Ein unsterbliches Meisterwerk

Dunkel sind die Straßen von Los Angeles. Ein Mörder zieht nachts durch Santa Monica und massakriert Passanten, in Downtown verenden Bettler und Prostituierte an...

von - Gast - am: 02.05.2010

Dunkel sind die Straßen von Los Angeles. Ein Mörder zieht nachts durch Santa Monica und massakriert Passanten, in Downtown verenden Bettler und Prostituierte an einer seltsamen Krankheit. Die Kanalisation von Hollywood ist fest in Monsterhand, während sich in Chinatown Dämonen niedergelassen haben. Die Menschheit ahnt nicht einmal ansatzweise, was für eine Subkultur neben ihrer Zivilisation existiert. Aber normale Menschen können ihnen egal sein - Vampire denken nicht über Menschen nach, sowie Menschen nicht über Schweine und Kühe nachdenken.

Ihr menschsein hauchen sie bereits in den ersten Spielminuten aus. Beim Liebesakt offenbart sich der Partner als Vampir und beißt sie. Wer jetzt die zur Zeit so im Trend liegende Vampirromantik erwartet wird bitter enttäuscht, stattdessen stürmen andere Vampire das Zimmer. Sie werden beide abgeführt, der vermeintliche Liebhaber geköpft. Sie dürfen stattdessen weiterleben - als frischgeborener Vampir.

Vampire? Geister? Alles quatsch!

Die Vampirgesellschaft in LA ist in zwei Gruppen zerbrochen: die Anaarchen, die LA bisher beherrscht haben und die Camarilla, eine gut organisierte Vampirvereinigung die sämtliche Vampire als ihre Mitglieder beansprucht, ob diese wollen oder nicht. Zu diesem Machtkampf gesellen sich chinesische Geister, die Kuei Jin, die LA ebenfalls als ihr Territorium beanspruchen. Im Verlauf der spannenden und wendungsreichen, jedoch linearen Geschichte erkunden sie große Teile von LA: neben den vier Hauptgebieten Santa Maria, Downtown, Hollywood und Chinatown untersuchen sie unter anderem ein Geisterhaus, die weitläufige Kanalisation von Hollywood und eine Strandgrotte. Meistens bleiben sie jedoch im Kerngebiet von LA.
Die Level sind zwar nicht allzu groß, jedoch sehr atmosphärisch und bieten allerlei Details zum entdecken. Die Stimmung ist im gesamten Spiel sehr düster gehalten, in Gothic Clubs sind Menschen kaum von Vampiren zu unterscheiden, dazu hämmern dunkle EBM-Beats. Die Handlung um Themen wie Ritualmord, Drogen, Vergewaltigung und Inzest spricht eher erwachsene Spieler an. Der deftige Gewaltgrad unterstreicht das.

Maske auf und nicht mehr runter nehmen!

Wenn die Menschheit wüsste, dass Vampire tatsächlich existieren, würden diese innerhalb weniger Jahre komplett ausgerottet werden. Entsprechend unauffällig muss man sich in der Öffentlichkeit verhalten. Wer auf offener Straße Menschen das Blut aussaugt gerät schnell in das Visier von Vampirjägern. Wer es ganz dolle treibt und insgesamt fünf mal diese Maskerade bricht hat das Spiel unwiederbringlich verloren. Allerdings gibt es einige Quests, bei denen man verlorene Maskeradepunkte zurück erhalten kann. Fast genauso wichtig wie die Maskerade ist die Menschlichkeitswertung. Je geringer diese, desto eher neigen sie zu Kontrollverlusten die in einem Massaker auf dem Supermarktparkplatz enden können. Außerdem haben sie weniger Antwortmöglichkeiten in Dialogen.

In LA wohnen nur Freaks und Bekloppte

Das LA von allerlei seltsamen Menschen bewohnt wird lesen wir täglich in der Boulevardpresse. Was sich jedoch bei Anbruch der Nacht zeigt ist noch eine ganze spur abgedrehter. Die NPCs sind eines der vielen Highlights von Bloodlines. Unterstützt durch die genialen Gesichtsanimationen der Source Engine (später mehr) entstehen die wohl glaubwürdigsten Charaktere der Rollenspielgeschichte. Wenn sie einen Charakter verärgern wird er ihnen die wütende Blicke entgegen schleudern, entschuldigen sie sich anschließend sofort wieder wird sich sein Gesichtsausdruck deutlich sichtbar entspannen. Die Charaktere sind alle hervorragend aufgebaut: Jeanette, V.V., Jack, fat Larry, der Taxifahrer ... großartige Personen, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen - derart intensiv ist kaum ein Spiel.
Bei Dialogen wählt man immer direkt die Antworten aus, zusätzliche Antwortmöglichkeiten gibt es wenn man die Talente überzeugen, einschüchtern und verführen weit genug geskillt hat.

