Astronomisch uninteressant

Rezension: „Star Trek“ — Plattform: Steam

von ModuGames am: 09.08.2020

Die neuen Star-Trek-Filme (die sogenannte „Kelvin-Timeline“) werden unter Fans des Universums durchaus kontrovers diskutiert. Ich selbst halte sie für ganz unterhaltsame, aber nicht gerade intelligente Actionstreifen, die nur aufgrund des großen Namens und der Verwurstung alter Ideen (siehe Khan in „Into Darkness“) wirklich nennenswert sind. Zum Glück erschien dann im Jahr 2013 ein Star-Trek-Spiel, das die gespaltene Fanbase vereinte. Das konnte nämlich quasi niemand leiden.

Kann der Koop das Spiel retten?

Der Weltraum, unendliche Wei... ach, lassen wir das. Das große Gimmick des Spiels besteht darin, dass es auf Koop mit zwei Spielern ausgelegt ist. Sie übernehmen die Kontrolle über Captain James Kirk oder seinen ersten Offizier Spock. Wen Sie spielen wollen, wählen Sie zu Beginn des Abenteuers aus. Eine Möglichkeit, die Figur im Verlauf des Spiels zu wechseln, habe ich nicht gefunden. Schade. Dafür kann man aber genau einstellen, ob man sein Abenteuer nur solo, mit einem eingeladenen Partner oder mit einem zufälligen Spieler bestreiten möchte. Ich muss anmerken, dass ich das Spiel komplett alleine gespielt habe, zum Koop mit einem richtigen Mitspieler kann ich mich also nicht äußern. Es ist davon auszugehen, dass das Spiel mit einem Freund deutlich mehr Spaß macht. Aber wenn wir einmal ehrlich sind: Fast alle Spiele machen mit einem Freund mehr Spaß, das sagt also herzlich wenig aus.

Mit dem Tricorder kann man unter anderem Terminals aktivieren. Aber nehmen Sie sich vor den Hacking-Minispielen in Acht!

Der zweite Mann im Trupp wird dann von der KI gesteuert (in meinem Fall Spock, weil ich als Kirk gespielt habe). Die Koop-Mechanik hängt stark mit dem Tricorder zusammen. Den kann man sich vorstellen wie ein Schweizer Taschenmesser, nur eben im Star-Trek-Universum. Das kleine Kästchen kann allerlei Dinge tun, zum Beispiel Türen öffnen, Konsolen hacken oder dem Partner Befehle erteilen. Letzteres klingt erstmal richtig cool und hat mich an Star Wars: Republic Commando erinnert – dort war die Mechanik aber umfangreicher und hat besser funktioniert. Wenn man Spock nun etwa sagt, dass er sich zu einer bestimmten Position begeben soll, macht er das die Hälfte der Zeit über nicht, weil die Wegfindung der KI mangelhaft ist (machen Sie sich darauf gefasst, dass Ihr Partner oft an irgendwelchen Ecken hängenbleibt). Übrigens: Nicht nur die KI des Partners hat gelegentlich gravierende Aussetzer, auch die Gegner spielen teilweise total verrückt. Ich rede über die „Auf der Stelle im Kreis laufen“-Art von verrückt. Beim Partner ist das aber nicht ganz so schlimm, weil der sich immerhin teleportieren kann. Jedenfalls läuft es also darauf hinaus, dass man den KI-Kollegen immer damit beauftragt, die Hacking-Minispiele abzuschließen. Die sind nämlich ausgesprochen dumm und nervig – da bin ich wirklich froh für jedes, dass ich meinem Computer-Spock überlassen kann.

Die restlichen Interaktionen zwischen Kirk und Spock sind recht banal. So muss man einige Türen zu zweit aufstemmen, wobei man einfach nur auf die „E“-Taste hämmert. Wenn in den Feuergefechten aber tatsächlich mal einer der beiden zu Boden geht (dann wechselt man in eine Art „Last Stand“-Modus), stirbt er nicht, sondern kann vom jeweils anderen wiederbelebt werden. Die Mission endet erst, wenn sowohl Spock als auch Kirk bewegungsunfähig sind. Das funktioniert halbwegs, weil die KI meist schnurstracks zur Rettung eilt. Zwar auch mal mitten ins Feindfeuer, aber hey: Der Reanimationsvorgang ist kurz und es interessiert ja nicht, ob die KI danach wiederbelebt werden muss, solange der Spieler wieder auf den Beinen ist.

