Ich habe vor 9 Monaten Instagram gelöscht – heute weiß ich, das reicht nicht

Apps löschen ist einfach. Das dahinterliegende Problem loszuwerden, ist es nicht.

Insta war mir manchmal zu viel. Also habe ich es schlimmer gemacht, ohne es zu ahnen. (Bildquelle: Meta und Google) Insta war mir manchmal zu viel. Also habe ich es schlimmer gemacht, ohne es zu ahnen. (Bildquelle: Meta und Google)

Vor ein paar Monaten habe ich euch berichtet, wie ich nach einem kaputten Handydisplay in eine sechsmonatige Instagram-Pause gerutscht bin und wie gut mir das getan hat: Weniger Wut, weniger Ragebait, weniger KI-Slop. Inzwischen sind daraus neun Monate geworden, und ich muss meine eigene Erfolgsgeschichte etwas relativieren.

Denn so schön »Ich habe die App gelöscht und alles wurde besser« auch klingt: Ganz so einfach ist es nicht. Das Problem war nämlich nie Instagram. Das Problem bin ich, beziehungsweise mein Reflex, jede kurze Pause im Alltag mit irgendeinem Feed zu füllen.

Der Feed ist tot, lang lebe der Feed

Im ersten Artikel habe ich es schon halb zugegeben: Kaum war Instagram weg, habe ich seinen Platz nahtlos an den Google-Discover-Feed im Chrome-Browser übergeben. Andere App, gleiches Verhalten. Ich habe damals gedacht, das sei eine Übergangslösung, bis sich der Drang legt.

Hat er auch, halbwegs. Nur um sich seit ein paar Wochen ein neues Zuhause zu suchen: YouTube Shorts.

Und das ist eher ein Rückschritt als ein Fortschritt. Die KI-Inhalte dort sind nicht besser als das, was ich auf Instagram hinter mir gelassen habe. In manchen Punkten ist es sogar schlimmer, zum Beispiel bei der Werbung.

Die Werbung auf YouTube muss ein digitaler Vorhof zur Hölle sein. Noch ein paar pickelüberzogene Krustentier-Männer, deren KI-Frau von einem Barett-tragenden Muskelmann ausgespannt wird, und ich verliere meinen Verstand. Ihr wisst nicht, wovon ich rede? Freut euch. Wirklich. Euer Hirn ist mehr in Takt als meines.

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Das eigentliche Problem: Langeweile und der schnelle Kick

Wenn ich mir meinen eigenen Weg anschaue – Instagram raus, Google Discover rein, jetzt YouTube Shorts –, wird ein Muster ziemlich offensichtlich: Ich habe nie aufgehört zu scrollen. Ich habe nur die App gewechselt.

Das liegt daran, dass das Löschen einer App das eigentliche Bedürfnis dahinter nicht anrührt. Und dieses Bedürfnis ist erstmal ziemlich menschlich: Ich will in leeren Momenten – an der Bushaltestelle, beim Kaffeekochen, kurz vorm Einschlafen – nicht mit meiner eigenen Langeweile allein sein. Und ein Feed liefert zuverlässig genau das, was diese Langeweile sofort betäubt: kleine, schnelle Dopamin-Kicks, im Sekundentakt nachgefüllt.

Die App ist dabei fast egal. Sie ist nur die Verpackung. Das Verlangen bleibt, und es sucht sich den nächstbesten Ausgang. Notfalls einen, der genauso schlecht oder sogar schlechter ist als der vorherige.

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Ablenkung ist okay, aber nicht jede Ablenkung ist gleich gut

Ich will hier gar nicht so tun, als sei der Wunsch nach Ablenkung per se schlecht. Ist er nicht. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Ablenkung, die einem guttut, und Ablenkung, die einen nur beschäftigt oder gar negative Folgen nach sich zieht.

Bei mir zeigt sich das ziemlich klar an der Stimmung nach dem Doomscrolling: Politische Inhalte im Feed machen mich oft traurig oder wütend, Ragebait nervt mich einfach nur, und die Flut an KI-generierten Content macht das alles nicht besser. Nach zehn Minuten Shorts fühle ich mich selten besser als vorher – eher aufgewühlter.

Deshalb habe ich für mich angefangen, den Dopamin-Kick nicht mehr über den Feed zu holen, sondern über Dinge, die einen ähnlichen Zweck erfüllen, sich aber nicht negativ auf mich auswirken.

Ich spiele ein neues Indie-Game, nehme die Gitarre in die Hand oder setze mich einfach bewusst aufs Sofa und höre ein Hörbuch. Es geht mir dabei gar nicht darum, komplett bildschirmfrei zu leben, sondern darum, meine Freizeit mit Dingen zu füllen, die mir Spaß machen oder guttun. Im Optimalfall beides.

Mein Fehler: 0 auf 100 statt Schritt für Schritt

Rückblickend war mein ursprünglicher Ansatz, Instagram einfach komplett zu löschen, wahrscheinlich nicht die beste Idee. Nicht, weil das Ziel falsch war, sondern weil der radikale Schnitt eigene Nebenwirkungen hat: Man kappt damit auch den Kontakt zu Freunden und je nachdem, ein Stück weit den Draht zur Außenwelt.

Und wenn man sich dann, aus reiner Gewohnheit, einfach den nächstbesten Ersatz-Feed sucht, kann der am Ende sogar schlechter sein als der, den man losgeworden ist. Bei mir war das mit YouTube Shorts durchaus der Fall.

Was tatsächlich hilft

Wenn ich es nochmal angehen würde, würde ich weniger auf »App löschen« setzen und mehr darauf, das eigentliche Verhalten in den Griff zu bekommen. Ein paar Dinge, die dabei helfen:

  • Bildschirmzeit-Limits nutzen: iOS bringt mit der »Bildschirmzeit« und Android mit »Digital Wellbeing« längst eingebaute Werkzeuge mit, um Apps wie Instagram oder YouTube tägliche Zeitlimits zu setzen. Klingt banal, wirkt aber. Vor allem, weil man beim Überschreiten aktiv »Weiter nutzen« antippen muss und sich damit selbst ertappt.
  • App-Blocker als härtere Bremse: Wer bei sich selbst weiß, dass ein Limit allein nicht reicht, kann zu Apps wie Forest, Opal oder One Sec greifen. Letztere baut zum Beispiel eine kleine Verzögerung ein, bevor sich eine Feed-App überhaupt öffnet. Oft reicht diese kurze Pause schon, um bewusst zu entscheiden, ob man wirklich scrollen will.
  • Den Reflex durch etwas Konkretes ersetzen: Statt einfach nur den Feed zu verbieten, hilft es, sich vorher zu überlegen, was stattdessen passieren soll. Ein Buch griffbereit haben, eine Playlist, ein Handheld für schnelle Runden. Irgendetwas, das genauso leicht erreichbar ist wie die App, aber sich hinterher besser anfühlt.
  • Klein anfangen statt komplett löschen: Ein Wochenende ohne die App oder feste bildschirmfreie Zeitfenster sind oft nachhaltiger als der radikale Komplettverzicht. Gerade weil man so nicht in Versuchung kommt, sich einen schlechteren Ersatz zu suchen.

Mehr zum Thema Digital Detox findet ihr übrigens hier:


Am Ende bleibt mein Fazit aus dem ersten Artikel im Kern richtig: Weniger Feed tut gut. Nur würde ich heute ergänzen, dass es nicht reicht, eine App zu deinstallieren.

Man muss sich auch fragen, was man eigentlich sucht, wenn man zum Handy greift – und ob es nicht was Besseres gibt, das genau das liefert.


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