Erzählerisch und mechanisch sehr gut

Rezension: „Far Cry 3“ — Version 1.05 — Plattform: Uplay

von ModuGames am: 03.04.2020

Wer mich kennt, der weiß, dass Rollenspiele mein Lieblingsgenre sind. Aber selbst ich weiß einen guten First-Person-Shooter zu schätzen, schon alleine, um nicht aufgrund einer Überdosis an taktischen Gruppenkämpfen, aufwändigen Progressionssystemen und ewig langen Dialogen wahnsinnig zu werden. „Wahnsinn“ ist übrigens ein gutes Stichwort, um den Gegenstand dieser Rezension zu beschreiben, denn in Far Cry 3 dreht sich alles um das Verrückte und Übernatürliche.

Ob das die Urlaubsversicherung bezahlt?

Dabei startet die Handlung ziemlich bodenständig, und zwar mit einer Gruppe junger Erwachsener, die ihren Urlaub auf Rook Island genießen. Das Glück hält jedoch nicht lange, denn sie werden von Piraten gefangengenommen. Der Spieler übernimmt nun die Rolle über Jason Brody, der zusammen mit seinem älteren Bruder Grant in einen Käfig gesteckt wurde. Hier treffen die beiden zum ersten Mal auf Vaas Montenegro, den Anführer der Piraten, der sich durch seine... besondere Persönlichkeit auszeichnet, doch dazu später mehr. Nach dessen Verschwinden versuchen die beiden, der Gefangenschaft zu entfliehen, was auch zu gelingen scheint — allerdings nicht ohne erneut Bekanntschaft mit Vaas gemacht zu haben, der kurzerhand Grant ermordet und somit beweißt, dass mit ihm nicht zu spaßen ist.

Jason gelingt nur knapp die Flucht und wird von Dennis Rogers aufgefunden, einem Einheimischen, der ihm ein Tatau (ein Tatoo) verpasst und in das Spiel einführt. Nach einigen Tutorialmissionen steht es dem Spieler nun frei, Rook Island zu erkunden. Das Ziel: Jason muss die übrigen Mitglieder seiner Gruppe finden, darunter auch seinen jüngeren Bruder Riley. Zusätzlich zu dieser Geschichte existiert jedoch noch ein weiterer Handlungsstrang. Jason wird nämlich von den Rakyat, einem Kriegervolk, sowie von deren Anführerin Citra als Auserwählter angesehen.

Letztendlich erzählt Far Cry 3 eine ziemlich geradlinige Geschichte — als Spieler befreien Sie nacheinander die Freunde und nähern sich der Kultur der Rakyat an. Jason selbst wird im Verlauf der Handlung von einem ziemlichen Angsthasen zu einem hemmungslosen Killer. Daraus erwachsen auch einige moralische Dilemmata für den Spieler, nicht zuletzt, da das Spiel auch an einer Stelle explizit die Frage stellt, was denn aus dem einst friedlichen und gutmütigen Jason geworden ist, nachdem dieser einen Unschuldigen gefoltert hat. Er wird allerdings nicht nur immer brutaler, sondern auch wahnsinniger, was das Spiel etwa mit sehr effektiven Zitaten aus „Alice im Wunderland“ darstellt. Spätestens wenn Jason jedoch gegen Ende des Spiels am Maschinengewehr eines Helikopters sitzt und zu Richard Wagners „Walkürenritt“ wild um sich schießt, ist der Wahnsinn komplett.

Piraten, nehmt euch in Acht!

Schießen ist übrigens ein gutes Stichwort, denn es wird Zeit, sich der mechanischen Seite des Spiels zuzuwenden. Far Cry 3 spielt sich im Grunde wie ein normaler First-Person-Shooter, d.h. man schießt sich mit einem großen Arsenal an Waffen durch die Reihen der anrückenden Gegner. Von den besagten Waffen gibt es übrigens 26, die in sieben Kategorien unterteilt sind: Faustwaffen (Pistolen), Maschinenpistolen, Sturmgewehre, Schrotflinten, Scharfschützengewehre, Maschinengewehre und Granatenwerfer. Zusätzlich existieren noch vier spezielle Waffen, vier Nahkampfwaffen, vier Explosivstoffe und sieben einzigartige Waffen. Für Abwechslung in dieser Hinsicht ist also gesorgt.

