GreedFall – Handlung mit Relevanz

Teer Fradee wartet auf uns und unser diplomatisches Geschick, oder? Wir suchen auf jeden Fall nach einem Heilmittel gegen eine fiese Seuche zu Hause. Diese...

von MissDean am: 09.02.2020

...Suche führt uns durch graphisch hübsch gestaltete Gebiete und fordert ordentlich Fersengeld.

 

GreedFall und ich – kein einfacher Start. Als Bioware-Fan habe ich mich sehr auf ein neues RPG gefreut, das es mit alten Klassikern aufnehmen kann. Dann kamen die eher ernüchterten Reviews, die auch mich davon abhielten, mich sofort auf dieses Abenteuer einzulassen. Alles eine Frage der Erwartungshaltung. Nun habe ich mich endlich getraut und versucht mich ganz und gar auf die Geschichte einzulassen, die Spiders entwickelt hat. Meine Ansprüche waren immer noch hoch und ich bin gewiss nicht objektiv, aber: Es hat sich gelohnt.

Die Geschichte drängt sich mit einem kleinen erhobenen Zeigefinger auf, was die Kolonisierungsgeschichte Europas betrifft. Und das ist gut so! Mir war es nicht möglich, mich gänzlich von diesem moralischen Beigeschmack zu lösen. Das liegt aber nicht an fehlenden Entscheidungsmöglichkeiten oder einem linearen Pfad, den das Spiel vorgibt. Es ist gewiss möglich, sich unter der moralischen Keule wegzuducken. Für mich ist die gesamte Geschichte, neben dem Aufarbeiten historischer Vorbilder des Imperialismus, extrem aktuell. Gleichgewicht ist das Schlüsselwort. Wir können nur leben und gesund sein, wenn die Erde um uns herum gesund ist, wir uns im Gleichgewicht mit der Natur befinden. GreedFall erzählt eine Geschichte von aktueller Relevanz, bezieht Position – unabhängig davon, welche Entscheidungen man als Hauptfigur im Spiel trifft.

Die Story ist leider nicht wirklich einnehmend. Wir machen uns auf zu neuen Landen und hoffen dort ein Heilmittel gegen eine fiese Seuche zu finden, die langsam aber sicher die Bewohner der bekannten Welt dahinrafft. Vor allem aber, werden wir als Diplomat unserer Nation fleißig von A nach B geschickt und dürfen nebenbei noch das Land kartographieren. Währenddessen treffen wir unsere Gefährten und den einen oder anderen interessanten NPC, hangeln uns aber eigentlich nur von Auftrag zu Auftrag und legen dabei Meile um Meile zurück. Zum Glück schlägt die Geschichte zwischendurch immer mal wieder eine andere Richtung ein, sodass man die eigenen Ahnungen bestätigen möchte. Am Ende ging es ganz schnell, was ich doch etwas schade fand. Ein runder Abschluss wäre schön gewesen.

Die Gefährten bleiben leider eher konturlos. Sie haben alle ihr Päckchen zu tragen und die Gefährtenquests sind keinesfalls schlichte Kopien anderer Nebenquests, aber etwas mehr Tiefe auch außerhalb der Quests wäre wünschenswert gewesen. So macht es vor allem zum Ende des Spiels quasi keinen Unterschied mehr, welchen Gefährten man zu welcher Quest mitnimmt. Auch im Kampf ist die Gefährtenaktivität eher zweitrangig. Leider fehlt ein Taktiksystem, mit dem sich Angriffe vernünftig planen und koordinieren lassen. Man kommt auch ohne zurecht, aber gerade beim Anwenden der strategischen Fähigkeiten wäre es ganz schön gewesen, einfach um diese vernünftig zu koordinieren und weil es meiner Meinung nach zu einem guten Kampfsystem dazu gehört.

