Signale aus dem Inneren der Erde in der Antarktis aufgefangen? So suchen deutsche Forscher nach Antworten auf fundamentale Fragen der Physik

Forscher fahnden im ewigen Eis nach den extremsten Teilchen des Universums. Wir haben mit einem Experten über rätselhafte Funde, die Einzigartigkeit der Antarktis und Botschaften aus dem tiefen All gesprochen.

Unsere Messgeräte, die nach Signalen, Teilchen oder besonderen Ereignissen im All lauschen, sitzen längst nicht nur im Orbit – auch tief in der Arktis wird geforscht.
(Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI) Unsere Messgeräte, die nach Signalen, Teilchen oder besonderen Ereignissen im All lauschen, sitzen längst nicht nur im Orbit – auch tief in der Arktis wird geforscht. (Bildquelle: Adobe Firefly, generative KI)

Dezember: In der Antarktis ist das der Monat maximalen Lichts. Wenn bei uns unterm geschmückten Weihnachtsbaum die Geschenke liegen, herrscht bei Forschern am Südpol Hochbetrieb. Ihr Blick richtet sich Richtung All, um Milliarden Jahre alte Teilchen aufzuspüren. 2006 und 2014 erhielten sie dabei einzigartige Geschenke, die bis heute noch nicht ganz ausgepackt sind:

Ein Forschungsballon namens ANITA (kurz für: Antarctic Impulsive Transient Antenna) registrierte zwei Schauer hochenergetischer Teilchen. An sich stellen die keine Besonderheit dar – das Unerwartete ist die Richtung, aus der sie kamen.

Die registrierten Teilchen müssten laut den Daten aus dem Inneren der Erde sowie aus Tausenden Metern Eis gekommen sein. Das kann eigentlich nicht sein, es widerspricht der geläufigen Physik.

Wir erklären euch mithilfe eines der führenden deutschen Experten, wieso wir überhaupt gerade in der Antarktis nach Teilchen aus dem Weltall Ausschau halten und weshalb dieses Ereignis die Wissenschaft erschütterte.

Video starten 2:17 Das sind unsere Botschafter für die Ewigkeit jenseits des Sonnensystems - mit an Bord Clyde Tombaugh

Auf die Richtung kommt es an…

Wir wissen, dass es im Kosmos hochenergetische Teilchen gibt. Wollten wir ihnen auf der Erde so viel Energie verleihen, müssten wir Beschleuniger wie den Large Hadron Collider (LHC) bauen – aber mit der Länge der Umlaufbahn des Merkurs um die Sonne – also etwas mehr als 57 Millionen Kilometer lang.

Ralph Engel

Professor Ralph Engel studierte Physik und ist Leiter des Instituts für Astroteilchenphysik (IAP) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Von 2017 bis 2023 war er wissenschaftlicher Sprecher der Pierre-Auger-Kollaboration, an der mehr als 400 Forschende aus 17 Ländern beteiligt sind. Sie war zentral daran beteiligt, dem Rätsel der Antarktis-Signale aus dem Erdinneren nachzuspüren.

Die Erde ist einem ständigen Strom aus hochenergetischen Teilchen ausgesetzt, die fast mit Lichtgeschwindigkeit durchs All rasen.

Einige von ihnen, sogenannte Neutrinos, können in die Erde eindringen und sie ohne Zusammenstoß durchqueren. Doch unter bestimmten Bedingungen kollidieren sie oder andere, deutlich schwere Teilchen mit unserem Planeten oder seiner Atmosphäre.

Was sind Neutrinos?
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Stellt euch Neutrinos als extrem leichte, ungeladene Geisterteilchen vor. Sie entstehen als Nebenprodukt bei verschiedensten kosmischen Ereignissen. Allein unsere Sonne feuert jede Sekunde 60 bis 70 Milliarden davon auf uns ab – pro Quadratzentimeter. Ihr wichtigstes Merkmal ist ihre elektrische Neutralität: Wenn sie wenig Energie haben, rasen sie ungehindert durch ganze Planeten und Sterne hindurch. Hat ein Neutrino jedoch extrem viel Energie, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es doch mit etwas kollidiert.

