Dann drehe er halt einen Film!

Außergewöhnlich starke und auch noch gut erzählte Geschichten gibt es in Spielen immer noch selten. Bioshock Infinite sticht allein damit schon...

von rickyfitts am: 16.07.2013

Außergewöhnlich starke und auch noch gut erzählte Geschichten gibt es in Spielen immer noch selten. Bioshock Infinite sticht allein damit schon deutlich heraus. Allerdings etwas zu sehr "allein damit", denn das Spiel in Bioshock Infinite ist durchschnittlich bis an die Grenze zur Langeweile.

 

Aber erstmal die üblichen Kategoriestichpunkte, auf die eh jeder schaut:

 

Grafik: 8/10 - starkes art design, schwache Technik und Texturen. Spätere Level nicht mehr so opulent mit Details ausstaffiert wie anfangs.

Sound: 7/10 - solide Soundeffekte, mäßige Musikbegleitung

Balance: 6/10 - insgesamt zu leicht, Gegner nur durch Hitpoints und Masse eine Bedrohung. Kräfte zu schwach.

Atmosphäre: 8/10 - Stil und Stimmung von Columbia fasziniert, Stadt fehlt es aber an Facetten und Abwechslung. Es sieht überall alles zu gleich aus.

Bedienung: 9/10 - funktioniert sauber

Umfang: 6/10 - knapp überdurchschnittliche Shooter-Kampagnenlänge. Kein Multiplayer. Lineare Story ohne Entscheidungen, daher kaum Wiederspielwert. Keine Minispiele, keine Unlocks, keine Rätsel. Wenig Gegnertypen.

Leveldesign: 7/10 - Zielrichtung ohne Navi-Pfeil oft unklar, Maps trotzdem eher schlauchig und begrenzt. Sky Lines sehr kurz, kaum mehr als ein Gimmick.

KI: 7/10 - Elizabeth reagiert lebendig. Gegner wirken konfus und aufgescheucht, manchmal so darauf konzentriert sich zu positionieren, dass sie vergessen endlich auf mich zu schießen.

Waffen & Extras: 6/10 - Waffen unorigineller Genre-Standard mit 0815 Modifikatoren. Spezialkräfte unspektakulär und zu schwach.

Story: 9/10 - Spannender Plot mit verblüffenden Twists. Aber zu wenig Charakterinteraktion im Spiel. Zu viel wird nur über Audiologs erzählt. Prolog und Epilog erzählen und erzählen eine tolle Geschichte, aber ohne dass ich etwas beitragen oder anders als durch Anwesenheit teilnehmen darf.

 

Eigentlich ist Bioshock Infinite im Kern nur ein ziemlich durchschnittlicher Shooter. Die Schießeisen sind vollkommen unorigineller Standardkram, nicht eine als besonders herausstechende Waffe gibt es im ganzen Spiel. Das hätte man mit den Plasmid-Fähigkeiten ausgleichen können, aber die sind eine noch größere Enttäuschung. Sie sind allesamt unspektakulär, unoriginell und auch noch so schwach, dass man sie eigentlich kaum braucht. Minispiele sind diesmal gleich ganz gestrichen: kein Hacking mehr. Auch an sonstiger Levelinterkation gibt es außer Türen öffnen und an Automaten Upgrades kaufen kaum noch was zu tun. Hier und da, darf man mal eine Ölpfütze in Brand oder eine Wasserlache unter Strom setzen. Das Schienensystem der Stadt, das in den ersten Trailern noch viel zu sehen war, wurde als Idee merklich sehr stark zurückgefahren und ist nur noch ein kleines Gimmick. Wichtiger sind da schon die zusätzlichen Deckungen, Geschütze oder Supplykisten, die man sich "beschwören" lassen kann. Rätsel gibt es allerdings gar keine und anders als in den beiden Vorgängern muss man auch so gut wie nirgens mehr Plasmide einsetzen, um wirklich weiter zu kommen. Da hätten ein paar Physik- und Elementpuzzeleien eigentlich sehr gut gepasst, um die etwas dröge Ballerei aufzulockern. Die Shooterkernmechaniken sind ordentlich umgesetzt, aber die Gegner sind schlapp. Wie schon in den Vorgängern verbringt die dümmliche KI extrem viel Zeit damit wie aufgescheuchte Hühner durch den Level zu rennen und Stellung zu beziehen, bevor sie endlich mal anfangen auf mich zu feuern. Dabei rennen sie mir auch gerne zwei Mal am offenen Lauf vorbei. Ebenfalls schwach ist aber auch das Design der Gegner. Kaum besondere oder abweichende Verhaltensweisen oder kreative Gegnertypen. Mächtigere Gegner heißt in BI einfach nur: hat mehr Hitpoints, ne dickere Waffe und bewegt sich träge. Bosskämpfe gibt es keine, entsprechend generisch und schlapp fällt daher auch das Finale aus.

Infinite erzählt eine interessante Science Fiction Geschichte quer durch Raum und Zeit, wobei Elisabeth ein glaubwürdiges und toll gestaltetes Bindeglied ist. Und es gibt wieder einen dicken und ein paar kleine schöne Twist. Aber auch hier muss ich meckern: wieder gibt es zu wenig Charaktere, mit denen man direkt interagieren kann. BI erzählt der schlechten Tradition der Reihe folgend seine gute Geschichte leider zu oft mit sehr billigen Mitteln: Audiologs und Lautsprecherdurchsagen. Das wirkt dann unglücklicherweise sehr statisch und auch viel zu monologisch, um mich voll mitzureißen. Da erzählen etliche moderne Shooter ihre Story wesentlich direkter und narrativ besser (zB Spec Ops The Line oder Dishonored). So hat BI eigentlich nur 4 wirklich greifbare Charaktere und der Rest labert irgendwelches Zeug aus irgendwelchen verschrammelten Aufnahmen. Sowas passt vielleicht noch in ein verlassenes post-katastrophe setting wie in Rapture oder bei Dead Space, aber nicht in eine anfangs so belebte Wolkenstadt. Schade, dass die Wirkungskraft der Story dadurch vor allem im Mittelteil des Spiels weit unter den Möglichkeiten bleibt.

Warum das Spiel so gefeiert wird, kann ich kaum nachvollziehen. Es ist ein solider Shooter mit einem interessanten Setting und einer sehr guten Story, aber auch stellenweise schlapper Präsentation, langweiligen Waffen, uninspirierten Gegnern mit mauer KI, mäßigem Leveldesign auf trotzdem zu kleinen Karten (häufige Ladepausen, sehr begrenzte Gleitschienenstrecken). Wäre Bioshock: Infinite das SPIEL nur genauso ambitioniert wie seine Story, hätte das ein tolles Game werden können. Dass man aber an Anfang und Ende jeweils gut 20 Minuten Pro- und Epilog ohne jede sinnvolle Spielerinteraktion erzählt bekommt, wirft in mir die Frage auf, ob Ken Levine sich nicht besser als Drehbuchautor betätigen sollte, statt auf seine tollen Ideen und Konzepte mittelmäßiges Gameplay draufzuwursten, bis ihm sogar das zu fad wird und er den Spieler nur noch von Szene zu Szene mitspazieren lässt. Wenn es ihm nur darum geht, eine Geschichte visuell imposant zu erzählen, dann drehe er halt einen Film. Aber für ein Spiel ist Gameplay nunmal entscheidend, aber das ist hier merklich untergeordnet runtergeleiert worden.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Spielzeit:

Mehr als 5, weniger als 10 Stunden



Kommentare(4)

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