»Project Ava«: Razers neue Gaming-KI lässt mich das Schlimmste für mein liebstes Hobby erwarten

[Meinung] Project Ava, Razers neue Gaming-KI, sorgt bei Jusuf für Bedenken im Hinblick auf sein liebstes Multiplayer-Spiel. Soll das echt die Zukunft für League of Legends sein?

Project Ava ist Razers neuer »KI-Copilot«, der bei Jusuf Sorgen um sein liebstes MOBA auslöst. Project Ava ist Razers neuer »KI-Copilot«, der bei Jusuf Sorgen um sein liebstes MOBA auslöst.

Die CES 2025 liegt zwar bereits zwei Wochen hinter uns. Eine Ankündigung auf der Technikmesse habe ich aber bis jetzt nicht verdaut.

Es geht um »Project Ava«, das neue KI-Tool von Razer, das sich als KI-gestützter Gaming-Assistent positioniert. Hiermit will euch das Unternehmen Analysen eurer absolvierten Partien geben, eure Hardware optimieren und ja, auch während des laufenden Spiels unterstützen.

Jusuf Hatic
Jusuf Hatic

Jusuf spielt League of Legends seit gut fünfzehn Jahren und hat sich in dieser Zeit auf den Diamond-Rang hochgespielt. Zudem beschäftigt er sich im E-Sports-Bereich mit aktuellen Analysen und Ideen für das »optimale Gameplay«. Dabei hat er so ziemlich jede Meta erlebt, die man sich vorstellen kann, aber auf eine KI-Meta kann er verzichten.

KI-Assistenz im Singleplayer ist nicht das Problem

Ob ihr Ava im Singleplayer-Abenteuer wie im gezeigten Black Myth: Wukong nutzt, ist mir egal. Jeder darf sich meiner Meinung nach hier die Hilfe holen, die benötigt wird. Es ist mir egal, ob es euch darum geht, endlich den elenden Levelboss zu besiegen, oder ob ihr so einfach mehr Spielspaß habt.

Darum spielen wir (meistens): um Spaß zu haben. In dem Aspekt dürfte die Razer-KI ein sinnvolles Tool darstellen und erfüllt gewissermaßen einen ähnlichen Zweck wie unsere Sonderhefte, wann immer ein großes Spiel herauskommt.

Mit dem Unterschied, dass unsere Hefte zu Elden Ring, Civilization 7 & Co. natürlich qualitativer und scharfsinniger sind.

Und was im Singleplayer passiert, bleibt im Singleplayer; es werfe derjenige den ersten Stein, der damals im ersten Sims nicht Cheatcodes wie »rosebud« oder im ersten Doom »iddqd« in der Konsole eingegeben hat.

Mein Problem liegt daher stattdessen in einem kurzen Abschnitt, den Razer im Teaser gezeigt hat: Scheinbar lässt sich Ava auch in Multiplayer-Spielen wie meinem gehassliebten League of Legends nutzen. Die Entwickler nennen das »Echtzeit-Coaching«. Je nach Situation sollen euch Hinweise zu taktischen Entscheidungen im laufenden Spiel ausgespuckt werden.

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Stellt euch vor, in einem kritischen Moment in den ersten Minuten von League of Legends ruft euch Ava zu: »Vorsicht, der Gegner will deine Lane überladen – ziehe dich zurück und bereite dich auf Ausweichmanöver vor.«

Oder wie euch Ava in Call of Duty vor dem Scharfschützen warnt, der einen halben Kilometer entfernt hockt. »In der Häuserruine links von dir blitzte ein Zielfernrohr des Gegners auf, lauf schnell weg!«

Ist das echt die Zukunft, die uns in unseren Multiplayer-Spielen erwartet? Ich hoffe nicht.

Denn genau das ist zumindest für mich der Reiz an solchen Wettbewerben: das Messen mit anderen Spielern. Wie funktionieren meine Strategien? Sind meine Entscheidungen auf taktischer Ebene richtig oder falsch? Sind meine Reaktionszeiten schneller, präziser als die meiner Gegner? (Antwort: Nein. Ich werde auch nicht jünger.)

»Aber Jusuf«, hör‘ ich euch rufen. »Hast du nicht erst letztes Jahr ein auf KI basierendes Tool spezifisch für League of Legends gefeiert?«

Erstens: Danke, dass ihr euch das gemerkt habt. Falls nicht, findet ihr den damaligen Artikel hier:

Zweitens: Ja und nein. Die damals von mir vorgestellte Software »iTero« gibt Analysen vor und nach einer Partie, aber niemals während des Spiels.

