Himmel und Hölle zum Dritten

Der Urvater des Action-RPG ging 2012 in die dritte Runde. Auch heute noch lohnenswert?

von TheVG am: 28.04.2019

Mit Himmel und Hölle ist es grundsätzlich so, dass es immer etwas Gutes und etwas Böses zu bewerten gibt. Situationen haben immer Vor- und Nachteile, Ideen und Inhalte mögen die einen lieben, die anderen nicht.

Sich diesem Yin-und-Yang-Prinzip bei „Diablo“ zu bedienen, erscheint vielen Fans als ein zum Himmel schreiender Frevel – ist der Mensch doch von subjektiven Eindrücken geleitet, und niemals wird etwas zu 100 Prozent Anklang finden. Zwar ist der Gottvater des Action-Rollenspiels das Maß aller Dinge im Genre, doch werden Hardcore-Strategen nur die Nase rümpfen, wenn ihnen das Spielprinzip zu öde erscheint. Alles im Leben ist Ansichtssache, und da macht auch die Marke aus der Hölle keine Ausnahme.

 

Gut gemeint

Es muss sich bei mir schon ein Wille einstellen, meine kostbare Zeit in ein Hack & Slay-Spiel zu investieren, und ich denke, Ihr könnt das in gewissem Maße nachvollziehen. Da ziehen schon mal dutzende Spielstunden ins Land, bevor man dem Höllenfürst den Garaus machen kann, und bis dahin stehen unserem Helden tausende Gegner im Weg.

„Diablo 3“ ist in dieser Hinsicht seinem Konzept treu geblieben und mit neuer Technologie vollgestopft, steht also auch in direkter Konkurrenz zu Titeln wie „Titan Quest“ oder „Torchlight“, die eindrucksvoll bewiesen, dass Klone mit neuem Anstrich nicht nur Ersatzbefriedigung sein müssen. Nach der langen Auszeit stand Blizzard also ein wenig unter Druck, seine Pionierleistung von einst zu untermauern. Dafür war dem Entwickler kein Aufwand zu groß, und so wird neben einer Story auch mit aufwändigen Renderfilmen gearbeitet, im Spiel selbst viel Drumherum-Brimborium aufgefahren, um den Kampf Himmel gegen Hölle entsprechend darzustellen. Schlachten werden nunmehr nicht nur erzählerisch zweckmäßig designt. Nimmt man denn den Blick vom Schlachtfeld weg, wird die Invasion auch auf anderen Ebenen sichtbar, wenn Kreaturen der Hölle gegen Engel kämpfen. Cooles Detail am Rande: diese visuellen Randnotizen können zusätzlich im Spiel Geltung finden, wenn etwa Monster die Wände hochklettern und uns hinterrücks attackieren.

Modenschau im Kloster - ein Mönch mit Rüstung und Waffen

 

Doch genug des Geplänkels am Rande, kommen wir mal zum eigentlichen Gameplay. Nach aktuellem Stand suchen wir uns eine von bis zu sieben Rassen aus, die ganz klassisch ihre Vorzüge und Spielweisen bieten. Vom Haudrauf-Barbaren über die Fallen legende Dämonenjägerin bis zum Totenbeschwörer (dieser erfordert einen Zukauf) kann man all die Effekte ausprobieren, die das Genre zu bieten hat. Aktive und passive Fertigkeiten lassen sich schnell über die Maus oder Tastaturkürzel anwählen, was auch bitter nötig ist, um den Gegnern Herr zu werden. Weiter stehen uns Begleiter zur Seite, die sich im Verlauf des Spiels zu uns gesellen. Die machen auch keine Gefangenen, sondern stürzen sich auf alles, was nach Höllenbrut riecht, sind also eine nützliche Bereicherung und verwickeln den Helden ab und zu sogar in kleine Gespräche.

Damit hat das Spiel ein Alleinstellungsmerkmal, das es schon mal von der Konkurrenz abhebt. Es reichte Blizzard nicht mehr, ein Introfilmchen abzuspulen und einige wenige NPCs ein paar Sätze sprechen zu lassen, sondern weitet konsequent den erzählerischen Rahmen über die gesamte Spielzeit aus, samt Nebenschauplätzen und Erzählsträngen, die wahlweise Hintergründe offenbart. Diese sind zwar nicht spielentscheidend, können aber für Wissensdurstige interessant sein.

