Das vielleicht letzte Spiel der Ubisoft-Formel

Vorab ein paar Dinge:1. Das ist das erste Assassin's Creed, was ich jemals selbst gespielt habe. D.h. ich kann keinen persönlichen Bezug auf ältere...

von Johnny_JayJay am: 04.02.2017


Vorab ein paar Dinge:
1. Das ist das erste Assassin's Creed, was ich jemals selbst gespielt habe. D.h. ich kann keinen persönlichen Bezug auf ältere Titel nehmen.
2. Wie ich auf Steam mehrfach gelesen habe, lässt das Spiel sich nicht starten bzw. hängt sich nach dem "Press Any Key"-Bildschirm auf. Das Problem hatte ich auch, es ließ sich lösen durch die "Überprüfen der Dateien auf Fehler"-Funktion in den Eigenschaften des Spiels bei Steam.
3. Ich habe das Spiel zum Zeitpunkt des Reviews noch nicht vollständig durchgespielt, und kann daher nur meine Bewertung zur bisherigen Story abgeben oder andere Reviews einbeziehen.
4. Ich spiele auf einem (hohe) Mittelklasse-PC: Xeon E3 1231v3, Radeon R9 390 (später für die Technik)

5. Die Rezension ist schon etwas älter. Allerdings habe ich jetzt ein paar Nachträge gemacht.

Ich habe mir das Spiel im Steam Summer Sale für 25€ gekauft. Um eins mal vorweg zu nehmen: Ja, es hat sich gelohnt. Ich bin großer Far Cry-Fan, und da sich beide Spielereihen in gewissen Aspekten ähneln, wollte ich auch mal ein AC spielen.


Story:

Die Story ist sehr wirr und stückchenweise erzählt. Denn eigentlich spielt alles in der Zukunft, wo die einzige Möglichkeit die bösen Templer an ihren noch böseren Plänen zu hindern darin besteht, sich "mit den Erinnerungen von älteren Assassins zu synchronisieren". Dadurch spielt man eigentlich nur im alten London zur Zeit der Industrialisierung die Geschwister Evie und Jacob Frye, bei denen sowohl deren Figuren und Persönlichkeiten als auch ihre Beziehung zueinander gut gelungen ist. Jacob sucht eher die direkte Konfrontation (das bedeutet nicht, dass ernicht schleichen kann!) und will die Stadt direkt von den Templern und Straßengangs befreien, während Evie den geheimnisvollen "Edensplitter" sucht, der wahrscheinlich irgendwie im Zusammenhang mit der Zukunftsstory steht. Das Problem an der ganzen Sache: Man befindet sich zu 99% des Spiels in der Vergangenheit, während es nur ab und zu Zwischensequenzen in der Zukunft gibt. Diese vergisst man allerdings relativ schnell, da man sich natürlich mehr auf das konzentriert, was man die ganze Zeit spielt. So habe ich z.B. bei den meisten dieser Abschnitte keine einzige Figur erkannt und die komplette Übersicht verloren, ich konnte nicht einmal gut und böse unterscheiden. Gleichzeitig zwängt einen das Spiel nicht in diese Story, was auf der einen Seite natürlich gut ist, dem Verständnis hilft es aber auch nicht gerade. Wie ich in anderen Reviews lesen konnte, war die Story in anderen Ablegern deutlich besser. Das hoffe ich auch, denn ein Bösewicht, welcher eine superstarke Waffe bauen/haben will, ist jetzt nicht sonderlich kreativ.


Gameplay:

Gameplaytechnisch, gibt es das obligatorische Schleichen, Kämpfen und Klettern, wie in jedem AC.

Das Schleichen funktioniert hier wunderbar, in normalen Missionen wie "Eliminiere diese Person" bekommen wir einfach nur den Bereich und ein Ziel vor die Nase gesetzt. Wir haben absolute Entscheidungsfreiheit, wie wir vorgehen. Man kann die Infiltration komplett meiden, und einen Weg direkt zum Ziel suchen, zum Beispiel über das Dach oder einen Geheimweg. Wir können aber auch durch verschiedene Eingänge hinein, einen Gegner nach dem anderen ausschalten, durch Einsatz unserer Tools ablenken und dann an scheinbar unmöglichen Blockaden vobei schleichen.