Hier liegt für mich der Unterschied. Ob ich auf Patchnotizen rumkaue, mir die zahlreichen Übersichtsseiten zu prozentualen Siegesquoten und vorgeschlagenen Items durchgehe – solange ich das gewissermaßen als »Fortbildung« abseits eines Live-Spiels mache, ist das in meinen Augen absolut in Ordnung.

Da Project Ava aber zumindest der Razer-Ankündigung zufolge in das laufende Spiel eingreifen und Warnhinweise geben will, ist das zu viel des Guten.

Nicht jeder League-Assistent ist gleich ein Cheat

Um aber auf Nummer sicher zu gehen und eine weitere Perspektive einzuholen, die auf der anderen Seite der KI-Diskussion in Spielen steht, habe ich mir Jack Williams geschnappt und in ein kurzes Gespräch verwickelt.

  • Williams ist der Gründer des vorhin erwähnten iTero und »Head of Gaming Tech« beim professionellen LoL-Team GiantX, die iTero in einem millionenschweren Deal im vergangenen Jahr akquiriert haben.
  • Auch bei iTero liegt ein Analysetool vor, das per maschinellem Lernen Daten wie Siegesraten oder korrekte Runen auf optimale Weise vor dem Spiel aufbereiten will. Im Nachgang gibt es wiederum eine Analyse eures Profils, um euch auf eure statistischen Schwachstellen hinzuweisen.

Die Krux liegt laut Williams in folgendem Aspekt: Woher kommen die Daten, die sich Tools wie iTero, Mobalytics, Blitz und wie sie alle heißen als Grundlage nehmen – und woher die von Project Ava?

Die erstgenannte Gruppe erhält die Datensätze aus der offiziellen Entwicklerschnittstelle von League-Macher Riot Games. Damit können die Entwickler auch exakt kontrollieren, welche Daten für eine solche Analyse vor und nach dem Spiel zugelassen sind und welche nicht – sodass Tools wie iTero, Blitz oder Mobalytics auch ihr »Genehmigt von Riot«-Siegel erhalten.

Video starten 20:26 So spielt sich League of Legends 2024: 20 Minuten Jinx Gameplay

Dass der Einsatz solcher Anwendungen in kompetitivem Multiplayer trotz des offensichtlichen Okays von Riot ebenfalls als Wettbewerbsvorteil gilt, bestreitet Williams indes nicht – da der Publisher selbst aber solche Projekte fördert, ist der Cheat-Vorwurf eher nicht haltbar.

  • Bei Project Ava hingegen (so scheint es zumindest angesichts der Ankündigung) wird zumindest teilweise der laufende Bildschirminhalt analysiert.
  • Hier werden also Daten, die weder in der Form noch in der Menge vom Entwickler bereitgestellt werden, in einer Geschwindigkeit analysiert, bei der der menschliche Spieler nicht mithalten kann.

Fast auf den Tag genau dieselbe Diskussion

Zumindest angesichts dieser Argumentation ergibt es für mich gerade in der »League-Bubble« Sinn, wieso regelmäßig Software wie iTero, Blitz und andere beworben und genutzt werden. In Kombination damit, dass diese Tools nicht in das laufende Spiel eingreifen, steht Project Ava hingegen bei mir schon jetzt unter Beobachtung.

Das Ganze erinnert ein wenig an den MSI-Monitor, der zur CES 2024 vorgestellt wurde und ebenfalls eine Cheat-Diskussion auslöste. Mit »AI Skylight« sollten vereinfacht formuliert Warnlichter auf eurem Display angehen, wenn sich Gegner von der Seite anschleichen. Hierfür wurde auch die Minimap analysiert.

Das Ende der Geschichte: MSI stampfte das Tool für Multiplayer-Spiele ein, das Projekt befindet sich nun ausschließlich für Singleplayer in Entwicklung. Ob dieses Szenario auch Project Ava ereilen wird, werden wir aber wohl frühestens im März sehen, wenn Razer die Betaphase zur KI-Assistenz startet.

Auch Riot Games selbst hat sich bisher nicht dazu geäußert. Ich hoffe, dass sich das bald ändern wird und ich Gewissheit habe, worauf sich nicht nur wir League-Spieler, sondern auch die gesamte Multiplayer-Szene einstellen muss.

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