Das bekannte Shooter-Gameplay wird jedoch auch durch andere Systeme bereichert, etwa durch das Crafting. Tötet man Tiere auf der Insel oder sammelt Pflanzen, kann man die Gegenstände, die man von diesen erhält, verwenden, um eine Reihe nützlicher Items herzustellen. Da wären etwa größere Geldbeutel, welche zwingend notwendig sind, um überhaupt genug Geld für gute Waffen ansammeln zu können, oder mehr Waffenslots, sodass man schlussendlich vier Primärwaffen mit sich führen kann — den Vorteil muss ich hoffentlich nicht erklären. Aber es gibt auch weniger sinnvolle Craftinggegenstände, wie etwa Gesundheitsspritzen, die auf dem normalen Schwierigkeitsgrad (auf dem ich es auch gespielt habe) schlichtweg nicht nötig sind.

Zusätzlich zur Herstellung wird Jason aber auch durch sein Tatau stärker. Pro Levelaufstieg kann er eine der 54 Fähigkeiten des Spiels erlernen, die sich in drei Talentbäume unterteilen. Auch hier geben sich gute und schlechte Entscheidungsmöglichkeiten die Hand: Mehr Gesundheit? Super! Die Fahrzeuge im Spiel erleiden 50% weniger Schaden? Äh, nein. Alles in allem bereichern die Fähigkeiten das Spiel aber durchaus, zumal sie hervorragend Jason Brodys Wandel hin zum Supersoldaten veranschaulichen.

Finally, a worthy opponent

Zurück zur narrativen Seite des Spiels: Wie bereits zuvor angedeutet, nehmen die Figuren eine, für einen Shooter, ungewöhnlich wichtige Rolle ein. Jasons Freunde selbst sind zwar effektiv geschrieben, aber bei weitem nicht so gut wie die Stars des Spiels: die Antagonisten bzw. die ambivalenten Figuren, wie etwa der umheimliche Buck Hughes oder der patriotische CIA-Agent Willis Huntley. Auch die One-Liner-Maschine Sam Becker sollte nicht unerwähnt bleiben.

Wir haben hier aber einen Elefanten im Raum, und zwar Vaas. Vaas ist wahnsinnig, aber auf eine schwer zu beschreibende, intelligente Art, irgendwo zwischen Psychopath und Pseudophilosoph. Viele seiner Szenen sind hervorragend geschrieben und (auch im Deutschen) erstklassig vertont, doch letztlich muss man Vaas selbst erlebt haben, um ihn wirklich erklären zu können. Ich würde ihn ganz klar als einen der besten Videospielgegner aller Zeiten beschreiben, wenn nicht sogar — und da können Sie mich in Zukunft zitieren — den besten. Umso unverständlicher ist es, dass Far Cry 3 ab der Hälfte des Spiels auf einen anderen Antagonisten setzt, Hoyt Volker. Der ist zwar immer noch ein überdurchschnittlicher Bösewicht, kommt aber nicht an Vaas' Charisma heran. Es ist mir ein Rätsel, warum die Entwickler das größte Zugpferd des Spiels vorzeitig aufgegeben haben (obwohl Vaas natürlich trotzdem großartig ist). Zum Ende der Geschichte muss ich jedoch noch eine Sache sagen: Es ist zu inkonsequent, was das spätere Spiel anbelangt. Mehr kann ich leider nicht sagen, ohne in Spoiler-Territorium abzurutschen.

Wenn die Ubisoft-Formel nur halb funktioniert

Auf Rook Island gibt es Ubisoft-typisch eine Menge Aufgaben zu erledigen. Zuallererst wären da die insgesamt 18 Funktürme, die man erklimmen kann. Dabei arbeitet Jason sich vom Boden des Turms aus durch eine Kombination von Leitern, Plattformen und Sprungelementen langsam nach oben, was erstmal trivial klingt. Einige Türme fahren jedoch respektable Kopfnüsse auf, wodurch sich die Aufstiege als zeitintensiver herausstellen können, als man annehmen würde. Oben angekommen deaktiviert man einen Störsender, sodass sich ein Teil der Karte aufdeckt. Die ewige Funkturm-Kletterei ist zwar nicht schön, aber für alle Leute, die ihre Map gerne vollständig einsehbar haben wollen (wie ich), leider notwendig. Einen kleinen Trost gibt es aber, und zwar wird mit jedem aktivierten Funkturm eine Waffe kostenlos erhältlich.