und jetzt wollen die auch noch alle was

Kein Rollenspiel ohne Quests, bei Bloodlines ist das nicht anders. Die Aufgaben sind unterschiedlich: mal soll man in ein Museum einbrechen ohne Wachleute zu töten, einmal einen verschollenen Vampirclan in der Kanalisation suchen. Interessant sind Aufgaben wie die Ermordung einer Vampirjägerin, bei der man zuerst dafür sorgen muss, dass alle Zeugen in der Umgebung verschwinden. Gar nichts so einfach in einer Peepshow. Beispiellos schwer ist die Quest auf dem Friedhof von Hollywood, wo man fünf Minuten verhindern muss, dass Zombies die Friedhofstore durchbrechen - sehr hart, da die beiden Tore weit voneinander entfernt sind.
Bis auf diese Ausnahme ist der Schwierigkeitsgrad bei Bloodlines allerdings sehr ausgeglichen. Ab und an lockern durchschnittlich schwere Rätsel das Spieldesign auf.

Vampire sind doch alle gleich!

Zu Beginn des Spieles steht zuerst die Entscheidung welchem Vampirclan man angehört. Dies geschieht entweder über ein Frage-Antwortspiel oder direkt in einem Auswahlmenü. Zur Auswahl stehen sieben unterschiedliche Clans, die sich sehr stark unterscheiden:
die Brujah haben starke Nahkampfboni, sind jedoch besonders anfällig für Raserei. Die Nosferatu sind zwar ausgesprochen geschickt, jedoch derart hässlich das sie sich niemals offen auf den Straßen bewegen dürfen. Die Tremere sind starke Zauberer, jedoch körperlich gebrechlich, die Malkavianer haben eine sehr starke Intuition, sind jedoch wahnsinnig - was sich darin äußert, dass als Malkavianer SÄMTLICHE Dialoge im Spiel anders verlaufen. Ein Erlebnis der besonderen Art. In den unterschiedlichen Clans liegt der hohe Wiederspielwert des Spieles, trotz der linearen Story.
Erfahrungspunkte verteilt man in unterschiedlichen Disziplinen wie Nahkampf, Fernkampf, Zauber, überreden oder (Computer) hacken. Positiv fällt auf, dass es keine überflüssigen Talente gibt. Eine Besonderheit von Bloodlines ist, dass man Erfahrungspunkte ausschließlich für Questfortschritte erhält. Folglich kann man sich in kompletten Spielabschnitten an den Gegnern vorbeizuschleichen, ohne weniger EP zu erhalten. Dadurch hat schleichen einen wesentlich höheren Stellenwert als in anderen Spielen.

Gib her den Flammenwerfer!

Gekämpft wird im Nah- oder Fernkampf, dazu kommen unterschiedliche Blutzauber. Im Nahkampf kommen alltäglich Waffen wie Baseballschläger, Feuerwehräxte oder eine riesige Gartenhacke zum Einsatz. Dabei kann man durch geschickte Bewegungen Schlagkombinationen ausführen. Wenn man sich von hinten an (humanoide) Gegner anschleicht kann man diese mit einem schnellen und äußerst brutalen Stealthkill mit einem Schlag töten.
Fernkämpfer haben ein großes Arsenal an Waffen zur Verfügung, von der mickrigen Beretta bis hin zum fast schon übermächtigen Flammenwerfer (der aber nur sehr wenig Munition fassen kann). Der Fernkampf spielt sich am besten in der klassischen Ego-Shooteransicht, Nahkämpfer können ausschließlich die übersichtliche Außenansicht verwenden. Während am Anfang von Bloodlines der Nahkämpfer klar im Vorteil ist, wendet sich das Blatt im laufe des Spieles - gegen Ende hat es der Fernkämpfer einfacher. Rollenspieltypisch steigen Schadenszahlen über den Gegnern auf. Dies kann jedoch deaktiviert werden.
Die Zauber sind je nach Clanzugehörigkeit anders, dazu gehören Unsichtbarkeit, Verwandlungen und Geistesbeeinflussung. Statt Mana wird Blut verwendet. Um die Vorräte aufzufüllen muss man Menschen das Blut aussaugen - möglichst unauffällig versteht sich.
Die Stärke des Vampirdaseins liegt in der Kombination von Kampf- und Blutfertigkeiten. Statt sich wie ein Berserker mit einer Axt durch die Reihen der Feinde zu metzeln, ist subtileres Vorgehen meistens empfehlenswerter. Sich unsichtbar machen, hinter die Gegner schleichen, einen Amok-Zauber wirken damit die Feinde übereinander herfallen, währenddessen einzelne Gegner während des Gemenges unauffällig per Stealthkill beseitigen und dann dem letzten Stehenden das Blut aussaugen um die Blutvorräte wieder aufzufüllen: die innere Befriedigung ist danach nahezu grenzenlos.

Als Vampir bin ich unbesiegbar!