Wir können uns sogar einen Gegner kidnappen und so tun, als würden wir zu ihm gehören. Dadurch kommen wir ganz einfach an Wachen vorbei, ab einem bestimmten Abstand merken sie es aber natürlich. Man sieht schon, man hat eine Menge Entscheidungsfreiheit. Das oben waren alles nur Beispiele, man muss seine Strategie logischerweise an den Ort anpassen. Die sogenannte Eagle Vision macht das Spiel teils sehr einfach. Die "Eagle Vision" ist ein Wallhack, der mit Upgrades immer mehr Range bekommt. Und man muss sich nicht mal merken, wo die Gegner stehen, sondern kann sie einfach schnell markieren, und nun sieht man sie permanent durch die Wand. Die Kamera bei Far Cry 3 z.B. war meiner Meinung nach viel balancierter, als dieser OP-Wallhack.


Das Kampfsystem funktioniert auch gut und ist meiner Meinung nach auch gut gebalancet. Durch das Craftingsysstem ist es uns nicht möglich, vor einem bestimmten Level extrem starke waffen zu benutzen. Auch die Gegner haben unterschiedliche Level, Gegnern mit höherem Level sind wir logischerweise unterlegen. Und das macht sich auch schnell bemerkbar, wenn man zu Anfang nichts ahnend in ein schwieriges Gebiet tappt. Für alle Missionen gibt es ein empfohlenes Level, man kann sie aber normalerweise mit 1-2 Leveln unter der Empfehlung schaffen. Bis jetzt im Spiel gibt es nur 3 Gegnertypen: Ein "Sniper", der mit seinem Gewehr verdammt viel Schaden verursacht, dafür aber weniger aushält. Der Normalo, der von den Werten relativ ausgeglichen ist. Und - wer hätte es gedacht - dickere Brocken die mehr aushalten.

Die Assasinations - also Kills, die man unbemerkt mit seinen versteckten Klingen ausführt - töten jeden Gegner auf Anhieb und gehen flüssig von der Hand. Außerdem können wir Leichen verstecken. Eine sehr coole Funktion eigentlich, wenn man z.B. eine Mission auf einem Schiff macht, in der man dann die getöteten Gegner einfach über die Reling werfen kann. Allerdings ist diese Funktion nicht wirklich notwendig, vorallem nicht, wenn man den Gegner vorher durch einen Pfiff weglockt. Und das liegt an dem meiner Meinung nach größten Kritikpunkt des Spiels: Der KI. Sie reagiert überhaupt nicht auf unsere Aktionen, mal abgesehen davon, dass sie mal eben nachsieht. In einer Szene bspw. standen zwei Gegner beieinander. Ich lockte einen von ihnen weg, der andere hat ihm hinterhergeguckt. Ich saß hinter einer Deckung, und habe eine Cover-Assasination ausgeführt (den Gegner hinter die Deckung ziehen und töten).

Aber anstatt Alarm zu schlagen, kam der andere Gegner ganz gemächlich herüber, ich habe mich schnell versteckt und gewartet, was er wohl tut, wenn er die Leiche entdeckt. nach kurzer Zeit ging er einfach wieder an seinen Alten Platz zurück und sagte allen Ernstes: "War wahrscheinlich nur der Wind". So etwas kommt leider viel zu häufig vor, und das macht das Spiel dann doch relativ einfach, denn auch wenn man Fehler macht, bestraft einen das Spiel so gut wie nie. Auch im Sehen wurden die Wachen wohl nicht sehr gut trainiert, denn egal, ob man mit der Hälfte seines Oberkörpers aus einer Deckug rausschaut oder einfach mit ein bisschen Abstand auf freiem Feld vor ihnen steht, sie sehen einen nicht. Na klar ist man ein Assassine und bleibt unbemerkt, aber Harry Potters Tarnumhang hat man doch nicht? (Habs noch nicht durchgespielt, vielleicht erfährt man es ja). Und das macht die Punkte, die hier fehlen, größtenteils aus. Schade! Aber nochmal zurück zum Kampfsystem: Die Kämpfe sind gut balanciert, wir können per Quicktime Event Kugeln oder Angriffen ausweichen, die Blockade der Gegner durchbrechen, es gibt coole Kombos und Finisher, und vorallem die Möglichkeit, seine Waffen mit in eine Kombo einzubauen gefällt mir sehr.
Aller guten Dinge sind drei: Das Klettern ist auch hier wieder ein essenzieller Spielbestandteil. Man kann im Spiel fast überall hochklettern, und damit meine ich auch wirklich überall. Und das ganze im Prinzip nur durch halten der Freerun-Taste, auf der Tastatur standardmäßig Lshift.