Die Weltraum-Rambos

Apropos Kämpfe: Bei Star Trek handelt es sich um einen typischen Third-Person-Covershooter. Sternenflotten-Offiziere sind natürlich mit einem Phaser ausgerüstet, einer Art Pistole, die keine Munition braucht, aber schnell überhitzt. Ansonsten findet man durchaus noch einige andere Waffen, man kann aber zusätzlich zu seinem Phaser nur noch eine mitnehmen. Das grundsätzliche Gameplay funktioniert, aber mehr auch nicht. Die Gegner-KI kommt mit dem absoluten Minimum an Intelligenz daher und lässt sich in den meisten Fällen ohne große Gegenwehr abschießen. Wirklich interessante Feindtypen gibt es auch nicht, mit Ausnahme der gelegentlich auftretenden Bosse, die immerhin etwas herausfordernder sind. Der Wechsel zwischen Deckungen gestaltet sich als recht hakelig, weil die Steuerung und ich oft Meinungsverschiedenheiten hatten, was unter meinen Anweisungen denn jetzt zu verstehen war.

Im Herzen ist Star Trek ein klassischer Third-Person-Shooter – aber kein guter. 

Das alles kann man kritisieren, es ist aber nicht mal mein größtes Problem mit dem Kampfsystem. Meine Kritik ist eher thematischer Natur. Nennen Sie mich altmodisch, aber ich finde es in höchstem Maße befremdlich, wenn Offiziere der vermeintlich friedlichen Sternenflotte mit Sturmgewehren im Anschlag in einen Raum hinein rennen und alles abknallen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Klar, die neuen Filme sind schon ziemlich actionlastig. Aber so sehr verlassen sie sich dann auch nicht auf Ballereien – man ist ja den Großteil des Spiels mit den Gefechten beschäftigt. Oder damit, sich über das Leveldesign aufzuregen.

Lineare Level

Eines der größten Probleme des Spiels sind nämlich seine Umgebungen. Erinnern Sie sich noch, als Star Trek sinnbildlich für den menschlichen Entdeckerdrang stand? Davon merkt man dem Spiel absolut nichts an. Die Levels sind geradezu schmerzhaft linear. Wenn man Glück hat, gibt es hier und da mal eine Abzweigung, an deren Ende sich ein Gegenstand befindet, den man mithilfe des Tricorders scannen kann. Ab und an finden sich Passagen, die sich ein wenig öffnen, aber die kann man an einer Hand abzählen. Für ein Star-Trek-Spiel ist das nur ganz schwierig zu verantworten. Da kommt ja jedes Mass Effect dem eigentlichen Gedanken des Universums viel näher.

Meist rennen Kirk und Spock durch enge Levelschläuche. Von Exploration keine Spur. 

Dem Spiel gelingt außerdem das Kunstwerk, dass es trotz seiner Linearität schwer lesbar ist. Das bezieht sich zum einen auf die Gegner, die sich nur schlecht vom Rest des Levels abheben, aber auch auf die Rätsel. Es kam durchaus öfter vor, dass ich vor einem Hindernis stand, aber nicht wusste, wie ich es umgehen konnte. Meist liegt das daran, dass das Spiel einen Tooltip eingeblendet hatte, der mir entgangen war, und ich dann vor dem Rätsel stand wie ein Ochs vorm Berg. Nur um dann auf YouTube zu gehen und zu sehen, dass die Lösung ziemlich trivial war. Hmpf.

Alles bloßer Durchschnitt

So langsam nähern wir uns auch schon den Grenzen dessen, was das Spiel zu bieten hat. Es gibt ein Upgradesystem, das XP-basiert ist. Die Erfahrungspunkte erhält man, indem man besondere Gegenstände und ausgewählte tote Gegner scannt. Im Fähigkeitenbaum zeigen sich dann auch einige Unterschiede zwischen Kirk und Spock, die sich ansonsten ziemlich ähnlich spielen. Dumm nur, dass die Verbesserungen alle enorm langweilig sind – man darf etwa den Phaser verstärken oder dem Tricorder neue Fähigkeiten verleihen. Deswegen habe ich ein Experiment gewagt: Kann ich das Spiel komplett ohne Verbesserungen bewältigen? Es stellt sich heraus: Ja, kann ich. Auf dem mittleren der drei Schwierigkeitsgrade ist Star Trek angemessen herausfordernd, aber auch nicht schwer. Lediglich einige schlecht platzierte Checkpoints nerven, z.B. bei den Flugpassagen. Dort muss man in seinem Raumanzug durchs All oder die Atmosphäre eines Planeten düsen. Die schlecht gewählte Kameraperspektive macht es aber sehr schwierig, den Hindernissen auszuweichen. Was den Umfang des Spiels angeht: Ich habe etwa acht Stunden gebraucht, um Star Trek abzuschließen, was ich als angemessene Länge erachte. Problematisch ist eben, dass die Spielzeit nun nicht gerade mit hochwertigem Inhalt gefüllt ist.