Positiv finde ich den Freundschaftsbonus der Gefährten auf die Talente. Mit Skillpunkten schmeißt das Spiel definitiv nicht um sich, so kann ein Bonus durchaus schon mal den einen oder anderen Skillpunkt einsparen. Das gesamte Skillsystem ist gut ausgearbeitet. Es wird zwischen Fähigkeiten, Attributen und Talenten unterschieden. Die Skill-Punkte werden nicht inflationär verteilt, sodass nicht unbedingt alles, was man brauchen könnte, auch geskillt werden kann. Fähigkeitspunkte werden mit jeden Levelaufstieg vergeben, Attributs- und Talentpunkte mit größeren Abständen. So werden Ausrüstungsgegenstände mit Talentboni und die Freundschaftsboni der Gefährten durchaus spielrelevant. Auch sind die Talente alle ähnlich bedeutend, jedes bringt einen auf seine Art während des Spieles voran oder sein Fehlen stellt einen das eine oder andere Mal vor eine unüberwindbare Hürde. Ein neues Zuordnen der Punkte ist mit Hilfe von Erinnerungskristallen kein Problem. Craften ist in GreedFall nicht zwingend notwendig, aber durchaus hilfreich. Nicht nur Tränke, sondern auch Ausrüstungsaufwertungen und Questgegenstände können so direkt hergestellt werden und müssen nicht gekauft oder von Experten gefertigt werden. Die Craftzutaten finden sich in ganz Teer Fradee und in den unzähligen zu plündernden Kisten in den Straßen der Städte, die immer wieder neu gefüllt werden. Im Gegensatz zu Geld kann Munition durchaus zu Mangelware werden, also nicht am falschen Ende sparen.

Die Graphik des Spiels ist wirklich gelungen. Teer Fradee wartet mit abwechslungsreichen und graphisch detailreich und hübsch gestalteten Gegenden auf, auch die Städte sind schön anzusehen. Bei der Inneneinrichtung wurde auf den ersten Blick ebenfalls nicht gespart. Allerdings nur bis man zum zweiten Mal ein ähnliches Gebäude betritt. Offensichtlich gab es einen Massenrabatt beim Innenarchitekten. So weiß man dann auch beim dritten Mal, durch welche Tür man genau muss, bis man dann doch mal gegen eine unerwartete Wand läuft. Recycelte Innenräume findet man natürlich nicht nur bei GreedFall, aber etwas mehr Vielseitigkeit wäre wirklich wünschenswert gewesen. Leider sind auch die Gesichter der NPCs nicht so gelungen, beziehungsweise in ihrer Diversität an einer Hand abzuzählen. Man kann schon überrascht sein, wie viele Nebenjobs die einzelnen Personen auf Teer Fradee augenscheinlich so haben. So schön anzusehen die Hauptperson und die Gefährten auch sind, es reicht eben doch nicht die Figuren in andere Klamotten zu stecken oder ihnen einen anderen Hut aufzusetzen, um für Abwechslung zu sorgen.
Von der englischen Sprachausgabe sollte man sich auf keine Fall abschrecken lassen. Das deutsche Overlay ist sehr gelungen - und auch sehr hilfreich, denn bei dem einen oder anderen Akzent hätte ich ohne Untertitel sonst wahrscheinlich gar nichts verstanden.

Insgesamt sind es alles Kritikpunkte auf hohem Niveau. Wie zu Beginn geschrieben, ist es immer eine Frage der Erwartungshaltung. Es ist kein neues Dragon Age: Origins, aber es ist ein gutes RPG mit vielen Elementen, die sehr viel Spaß machen. Und als das sollte man es auch sehen. Einiges hätte besser gemacht werden können, einiges hat man schon besser gesehen, aber Spiders hat mit GreedFall eine wahre Freude für RPG-Fans entwickelt. Ein Spiel, das sich auf neue Pfade begibt und mit seiner Handlung Stellung bezieht. Computerspiele nehmen inzwischen einen so großen Marktanteil in der Medienbrache ein, dass sie gesellschaftlich immer größere Relevanz bekommen und sich dieser Rolle nicht länger entziehen sollten. Spiders macht es richtig und spricht mit diesem RPG eine große potentielle Fangemeinde an, die diese Geschichte spielen und damit verinnerlichen wird. Gerne mehr davon.

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Wertung
Pro und Kontra
  • Sehr gute Charakterentwicklung
  • Viele Entscheidungsmöglichkeiten
  • Interessante Handlung
  • Gelungenes deutsches Overlay
  • Recycelte Gebäudedesigns
  • Kein taktisches Kampfsystem
  • Story emotional nicht einnehmend

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 40, weniger als 100 Stunden



Kommentare(1)

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