Wir können aber zusätzlich noch bestimmen, ob wir speziell hoch oder runter wollen, das geht mit der Leer- bzw. der E-Taste. Bei dem System hatte ich die meisten Sorgen, denn immerhin hat man hier nicht selbst die Kontrolle über das, was man macht. Man kann nichtmal irgendwo herunterfallen, das Spiel meint einfach Nein! - und wir müssen uns langsam runterhangeln. Deswegen verstehe ich eigentlich auch nicht, warum es Skills gibt, die den Fallschaden verringern, aber whatever. Meine Sorgen sind relativ schnell verflogen, tatsächlich funktioniert diese Spielmechanik in den meisten Fällen echt gut.

Mal abgesehen von Ausnahmen, die meistens an engen und kleinen Orten passieren, da das Spiel nicht so richtig tut, was man will. Aber das ist alles verkraftbart und macht es nicht kaputt. Der Seilhaken, der, soweit ich weiß, neu ist, lässt sich gut in den Spielfluss einbauen, und man kommt schneller von A nach B. Damit kann man die Aussichtspunkte auch deutlich schneller erklimmen, wodurch man den Nebel langsam auf der Minimap entfernt. Das Klettern funktioniert also ziemlich gut hier, auch wenn es für meinen Geschmack viel zu einfach geraten ist und keine Herausforderung bietet. Nach einer Zeit macht es einfach keinen Spaß mehr, Lshift, W und Leer- bzw. E-Taste gedrückt zu halten.


Um das Gameplay noch abzuschließen, noch zwei weitere, kleine Dinge:

Das Crafting und Ressourcen sammeln ist relativ leicht erklärt: Craftinganleitungen bekommt man nach abgeschlossenen Missionen, besonders seltene oder starke oft nach besonderen Nebenmissionen, die es auch hier zahlreich gibt. Man kann alles craften, wenn man die Anleitungen und die Ressourcen dafür hat, manche Items kann man aber erst ab einem bestimmten Level nutzen. Die Ressourcen bekommt man durch das Öffnen mancher Kisten (für manche braucht man extra Skills), manchmal bekommt man auch Dinge von Kindern in der Stadt.

Die Kutschen sind ein (so weit ich weiß) neu implementiertes Fortbewegungsmittel, welches man recht oft im Spiel benutzt, da der Weg von der einen zur anderen Seite der Map ziemlich lange zu Fuß dauert. Die Kutschen steuern sich tatsächlich sehr anders als Autos in anderen Spielen. Wir sind logischerweise nicht so schnell unterwegs, man kann aber das Pferd für mehr Geschwindigkeit antreiben. Mit der Kutsche zu fahren macht sehr viel Spaß, vorallem Verfolgungsjagden, bei denen man seine Gegner rammen kann oder vom Kutschendach aus eine andere übernehmen kann.

Soviel also zum Gameplay, was insgesamt betrachtet sehr gut funktioniert


Open World/Technik:

Die Open World ist recht groß, die meisten Londoner Hingucker (die es auch damals schon gab) sind vorhanden. Die Stadt geht an der Mapgrenze optisch noch weiter, so merkt man also kaum, dass man an der Grenze ist, wenn man dort unterwegs ist. Es sei denn natürlich, man versucht hinüberzuschreiten, dann graut sich alles hinter der Grenze jedoch aus und man bekommt einen Hinweis, dass dieser Teil nicht synchronisiert sei. Das passt immerhin mit dem Plot zusammen. Als ich das erste mal auf einen der Aussichtspunkte kletterte, war ich natürlich gespannt, wie bestechend die Weitsicht ausfällt. Und, naja. Manchmal hat man eine echt fantastische Weitsicht, manchmal sieht man ungelogen (durch den extremen Nebel) gar nichts. Realistisch betrachtet hat das Spiel ja recht: London hatte noch nie wirklich gutes Wetter (und auch oft regnen tut es in dem Spiel) und im Zeitalter der Industrialisierung war die Luft wohl auch nicht die sauberste. Trotzdem hätte ich mir doch etwas mehr gewünscht. Was ich allerdings auch als riesige Enttäuschung sehe, ist, dass man in quasi kein Haus einfach so hineingehen kann. In 8 Stunden Spielzeit bin ich einmal durch ein Erdgeschoss eines Hauses auf die Straße gelaufen, das rein zufällig. (Nachtrag: Nach ungefähr der Hälfte des Spiels ist mir aufgefallen, dass sehr wenig "normale Häuser" begehbar sind, dafür so gut wie jedes in Missionsgebieten; das ändert meine Meinung aber trotzdem nicht, die Welt wirkt weniger authentisch dadurch.)

In GTA 5 bspw. hatte man in der Hinsicht auch nicht viele Freiheiten, dafür war es natürlich in anderen Bereichen weitaus umfangreicher. Das heißt, die Häuser in dem Spiel sind (in den meisten Fällen) nur Fassaden zum Hochklettern. Das entspricht nicht meinen Erwartungen in diese atmosphärische Open World.
Dafür ist die bereits angesprochene Atmosphäre sehr gut gelungen, nicht nur durch die lebendige Stadt, sondern auch den Soundtrack, der das düstere Gefühl dieser Zeit sehr gut rüberbringt, an hellen und belebten Orten jedoch auch sehr fröhlich sein kann. Die Crowdevents hingegen (zufälliges Treffen auf ein Verbrechen o.Ä.) waren nicht wirklich gut. Um genau zu sein, gab es nur ein paar, die sich immer wiederholt haben: "Töte die Verbrecher", "Schnapp dir den Dieb" und "Beschütze deine Verbündeten", "Scare Bullies"(auf Deutsch weißnich nicht), "Verteidige den Zivillisten" und "Stealth-kill messenger" (auch hier wieder keine Ahnung, 'tschuldigung), also eher ein Gimmick, sodass die Stadt lebendiger wirkt. Die Stadt ist durch die gutern Charktermodels und Sehenswürdigkeiten gut in Szene gesetzt, so trifft man in manchen Gassen auf Bettler, woanders sieht man reiche, eng umschlungene Paare auf Bänken sitzen. Die Sehenswürdigkeiten (allesamt erklimmbar) wie der Big Ben sind gut nachgebaut, und es macht Spaß, die Umgebung zu erkunden. Alles in allem eine wirklich gut inszenierte Open World und zudem sehr realistisch.

Nun etwas zur Technik. Das London des 19. Jahrhunderts sieht einfach großartig aus. Es gibt unglaublich viele kleine Details, die Lichteffekte sind sehr hübsch. An manchen Stellen wirkt es leider etwas trüb und blass, was aber in gewisser Weise natürlich auch mit dem Setting zusammenpasst. Leider schwächelt die Performance etwas. Auf FullHD mit Ultra Details kann man das Spiel wirklich nur mit einem wirklich guten PC spielen, das maximale, was bei meinem herauszuholen ist, ist "sehr hoch". Dort kann ich es in FullHD ohne Anti-Aliasing mit ca. 45-60 FPS spielen. Ich habe mich allerdings dazu entschieden, es ein Preset weiter herunter zu stellen, und dafür nur manche, mir wichtigen Details hochzustellen. So kann ich mit permanent 60 FPS gut spielen. Die Animationen und Sounds gefallen mir sehr gut.


Fazit:

Ein wirklich gut gelungenes Spiel, welches definitiv seine 25€ im Steam Sale wert war. Wenn ihr nach einem interessanten Singleplayerspiel sucht (und die Ubisoft Formel noch nicht leid seid), oder ein Far Cry Fan so wie ich seid, kann ich es auf jeden Fall empfehlen. Es macht extrem viel Spaß und sieht richtig gut aus. Das einzige, was mich ernsthaft nervt, sind die dummen KI-Gegner. Und checkt vorher, ob euer PC es packt.


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