Sie haben nie Angst? Sie werden Angst haben wenn sie von einem Werwolf verfolgt werden, dieser laut brüllend Türen und Wände einschlägt und hinter ihnen hertobt! Im Gegensatz zu den meisten Rollenspielen bietet Bloodlines “echte” Bosskämpfe:
Sehr oft bekämpfen sie besonders starke Gegner, die mit unterschiedlichsten Taktiken besiegt werden müssen. Ein asiatisches Tentakelmonster erschafft Kopien von sich, ein riesige Fledermaus trägt sie in luftige Höhen, ein haushoher Gargoyle mit schier endlos vielen Trefferpunkten kann ausschließlich mit einem mickrigen Vorschlaghammer bezwungen werden - Hochspannung garantiert!
Bei den normalen Gegnern kommt die einzige wirkliche Schwäche des Spieles zu tragen: sie sind strunzdumm. Die KI ist teilweise kaum nachvollziehbar und lässt sich meistens auf sehr einfachem Wege austricksen. Zum Beispiel schaffen es Wachen selten einen zu entdecken, selbst wenn man lautstark hinter ihnen herläuft. Auch versuchen sie durch Wände zu schießen oder rennen während eines Kampfes konfus durch die Gegend. Allerdings ist sie sehr treffsicher, was die Sache wieder ein wenig ausgleicht.

Die Technik

Als Grafikgrundgerüst wird die inzwischen sechs Jahre alte Source Engine von Half Life 2 verwendet. Das Ergebnis sind stimmige, aber leicht veraltete Leveltexturen und nur durchschnittlich schöne, deutlich gealterte Effekte - allerdings herausragende Gehsichtsanimationen, die ihres gleichen suchen. Der Soundtrack ist herausragend, die Musik sehr hochwertig und wechselt dynamisch zwischen Kampf und kampflosen Passagen. In Clubs laufen lizenzierte Lieder aus der Gothic und EBM Szene von mehr oder weniger bekannten Bands wie Tiamant oder Lacuna Coil. Der Klang der Waffen ist sehr gut gelungen, bei den unterschiedlichen Pistolen merkt man klare Unterschiede zwischen Klein- und Großkalibern.
Herausragend ist außerdem die Vertonung der Dialoge, die Stimmen sind hervorragend ausgewählt und wirken sehr glaubwürdig - aber nur auf Englisch, das Spiel ist nicht synchronisiert. Wer des Englischen nicht mächtig ist kann gute Untertitel aktivieren. Die Spielmenüs und sonstige Texte wurden aber komplett ins Deutsche übertragen. Der Spielerchar bleibt das gesamte Spiel stumm.
Als Bloodlines erschien machte es vor allem durch eines Schlagzeilen: extrem viele Bugs. Mit den regelmäßig erscheinenden Fanpatches wurden die Probleme jedoch drastisch reduziert. Es gibt zwar immer noch einzelne kleine Fehler, diese stören aber nicht weiter. Ein besonderes Lob an die Fan-Programmierer an dieser Stelle.

Fazit

Wie beschreibt man ein nahezu perfektes Spiel? Ein extrem intensives Spielgefühl, packendes Design, spannende Bosskämpfe, ein hoher Wiederspielwert, der Taxifahrer... es passt einfach alles.
Außer der dummen KI und der leicht gealterten Technik gibt es kaum etwas zu kritisieren - den Hobbyprogrammierern sei dank, die sich der Bugseuche angenommen haben.
Wer einen Hang für “die schwarze Szene” hat darf getrost noch einmal 5% auf die Wertung aufschlagen, Frohnaturen könnten sich jedoch mit dem düsteren Szenario schwer tun. Bleibt abschließend nur zu sagen: “Wherever we go, it is the blood of kain which makes our fate. Farewell, vampire.”

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Wertung
Pro und Kontra
  • Grafik: geniale Gesichtsanimationen
  • Sound: tolle Musik, lizensierte Lieder, Synchronisation
  • Balance: Bosskämpfe, steigender Anspruch
  • Atmosphäre: sehr dicht, lebendiges LA
  • Bedienung: fließender Wechsel zwischen Ego- und Firstperson
  • Umfang: hoher Widerspielwert, lange Hauptstory
  • Quests: abwechslungsreich, mehrere Lösungsmöglichkeiten
  • Charaktere: gutes Skillsystem ohne überflüssige Fertigkeiten
  • Kampfsystem: Nahkampf und Fernkampf ausgeglichen, Blutzauber
  • Items: viele Waffen, keine überflüssigen Items
  • Grafik: gealterte Engine
  • Sound: Held spricht nicht
  • Balance: teilweise saudumme KI
  • Atmosphäre: -
  • Bedienung: -
  • Umfang: -
  • Quests: -
  • Charaktere: -
  • Kampfsystem: -
  • Items: kein Crafting möglich

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 40, weniger als 100 Stunden



Kommentare(7)

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