Natürlich könnte man den Phaser verbessern. Das macht die langweiligste Waffe im Spiel aber auch nicht interessanter. 

Wie sieht's denn eigentlich an der technischen Front aus? Kurz gesagt: nicht gut. Star Trek präsentiert eine Grafik, die für das Jahr 2013 maximal durchschnittlich ist. Dabei sind nicht mal so sehr die Charaktermodelle das Problem (Kirk und Spock sehen noch relativ am besten aus). Nein, wirklich hässlich sind vor allem die Effekte wie Feuer und Explosionen. Auch einige Animationen wirken sehr aprupt. Einmal bin ich sogar an einen Plotstopper-Bug geraten, der sich durch einen Neustart der Mission allerdings lösen ließ. Die Präsentation des Spiels kann jedoch mit zwei positiven Aspekten aufwarten: Die Schauspieler der Reboot-Figuren dienen im Spiel als Synchronsprecher. Und auch der Soundtrack aus den Filmen ist mit an Bord, der ja durchaus wirklich gute Momente hat.

Story von der Stange

Bis jetzt habe ich noch kein Wort zur eigentlichen Geschichte von Star Trek verloren. Das hat auch einen Grund: Sie ist weder gut noch interessiert sie mich. Dennoch will ich es nicht versäumen, hier noch ein paar Worte zur Prämisse zu äußern. Die Vulkanier (Spocks Rasse) haben die sogenannte „Helios-Maschine“ geschaffen, die unbeabsichtigterweise einen Riss in eine andere Galaxie öffnet. In jener anderen Galaxie befinden sich die Gorn, eine aggressive Rasse von Reptiloiden, die alles erobern und jeden versklaven. Fans der ursprünglichen TV-Serie kennen die Gorn aus der Folge „Arena“, die mir tatsächlich auch geläufig ist. Die Aliens sahen damals zwar noch deutlich anders aus, aber gut – es waren die 60er und man hatte ja kein Geld. Jedenfalls gilt es, diesen Widersacher aufzuhalten, damit sie nicht Kirks und Spocks Galaxie übernehmen.

Die Gorn sehen gruselig aus, sind aber auch nicht interessanter als die Felsen auf ihrem Heimatplaneten. 

So weit, so bekannt. Die Gorn könnten nur leider kaum langweiliger sein. Mir ist rätselhaft, warum das Spiel einen Bösewicht wählt, der dermaßen identitätslos ist. Die Reboot-Filme legen immerhin sehr viel Wert darauf, ihren Antagonisten (meist handelt es sich um einzelne Personen) Motive und eine Hintergrundgeschichte zu geben. Eine vertane Chance. Dafür gefällt mir die Dynamik zwischen Kirk und Spock. Diese spiegeln ihre Leinwand-Vorbilder sehr gut wider und es macht oft Spaß, ihren Gesprächen zu lauschen. Das Spiel vergisst meines Erachtens nach zwar, auch Dr. McCoy und Uhura (die in den Filmen ebenfalls sehr wichtig sind) angemessen ins Rampenlicht zu stellen, aber dennoch gehört die Charakterisierung der Hauptfiguren noch zu den Highlights von Star Trek.

Fazit

Ich bin kein Star-Trek-Fan, aber sogar ich sehe, wenn ein Spiel an den Grundgedanken seiner Vorlage vorbeientwickelt wurde. Statt Erkundung und philosophischen Fragen haben wir einen recht dummen, extrem linearen Deckungsshooter, der maximal noch durch die Dynamik zwischen Kirk und Spock überzeugen kann. Verstehen Sie mich nicht falsch: Star Trek ist nicht furchtbar schlecht, aber eben extrem mittelmäßig. Ursprünglich wollte ich hier einen niedrigen 50er geben, aber gegen Ende hat mich das Spiel derartig aufgeregt (diese dämlichen Flugpassagen!), dass die Wertung in der 40er Bereich abgestürzt ist. Eine Empfehlung kann ich hier wirklich nur aussprechen, wenn Sie ein Fan der Kelvin-Filme sind und einen willigen Koop-Partner haben. Alle anderen sollten Abstand von diesem Spiel halten – am besten mehrere Lichtjahre.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 10, weniger als 20 Stunden



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