Inhaltlich dagegen ist die Story trotz der Präsentation recht beliebig. Der ewige Kampf des Guten gegen das Böse wird hier bis zum Äußersten gestreckt und aufgebauscht; wirklich gehaltvoll ist das letztendlich nicht. Auch der ein oder andere Twist und der pompöse Anstrich können nicht kaschieren, dass es sich im Grunde eine sehr schlicht gestrickte Story handelt. Zumindest mir hat es später im Spiel schon mal einen Augenverdreher entlockt, wenn entweder mein Held oder die Höllenfürsten Parolen der Marke „ich werde den Gegner töten“ oder „ihr werdet alle sterben“ (Jörg Langer anyone?) skandieren. Ganz nüchtern betrachtet: Blizzard hat das schon besser hingekriegt, denke ich da an die grandiose „Warcraft 3“-Story. Und doch ist man froh, dass dieses Action-RPG mehr beinhaltet als die anderen Vertreter des Genres, auch wenn mir da ein bitterer Beigeschmack bleibt und „Diablo 3“ auch nicht den Anspruch mit Löffeln gefressen hat.

 

Schaun mer mal

Apropos löffeln... Verzeihung, Leveln.

Das Spiel gibt uns neben unzähligen Gegnerhorden die Möglichkeit, uns in den Fertigkeiten zu probieren. Ich habe meinen ersten Durchlauf mit einem Mönch gespielt, der anderswo Kampfmagier genannt würde und sozusagen eine Konsensfigur für diejenigen darstellt, die Barbaren zu plump-aggressiv und Magier zu anfällig finden mögen. Im Grunde ist es egal, wie Ihr die Monster niederringen möchtet, „Diablo 3“ ist in dieser Hinsicht gut ausbalanciert.

Mein Mönch ist ein guter Nahkämpfer, der auch mit langsamen Zweihandwaffen ordentlich Rabatz machen kann. Gebe ich ihm eine davon in die Hand, mäht er Gegnergruppen im Umkreis gnadenlos nieder, mit kleinen Klingen und Äxten geht es eben fokussierter zur Sache. Seine Geisteskraft ist dagegen der Zauberpart, mit welcher man Spezialangriffe ausführen oder sich passiv schützen kann. Die Skills werden nach und nach freigeschaltet, es sind aber auch nicht so viele, dass man letztlich nicht wüsste, was man auswählen soll. Mein Geistlicher etwa hat wie jede Klasse zwei aktive Skills, die den normalen Kampf sowie eine Spezialfertigkeit zur Verfügung stellen, und die Effekte sind deutlich spürbar. Die „lähmende Woge“ verursacht Flächenschaden und verlangsamt die Gegner, „Donnerfäuste“ hingegen teleportiert mich direkt zum Gegner und verteilt Blitzschaden.

Probierstube: Schmiede, Mystiker und Diamantennerds helfen beim Herstellen und Modifizieren

 

Sieht man sich Elite- oder Bossgegnern oder gleich vielen davon entgegen, kann ich mit einem sekundären Skill zusätzlich einheizen. Dazu benötige ich Geisteskraft, die ich mit normalen erfolgreichen Schlägen auflade. Bis zu sechs weitere Skills sind über die Nummerntasten anwählbar, bis zu vier passive Skills lassen sich ebenfalls mit individuellen Effekten belegen. Noch dazu verstärken Runen die jeweiligen Fertigkeiten, so dass wir auch hier keine Langeweile verspüren sollten. Jede Klasse hat so ihre Eigenarten, da lädt das Spiel dazu ein, Mäuschen zu spielen. Blizzard hat uns dafür einen riesigen Spielplatz gebaut, und wir dürfen uns überall austoben, und letztlich sind Belohnungen noch und nöcher die Karotte vor unserer Nase, so dass man schnell wieder Stunden mit Kloppen, Leveln und Erkunden verschwendet hat.

 

Gefühlt viel

In seiner Gesamtheit sollte man von „Diablo 3“ genauso wenig viel erwarten wie von anderen Hack & Slays. Der Titel bedient trotz der Story genau dieselben Bedürfnisse eines Jägers und Sammlers, geizt nicht mit Goldgeschenken und Ausrüstungsgegenständen. Bei Händlern verscherbeln wir Unnützes, finden Rüstungen und Diamanten, verbinden oder verzaubern diese bei der Mystikerin oder lassen uns vom Schmied - die übrigens alle ebenfalls gegen Goldbeträge auflevelbar sind - Waffen anfertigen. Auch hier ist es eine gefühlt perfekte Balance, die uns dazu motiviert, den Helferlein entweder großflächig oder gezielt Ränge zu erkaufen.