Wenn das geschieht, ergießt sich eine auffächernde Fontäne an neu erzeugten Partikeln durch die Atmosphäre, ein Teilchen-/Luftschauer. Den kann der ANITA-Ballon dank umfassender Antennenanlagen in rund 30 Kilometer Höhe auffangen und seine Richtung durch Berechnungen feststellen.

Der ANITA-Ballon wird für seinen Einsatz vorbereitet. (Bildquelle: C. MikiUniversity of Hawaii) Der ANITA-Ballon wird für seinen Einsatz vorbereitet. (Bildquelle: C. Miki/University of Hawaii)

Normalerweise weisen diese Kaskaden von Partikeln aber nach unten, abwärtsgerichtete Schauer also. 2006 und 2014 kamen aber zwei von unten (aufwärtsgerichtete Schauer). Durch weitere Analysen wurde festgestellt: Sie müssen von Teilchen stammen, die einmal quer durch die Erde gereist sind – und das, obwohl sie extrem energiereich waren

Neutrinos können das aber nach unserem gegenwärtigen Kenntnisstand nicht, denn bei hohen Energien wird die Erde für sie größtenteils undurchlässig. Neutrinos können dann nur durch ihren Rand fliegen. So ein Szenario passt aber nicht zum Winkel des nach oben gerichteten Luftschauers. Sie müssen steil aus der Erde/dem Eis gekommen sein.

Ungefähr nach dieser Illustration eines Künstlers können wir uns solch einen Teilchenschauer vorstellen. Unten findet die Kollision des Teilchens nach seiner angenommenen Reise durch die Erde statt. Daraufhin ergießt sich eine ausfächernde Fontäne an Partikel durch die Atmosphäre. (Bildquelle: Uni Wuppertal) Ungefähr nach dieser Illustration eines Künstlers können wir uns solch einen Teilchenschauer vorstellen. Unten findet die Kollision des Teilchens nach seiner angenommenen Reise durch die Erde statt. Daraufhin ergießt sich eine ausfächernde Fontäne an Partikel durch die Atmosphäre. (Bildquelle: Uni Wuppertal)

Für Pros: Die Spurensuche, woher das Teilchen kam, geschieht durch die Analyse der Polarität. Luftschauer, die ANITA als Reflexion vom Eis sieht, haben eine umgekehrte Polarität. Die mysteriösen Signale hatten diese Umkehrung nicht, kamen aber trotzdem von unten. Das war aber bei den anormalen ANITA-Signalen nicht der Fall. Sie müssen also unreflektiert entstanden sein, d.h. von einem Teilchen mit einem Weg durchs Eis.

Dem mysteriösen Teilchen auf der Spur

Hier kam das Pierre-Auger-Observatorium in Argentinien ins Spiel. Dabei handelt es sich um eine riesige Anlage, die ebenfalls nach den Folgen von Teilchenkollisionen in der Atmosphäre sucht. Neugierig, ob die seltsamen Schauer auch hier in den Daten stecken, machten sich die Forscher an die Recherche – bis heute ohne Fund, aber dennoch mit Erfolg.

Eine Analyse der Daten des Pierre-Auger-Observatoriums hat die Beobachtung von ANITA nicht bestätigt. Das stellt aber kein grundlegendes Problem dar. Die Arbeit geht einfach weiter, sowohl bei uns als auch bei den Kollegen. Das Universum hält für uns bei jeder Antwort nur allzu oft mindestens zwei neue Fragen parat.

Ralph Engel

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Letztendlich bleiben die zwei ANITA-Ereignisse ein Mysterium – selbst für die Forschung. Denn es gibt in beiden Fällen keine schlüssige Erklärung, was genau passiert ist. Standard-Neutrinos dürften es nicht gewesen sein, da sie die Erde bei der je gemessenen Energie niemals hätten durchqueren können.

