So manche beliebte Filmreihe gerät mit der Zeit ins Vergessen. Dazu zählt auch Die Tribute von Panem, die 2012 mit dem ersten Film »The Hunger Games« ihren Anfang nahm. 2015 endete die Reihe nach vier Titeln mit »Mockingjay Teil 2« vorerst. Insgesamt nahmen die Streifen rund drei Milliarden US-Dollar ein und gehören somit zu den erfolgreichsten Filmreihen der 2010er. Die zugrundeliegende Buchreihe von Suzanne Collins begann 2009.
Darum geht es in Die Tribute von Panem: Unterteilt in zwölf Distrikte werden die Menschen von einem diktatorisch geführten Staat regiert. Jedes Jahr veranstaltet das Kapitol die Hungerspiele, um seine Macht zu demonstrieren. Dabei werden zwei junge Menschen aus jedem Distrikt ausgewählt, die schließlich medienwirksam auf Leben und Tod in einer Arena kämpfen.
Um die Menschen an der kurzen Leine zu halten, kommt allerhand Technologie zum Einsatz, hauptsächlich zur Überwachung und in Form von Propaganda. Dieser Artikel umreißt, wie die Geschichte und Filme das umsetzen. Dabei gibt es Ähnlichkeiten zur Welt von heute.
So überwacht das Kapitol die Menschen
Allein das System der Panem-Welt erzeugt ein Machtgefälle, dem sich die Bürgerinnen und Bürger nicht entziehen können.
- Die zwölf Distrikte sind unterschiedlich reich. Je höher die Zahl, desto ärmer.
- Das Kapitol besitzt die Macht über alle Distrikte und ist technisch ebenso am modernsten.
Die Wissenschaftlerin Tarja Laine hat die Filme anhand des Panoptikum-Prinzips von Michel Foucault untersucht. Lesen könnt ihr die Studie auf der Film-Journal-Seite der University of British Columbia.
Das Panoptikum-Prinzip nach Jeremy Bentham und der daraus abgeleitete Panoptismus beschreiben ein modernes Macht- und Disziplinarsystem, das nicht auf offene Gewalt, sondern auf ständige Beobachtbarkeit und Selbstkontrolle setzt, schreibt SozTheo.
Die Menschen in den Distrikten leben in ständiger Angst, dass ungebührliches Verhalten Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Auch in den ärmsten Distrikten werden sie durch Drohnen und mit Kameras überwacht. Nicht ständig, aber immer wieder.
Zur Selbstkontrolle durch Angst gesellt sich die militärische Präsenz der Friedenswächter. Die Überwachung ist also nicht nur technisch, sondern wird auch durch eine Sicherheits- und Repressionsstruktur durchgesetzt.
Die wissenschaftliche Arbeit von Mesut Günenç fügt außerdem noch hinzu, dass das Kapitol die Menschen durch ihre Lebensbedingungen kontrolliert. Diese Studie lest ihr auf DergiPark.
Technisch interessant wird es vor allem während der Hungerspiele.
- Während der Hungerspiele befinden sich die Tribute unter tatsächlicher, konstanter Beobachtung durch Kameras. Jede Handlung wird aufgezeichnet und an das Publikum übertragen.
- Die Inszenierung der Hungerspiele findet in der Öffentlichkeit statt. Interviews, Auftritte und die Spiele selbst werden an alle Bewohner – auch in den Distrikten – übertragen.
- Das Spektakel ist stets orchestriert und wird gesteuert, um Grenzüberschreitungen zu vermeiden.
Der größte Unterschied zwischen Panem und unserer Welt ist die Auswertung der Überwachung. In den Filmen übernehmen Menschen die Kontrolle, in Teilen unserer Welt wird das zum Teil an KI abgegeben.
- Mittels Gesichtserkennung können Personen anhand von Kameraaufnahmen identifiziert werden – auch bei größeren Menschenmengen und über Entfernung.
Wie das im Detail funktioniert, schreibt die EU-Grundrechteagentur (FRA).
Während in Panem die Menschen die Maschinen bedienen, funktioniert der Informationsfluss bei uns durch Algorithmen, vor allem in den sozialen Netzwerken.
Das Kapitol kontrolliert, was die Menschen in landesweiten Fernsehübertragungen zu sehen bekommen, um so ihre Meinung zu steuern. In unserer Welt bestimmen Empfehlungsalgorithmen, welche Nachrichten, Videos oder Meinungen in Social Media wie zu sehen bekommen.
Belegt ist das durch den Digital Services Act der EU; genauer beschrieben wird das im Artikel 27. Dort steht explizit, dass Empfehlungen, Rankings und Priorisierungen die Verbreitung von Botschaften das Verhalten von Nutzerinnen und Nutzern beeinflussen können.
Damit sind wir schon bei der zweiten Säule von Panem, um seine Bevölkerung in Schach zu halten: Propaganda.
