wolkendurchquerung als auch im Zentrum werfen die Hurrikan-Jäger Sonden ab. Sie messen beim Fallen Temperatur, Feuchtigkeit, Windrichtung und -geschwindigkeit. Alle Daten fließen über Funk direkt an Server an Bord des Flugzeugs.

Kerndaten zum Hurrikan-Melissa

  • Am 27. Oktober 2025 erreichte Melissa die höchste Hurrikan-Stufe, Stärke 5.
  • Windgeschwindigkeiten: Im Mittel von einer Minute 305 Stundenkilometer – Böen überboten den Wert sogar teils deutlich mit bis zu 340 km/h.
  • Druck im Auge: 892 Millibar. Der Standarddruck der Atmosphäre liegt bei 1013,25 Millibar.

Über die Folgetage richtete sie vor allem auf Jamaika und Haiti katastrophale Schäden an: 95 Tote, mehr als 116.000 Gebäude beschädigt oder zerstört und Schäden in Höhe von 8,8 Milliarden US-Dollar. Bis heute wirken ihre Verheerungen nach, zum Beispiel durch den Verlust von Ernten (via noaa).

Ferner verfügen die zwei P3s jeweils über zwei Radare, wodurch sie ein dreidimensionales Abbild des Hurrikans erstellen. Weitere Scanner und neuerdings auch kleine Drohnen ergänzen das Repertoire der geflügelten Sensor-Kraken (via noaa).

Hierbei müssen Crew und Flugzeug extreme Turbulenzen erdulden. Der Wind wechselt in rascher Abfolge Richtung und Stärke, sowohl vertikal als auch horizontal. Obiges Video zeigt eindrücklich, welche Urgewalten Kermit dabei durchrütteln.

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Sind die Wolkenbänder erst einmal überwunden, folgt die das Auge abgrenzende Mauer, die das folgende Video zeigt. Sie nennt sich passend Augenwand. Ringförmig umschließt sie die windstille Ruhezone und formt das sogenannte Stadion. Von der einen bis zur anderen Seite durchmaß es bei Melissa 19 Kilometer.

Zu dieser Tiefdruckdelle strömt alle Luft, die Hurrikane wie gigantische Staubsauger einsaugen. Nur rührt ihre Energie nicht vom elektrischen Strom her, sondern von erhitzten, feuchten Luftmassen, die rasant emporsteigen und sich abkühlen. Denn die frei werdende Wärmeenergie speist die Stürme, was den Druckabfall im Zentrum verstärkt.

Je weiter der Luftdruck stürzt, desto mächtiger die Anziehung und umso rabiater reißen die Urgewalten an der sie umgebenden Atmosphäre – ein sich selbst verstärkendes System. Erst über Land bricht die Zufuhr von neuer Energie zusammen. Es fehlt schlicht am Wasser.

Das Ende einer Ära – doch der Auftrag bleibt

Während der Jet Gonzo vergleichsweise jugendlich daherkommt und so wohl noch bis weit ins kommende Jahrzehnt über tropischen Wirbelstürmen kreisen wird, sieht das bei den P3s anders aus. Sie feiern bald ihren 50. Geburtstag – ein stattliches Alter für Flugzeuge und hinreichend für Gedanken an die Rente.

Ähnlich geht es auch bald der Airbus A320-Familie von Airbus - doch der europäische Luftfahrtgigant hat einen Plan. Derweil genießt eine Boeing trotz seines Baustopps vor mehr als 20 Jahren bis heute einen legendären Ruf: als der Ferrari der Lüfte.

Anfang der 2030er sollen zwei umgebaute C-130J Hercules ihren Dienst antreten. Das US-Militär setzt das stetig modernisierte Transportflugzeug bereits lange ein - unter anderem auch als Forschungsflugzeug für Sturmsysteme. Dank modernerer Systeme und einer noch stabileren Bauweise versprechen die neuen Sturmjäger der NOAA: höhere Turbulenz-Toleranz, größere Nutzlasten und neueste Sensorik.

Sie müssen große Fußstapfen ausfällen: Ohne »Kermit« und »Miss Piggy« wüssten wir über Lufthülle und Wetter unseres Planeten deutlich weniger. Überdies retteten sie unzählige Leben – direkt durch genauere Vorhersagen sowie indirekt durch tiefer reichendes Verständnis von Hurrikanen.

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