Hypothetische Interpretationen lauten:

  • Dunkle Materie, die in einem extrem seltenen Fall doch mit Materie interagiert hat.
  • Sterile Neutrinos, die zum Beispiel nur über Gravitation mit Materie interagieren. Sie könnten sich der Theorie nach im Inneren der Erde durch komplexe Prozesse in ein Standard-Neutrino verwandeln und so einen Teilchenschauer auslösen.
  • Bisher unbekannte Teilchen, die wir noch nie beobachtet haben.

In Zukunft planen die Köpfe hinter ANITA mit PUEO (Payload for Ultrahigh Energy Observations) dem Rätsel weiter auf den Grund zu gehen. Im Dezember 2026 soll der größere und technisch ausgefeiltere Observations-Ballon da ansetzen, wo sein Vorgänger aufhörte.

Weshalb suchen wir nach Teilchen aus dem All – und dann in der Antarktis?

Die Antarktis ist durch mehrere Faktoren der ideale Ort zur Erforschung von Teilchen aus dem All. Laut Ralph Engel sei er als Forschungsraum schlicht einzigartig.

Vor allem braucht ANITA als Luftfahrzeug spezielle Bedingungen, um ihren Dienst für die globale Wissenschaft vor Ort zu leisten:

  • Relativ simple Rechtslage für Langzeit-Ballonflüge: Die Antarktis ist internationales Gebiet. Im Bereich der Arktis wären diverse Überfluggenehmigungen von miteinander konkurrierenden Nationen erforderlich (Russland, Dänemark, USA, Kanada).
  • Gute Wetterlage: In der Antarktis wehen zirkumpolare (den Pol umrundende) Winde, die ANITA über lange Zeit hinweg den Pol in großer Höhe umkreisen lassen.
  • Zuvorkommende Topografie: Die Antarktis hat eine relativ glatte Eis-Oberfläche (zumindest im Vergleich zum Rest der Erde eine quasi ebene Fläche).
  • Wenig Störsignale: In der Antarktis sind wenig künstliche, vom Menschen erzeugte Radiosignale, die die Analysen der natürlichen Impulse von den Teilchenkaskaden erschweren.

»ANITA hat jeden Touristen nahe dem Südpol genau in den Daten gesehen«, fasst Engel die Empfindlichkeit des Ballon-Observatoriums zusammen. Wären es mehr als nur die vereinzelten, wäre die Forschung gefährdet. Allerdings wird auch der Antarktis-Tourismus mittlerweile durch die Expeditions-Kreuzschifffahrt beliebter.

All diese Arbeit, egal ob mit ANITA, dem Pierre-Auger-Observatorium oder mit weiteren Anlagen wie dem IceCube-Neutrino-Observatorium am Südpol, gehört zur sogenannten Grundlagenforschung, mit dem Ziel, Neutrinos von astrophysikalischen Objekten wie Schwarzen Löchern oder Neutronensternen zu messen.

So lernen wir aus der Ferne fortwährend Neues über die extremsten Ereignisse im Universum und ihre hochenergetischen Folgen. Zudem studieren wir die Neutrinos selbst, um ihre Eigenschaften besser zu verstehen. In Zukunft, so spekulieren Forscher wie Ralph Engel, mögen uns die rätselhaften Teilchen gar als Träger von Botschaften für Alien-Zivilisationen dienen.

Das Mittel der Wahl hierfür wäre eine gewaltige Hightech Kanone, die gebündelte Strahlen zu einem exakt gewählten Ort feuert. Klingt kriegerisch, wäre jedoch harmlos – aber quasi unübersehbar. Mehr dazu erfahrt ihr im verlinkten Artikel.

Was denkt ihr? Interessieren euch mehr solche tieferen Einblicke in einzelne Nischen der Wissenschaft? Schreibt uns eure Meinung und Gedanken gerne in die Kommentare!

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