2:24
So bunt war noch kein Tribute von Panem: Sunrise on the Reaping erzählt die tragische Vorgeschichte des Mentors von Katniss Everdeen
Die Propaganda von Panem
Das Kapitol kontrolliert nicht nur, was seine Bevölkerung zu sehen bekommt, sondern auch, wie sie das Gesehene interpretieren sollen.
Zentraler Dreh- und Angelpunkt sind die Hungerspiele selbst.
- Die Spiele werden als notwendige Bestattung für einen früheren Aufstand stilisiert. Dabei stellt sich die Regierung als Garant für Frieden und Ordnung dar; die Distrikte sind chaotisch.
- Gleichzeitig werden die Tribute aus den Distrikten als Superstars gefeiert und hofiert. Sie dürfen das Luxusleben des Kapitols genießen, geben Interviews – bevor die meisten von ihnen in den Hungerspielen sterben.
- Reality-TV wird zum Machtinstrument. Tribute müssen sich in Interviews behaupten und werden der Öffentlichkeit preisgegeben.
All das dient dazu, dass die Bewohnerinnen und Bewohner des Kapitols mit den Teilnehmenden der Hungerspiele mitfiebern – und nicht die Legitimität infrage stellen. Eine Studie von 2018 beschäftigt sich mit dem Vergleich von Propaganda in Die Tribute von Panem und die des Islamischen Staats. Lesen könnt ihr sie auf USC Annenberg.
Interessant wird es vor allem im dritten Teil der Filmreihe. Dort nutzt das Kapitol die gezielte Manipulation Peetas Image, Katniss’ Freund, den sie während ihrer ersten Hungerspiele kennengelernt hat.
- Durch Interviews sollen die Rebellen, die sich gegen die Regierung stemmen, diskreditiert werden.
- Darüber hinaus soll Katniss, welche bereits zweimal an den Hungerspielen teilgenommen hat und mittlerweile eine Berühmtheit geworden ist, unter Druck gesetzt werden.
- Die Aussagen Peetas werden gezielt dafür verwendet, um die öffentliche Wahrnehmung des Konflikts zu beeinflussen.
Katniss, die Teil der Rebellion geworden ist, erfüllt dabei dieselbe Rolle – nur auf der Gegenseite. Der geheime Distrikt 13 nutzt sie als Symbolfigur in ihren eigenen Propagandavideos. Ihre Auftritte werden gezielt geschnitten und strategisch verbreitet. Eine Abschlussarbeit aus dem Jahr 2016 an der University of Southern Mississippi beschäftigt sich mit der Rolle der Massenmedien in Die Tribute von Panem.
Passend zum Thema: Ein Sci-Fi-Kultfilm von 1997 hat einen Rekord gebrochen, den Hollywood mit CGI niemals erreichen könnte
In unserer Welt sieht das Ganze leider noch dystopischer aus. Wer auf Instagram, Threads und Co. unterwegs ist, weiß das.
- Zum einen hat eine EU-Kommission bereits 2020 festgestellt, dass koordinierte, manipulatorische Algorithmen für Desinformationen eingesetzt werden. Alles zum European Democracy Action Plan könnt ihr auf der Seite der EU nachlesen.
- Zum anderen bekommen wir es immer wieder mit generativer KI und Deepfakes zu tun, die unsere Realität zu verzerren versuchen. Die Gefahren und Gegenmaßnahmen beschreibt das BSI auf seiner Webseite.
Die Technologie aus Die Tribute von Panem ist auffällig und laut. Das Kapitol ist überzeichnet. Das macht beides augenfällig. Dass wir aber viel näher an der Panem-Welt sind, zeigen die US-amerikanischen Patriot Games, die im August dieses Jahres stattgefunden haben (via Guardian), wenngleich niemand zu Schaden kam – zum Glück.
Ob Suzanne Collins mit ihrer Buchreihe von 2009 damit schon fast prophetisch war? Diese Frage lassen wir mal so im Raum stehen. Fakt ist aber, dass die Parallelen von Panem zur echten Welt frappierend sind.
Deshalb ist es umso wichtiger, nicht den Kopf zu verlieren. Im Gegenteil. Kritisches, faktengestütztes Denken ist so wichtig geworden wie nie zuvor.

Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Dein Kommentar wurde nicht gespeichert. Dies kann folgende Ursachen haben:
1. Der Kommentar ist länger als 4000 Zeichen.
2. Du hast versucht, einen Kommentar innerhalb der 10-Sekunden-Schreibsperre zu senden.
3. Dein Kommentar wurde als Spam identifiziert. Bitte beachte unsere Richtlinien zum Erstellen von Kommentaren.
4. Du verfügst nicht über die nötigen Schreibrechte bzw. wurdest gebannt.
Bei Fragen oder Problemen nutze bitte das Kontakt-Formular.
Nur angemeldete Benutzer können kommentieren und bewerten.
Nur angemeldete Plus-Mitglieder können Plus-Inhalte kommentieren und bewerten.