Während Deutschland über die 4-Tage-Woche diskutiert, möchte Südkorea seine Krise mit sechs Tagen Arbeit lösen

Die Sechs-Tage-Woche ist selbst in Südkorea ein Relikt vergangener Zeiten. Kommt jetzt die Kehrtwende?

Fleiß um jeden Preis? Südkoreanische Unternehmen wagen anachronistischen Vorstoß. (Bildquelle: Adobe Stocksaka, KI-generiert) Fleiß um jeden Preis? Südkoreanische Unternehmen wagen anachronistischen Vorstoß. (Bildquelle: Adobe Stock/saka, KI-generiert)

Die Vier-Tage-Arbeitswoche wird in Deutschland immer beliebter. Immerhin elf Prozent aller Unternehmen bieten ein derartiges Modell an, wie aus einer aktuellen Randstad-ifo-Umfrage hervorgeht.

Weitere 19 Prozent diskutieren darüber. Es gibt aber auch reichlich Stimmen, die dem kritisch gegenüberstehen und eine Schwächung der Wirtschaft befürchten.

Während man hierzulande tendenziell also immer mehr auf eine ausgewogene Work-Life-Balance achtet, ist Südkorea im Begriff, einen anderen Weg zu beschreiten. Dort dreht der Wind Richtung Sechs-Tage-Woche, wie The New York Times berichtet.

Und das, obwohl das ostasiatische Land von allen OECD-Ländern (Organisation for Economic Co-operation and Development) bereits die meisten Arbeitsstunden pro Kopf und Jahr verzeichnet. Satte 1.966 Stunden sind es im Schnitt.

Um das einmal einzuordnen: Der OECD-Durchschnitt liegt bei 1.746 Stunden, in Deutschland sind es gar nur 1.347 Stunden. Dennoch liegt die Bundesrepublik auf Rang drei der größten Wirtschaftsnationen der Welt – gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Und Südkorea auf Platz 14.

Bereits im Jahr 2007 legte eine Eurostat-Studie (via Hans-Böckler-Stiftung) nahe, dass reduzierte Arbeitszeit nicht zu weniger, sondern sogar zu mehr Produktivität führt. Und umgekehrt zeigte sich, dass die Produktivität pro Stunde umso geringer ausfällt, je mehr Wochenstunden geleistet werden.

Unternehmen drängen offenbar auf Sechs-Tage-Woche

Zunächst einmal sei gesagt, dass es in Südkorea eine klare Regelung gibt: Es dürfen höchstens 52 Stunden pro Woche gearbeitet werden, 40 Standard- und zwölf Überstunden.

Wie nun aber The New York Times berichtet, haben einflussreiche südkoreanische Unternehmen ihre Führungskräfte angewiesen, länger als bisher zu arbeiten, in einigen Fällen sogar an sechs Tagen in der Woche im Büro.

In der Geschäftswelt des Landes wird daher befürchtet, dass dadurch auch normale Mitarbeiter sowie Führungskräfte kleinerer Unternehmen unter Druck geraten und letztlich diesem Beispiel folgen.

Das ist ein Zeichen dafür, dass es in Südkorea immer noch akzeptabel ist, sechs Tage in der Woche zu arbeiten.

Kim Seol, ein Vertreter der Youth Community Union

In der Vergangenheit war es in Südkorea ganz normal, sechs, sogar sieben Tage die Woche zu arbeiten. Ein Modell, das eigentlich als überholt gilt.

Demografische Krise, aber die Wirtschaft wächst

Aber das Land steckt in einer tiefen demografischen Krise. Es hat mit 0,72 Kindern pro Frau eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt, die Bevölkerung schrumpft und altert zugleich. Viele fragen sich, wer das prognostizierte Wirtschaftswachstum von etwas über zwei Prozent in Zukunft hochhalten soll.

Jene Unternehmen, die längere Arbeitszeiten fordern, klagen allerdings bereits jetzt über einen Geschäftsrückgang. Sie sehen darin die einzige Möglichkeit, dem zu entrinnen und die Produktivität zu steigern – eine Art Notfallmaßnahme.

Dabei wurde erst im Jahr 2018 die maximal zulässige Arbeitszeit pro Woche von 68 auf 52 Stunden gesenkt. Die Fünf-Tage-Woche kennt man in Südkorea auch erst seit dem Jahr 2004.

Tatsächlich hatte beispielsweise Samsung 2023 im Vergleich zu den beiden Vorjahren einen erheblichen Umsatzrückgang zu verzeichnen (via Statista). Waren es 2022 noch 231,4 Milliarden US-Dollar, schloss man 2023 mit 198,3 Milliarden US-Dollar ab. Das ist ein Minus von 8,6 Prozent.

Dennoch war der Umsatz im Jahr 2023 höher als in allen Jahren bis einschließlich 2020. Und die Gewinnmarge lag bei immer noch sehr guten elf Milliarden US-Dollar.

Die Gewerkschaften bewerten die Lage anders als die Unternehmen. Sie behaupten, die Krise und die Notfallmaßnahmen sind nur Show. In letzter Konsequenz hieße das, dass sich die Unternehmen durch die Mehrarbeit lediglich bereichern wollen.

Es gibt hier eine kulturelle Mentalität, die besagt, dass das Ergebnis umso besser ist, je länger jemand arbeitet. […] Das ist überholt.

Lee Sang Yoon, stellvertretender Direktor der Federation of Korean Trade Unions

Die Work-Life-Balance wird auch in Südkorea wichtiger

Einen Vorschlag des wirtschaftsnahen südkoreanischen Präsidenten Yoon Suk-yeol, die wöchentliche Höchstarbeitszeit wieder anzuheben, diesmal jedoch auf 69 Stunden, wurde von der breiten Öffentlichkeit und den Oppositionsparteien abgelehnt.

Soziologieprofessor Joon Han erklärte zudem, dass die Verkürzung der Arbeitszeit der letzten Jahre auch zu einer neuen Entwicklung in der Bevölkerung geführt hat, die sich jetzt mehr auf das Privatleben konzentriert.

Wir dürfen also gespannt sein, wie sich die Dinge in Südkorea entwickeln. Scheitern die Unternehmen mit ihrem Vorstoß, die Arbeitszeit zumindest von Führungskräften zu erhöhen und damit auch eine neuerliche Sechs-Tage-Woche?

Wie ist die Arbeitszeit in Deutschland geregelt?

In Deutschland gibt es übrigens keine gesetzliche Regelung, wie viele Tage pro Woche gearbeitet werden muss oder darf. Grundsätzlich sind auch sechs Tage möglich. Es wird allerdings verlangt, dass Arbeitnehmer innerhalb von sieben Tagen eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens 24 Stunden haben.

Die werktägliche Arbeitszeit darf laut Arbeitszeitgesetz dabei acht Stunden nicht überschreiten. Sie kann zwar in Ausnahmefällen auf bis zu zehn Stunden verlängert werden, das muss dann aber ausgeglichen werden, sodass, auf sechs Monate gerechnet, durchschnittlich höchstens acht Stunden pro Tag zusammenkommen.

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