Items sind in bekannter Weise von verschiedener Qualität. Es gibt gewöhnliche, magische, seltene und auch legendäre Items, mit Glück sammelt man auch ganze Sets davon. Die Sammelwut wurde sogar etwas heruntergefahren, da ich nicht den Drang verspürte, wirklich jeden Kram mit mir zu schleppen und zu verhökern. Lieber widme ich mich den Dungeons, in denen Elitegegner und rappelvolle Truhen warten, um das ein oder andere Goodie zu finden. Die Spielwelt selbst hat also viel zu bieten, die Abschnitte und Ebenen jedoch hat Blizzard nicht allzu komplex gestaltet, was Unermüdliche vielleicht etwas schade finden mögen.

Ein normaler Tag im Leben eines Hack&Slayers - Blut und Loot

 

Mir persönlich hat die Größe gereicht, und wenn man im Hauptgeschäft weiterkommen möchte, muss man nicht unbedingt alle kleinen Läden abklappern. In dieser Hinsicht hat der Entwickler ein gutes Maß gefunden. Was ich ein wenig bedauerlich finde, ist die Affinität, die Zugänglichkeit zu erhöhen. Die ersten beiden Teile waren teils noch bockschwer, und da gab es keinerlei Kompromisse. Auf „normal“ zu spielen heißt in diesem Fall Sonntagsspaziergang, zum Glück kann man jederzeit den Schwierigkeitsgrad einstellen. Nun hat man ein Herz für Anfänger, was per se nichts Schlechtes ist, aber hat gerade die „Diablo“-Marke durch einen gewissen Anspruch ihren Ruf erworben. In diesem Punkt breit gefächert zu sein ist zwar sympathisch, gleichzeitig jedoch auch typisch für die heutige Zeit, was ich im Allgemeinen etwas skeptisch betrachte.

 

Mehr vom Gleichen

Yin und Yang - „Diablo 3“ ist schlicht gesagt der Inbegriff des Balanceprinzips. Man hat so viel Spaß am Spiel und hackt und schlachtet sich mit Wonne durch die Massen, und die Zwischensequenzen werten die Hölleninvasion gehörig auf. Blizzard hat also seine Hausaufgaben gemacht und kann mit Fug und Recht immer noch als Referenz in einem Genre angesehen werden, das es mal entscheidend mitgeprägt hatte.

Doch bleibt so ein wenig die Erkenntnis haften, dass auch diese Referenz keine neuen Wege gegangen ist und im Grunde nur die Klientel bedient, die sich noch keinen Wolf geschnetzelt hat. Bei all dem effektvollen Bildschirmgewusel muss man wohl konstatieren, dass sich das Genre an einem Scheideweg befindet, auch weil die Konkurrenz nach der langen Abstinenz nicht geschlafen hat und das Hack&Slay vorher schon sinnvoll erweitert hat, und Blizzard lediglich mit Design und Heldenkult versuchte zu punkten. Das ist zwar Meckern auf sehr hohem Niveau, aber bleibt doch der Eindruck hängen, dass das Spiel nur eines von vielen ist, ohne wirklich innovativ zu sein. Klar – lieber gut geklaut als schlecht selbst erfunden, jedoch ist es nur ein weiterer Beitrag zur Übersättigung. Letztlich bleibt es dem Spieltrieb eines jedes einzelnen überlassen, ob er damit klarkommt oder sich Langeweile einstellt.

 

Bildquelle: mobygames.com

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Wertung
Pro und Kontra
  • Stimmungsvolle Grafik
  • Nebenereignisse in der Spielwelt
  • Coole Soundkulisse
  • Dynamischer und epischer Soundtrack
  • Bedient alle Genrestandards der Spielmechanik
  • Viele Schwierigkeitsgrade
  • Nebengeschichten
  • Story zu oberflächlich
  • Keine wirklichen Neuerungen
  • Fordert grundsätzlich zu wenig
  • Gefühlte Abwechslung

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 40, weniger als 100 Stunden



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