Viel spaßiger sind hingegen die Außenposten. Hierbei handelt es sich um von Gegnern besetzte Lager, die man erobern kann, indem man alle Feinde in ihnen ausschaltet. Es gibt insgesamt 34 von diesen Außenposten und, was soll ich sagen, ich habe jeden eigenhändig und mit großer Freude eingenommen. Hier kann die offene Spielwelt von Far Cry 3 wirklich ihre Stärken ausspielen, indem sie eine Vielzahl von Vorgehensweisen ermöglicht. So kann man entweder die Alarme des Außenpostens ausschalten, um zu verhindern, dass die Feinde Verstärkung erhalten, und die Gegner mit Takedowns leise ausschalten. Man kann aber auch in bester Rambo-Manier reinrennen und mit dem LMG in der Hand wild um sich ballern.

An dieser Stelle möchte ich eine lustige Geschichte erzählen, die mir beim Erobern eines Außenpostens passiert ist. Ich hatte gerade einen Aussichtsturm erklommen und sah dann ein solches feindliches Lager in der Nähe. Ein Plan formte sich in meinem Kopf: Ich könnte doch mit meinem Wingsuit (der übrigens fantastisch ist!) über das Lager fliegen und dann, Batman gleich, in der Mitte landen. Nun, als ich dann über dem Außenposten kreiste, wurde ich von einem Panzerfaust-Schützen entdeckt und eine Rakete später landete ich höchst unsanft (lies: tot) auf dem Boden. Gut, dann muss ich beim nächsten Mal eben anders vorgehen. Die Tatsache, dass das Spiel solche Situationen ermöglicht, finde ich großartig. Schade nur, dass die restlichen Open-World-Beschäftigungen allesamt aus 0815-Sammelgegenständen und repetitiven Mini-Missionen bestehen.

Was übrig bleibt

Gegen Ende möchte ich mich noch einigen kleineren Aspekten des Spiels widmen. Zum Beispiel, wie lange ich für einen Playthrough durch Far Cry 3 gebraucht habe. Laut Ingame-Uhr sind es 9,5 Stunden — inklusive aller 34 Außenposten, wie bereits erwähnt. Einer meiner anderen Spielstände schafft es immerhin auf 13 Stunden. Wenn man hierbei meine Aversion gegenüber inflationärem Sammelkram in Betracht zieht, kann man sich denken, dass man irgendwo bei 20+ Stunden herauskommt, wenn man wirklich alles erledigen will, was es im Spiel zu tun gibt. Aber das kann ich niemanden, der seine eigene Zeit wertschätzt, ernsthaft empfehlen, deshalb schlage ich vor, dass Sie die 10 Stunden an qualitativ hochwertigen Inhalten spielen und es dann dabei bewenden lassen. Alles andere macht das Spiel nur schlechter.

Technisch kann ich zu Far Cry 3 nicht viel sagen. Zu Release im Jahr 2012 war es ein hübsches Spiel, das — von einigen fragwürdigen HBAO-Effekten einmal abgesehen — gut gealtert ist. Die Insel ist wirklich ansprechend in Szene gesetzt und auch die Figuren überzeugen durch natürlich aussehende Modelle und ihre expressive Mimik. Der Soundtrack hingegen ist nicht der Rede wert. Die einzige technische Unzulänglichkeit, die sich bei mir ergeben hat, war ein Glitch, der mich vom Weiterkommen in der Hauptstory abhielt. Das war zwar ärgerlich, konnte aber mit Neuladen gelöst werden.

Fazit

Ich predige nun schon seit längerer Zeit, dass Spiele bessere Erzählungen und Figuren brauchen. Far Cry 3 gibt mir genau das — und mit Vaas sogar einen der besten Gegenspieler aller Zeiten. Ich will hierbei aber nicht sagen, dass dieses Spiel eine perfekte Geschichte habe oder dass es nicht übertroffen werden könne, garantiert nicht. Aber es ist eines dieser Leuchtturmspiele, das, zumindest gefühlt, ein Signal gesetzt hat in der Videospielbranche. Und wenn dann der spielerische Teil auch fast immer sehr überzeugend ist (die Ubisoft-Formel stellt sich mal wieder als Fluch und Segen zugleich heraus), dann kann man aus meiner Sicht einen mittleren 80er geben. Das Spiel ist nunmal wahnsinnig gut.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 20, weniger als 40 Stunden



Kommentare(2)

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