Im Norden viel Neues

Geralts zweites Spieleabenteuer wurde technisch stark überarbeitet. Das ist hervorragend, wenn auch ein paar Macken nicht angerührt wurden.

von TheVG am: 26.04.2020

Es geht weiter mit meiner persönlichen Spätodyssee durch die Welt der Königreiche. Nachdem ich mit Geralt von Riva durch Temerien streifte und mich vorrangig mit dem Menüdesign herumschlagen musste, atmete ich zunächst tief durch. Es lässt sich nicht vermeiden, die Mechanik und andere technische Aspekte zu rügen, was dazu führt, den Auftakttitel nicht uneingeschränkt genießen zu können. Das Mausgefummel hat mir streckenweise den letzten Nerv geraubt – Zeit also, nach Abschluss schnell einen Schlussstrich zu ziehen und Assassin of Kings zu spielen, denn dort scheint die Welt etwas rosiger auszusehen.

Teil 2 ist nun nicht mehr ein modulares und sperriges Pendant zu Rollenspielen wie Dragon Age oder eben der eigene Vorgänger, sondern spielte sich weitaus freier und dynamischer. Eine sehr gute Voraussetzung also, alte Macken hinter sich zu lassen und das Spiel etwas zeitgemäßer zu präsentieren – und doch behielt sich CD Projekt Red vor, ein paar Mechaniken aus dem Vorgänger zu übernehmen. Gleichzeitig hatten sie die Konsolensparte ebenso im Blickfeld. Ihr wisst schon, was das bedeutet: gerade die Steuerung wurde vorrangig für die Generation Couchgamer konzipiert, was sich letztlich auch auf die PC-Version niederschlug. Im Prinzip also wieder eine Stolperfalle, die in die Hose gehen konnte... doch wie schlimm war es im Nachhinein darum bestellt? Ich wetzte also wieder die Messer und führte den Hexer weiter in die nördlichen Gefilde, wo ein Königsmörder sein Unwesen treibt.

Selbst ist der Spieler

Und der wendige, benarbte Kampfkoloss ist eine wirklich fiese Möpp. Im Introfilm schnetzelt er sich in Zeitlupe scheinbar mühelos durch eine komplette Schiffsbesatzung und macht König Demaved eiskalt einen Kopf kürzer. Danach ein harter Cut, und wir finden den Hexer in Fesseln wieder, wo er seinem einstigen Kumpan Vernon Roche Vergangenes schildert bzw. uns den Prolog einleitet. Darin erlernen wir die Spielmechanik und bekommen den entscheidenden Kreuzverweis auf den Königsmörder und Geralt selbst.

Ich bin sofort Feuer und Flamme, wie das Spiel uns auf die Mechanik und gleichzeitig die Story einstimmt, wobei zweites umgehend in die Vollen geht. Geralt wird des Königsmordes beschuldigt und muss sich vom Verdacht reinwaschen, die Rückblenden erzählen von einer Burgbestürmung. Grundsätzlich unterscheidet sich das nicht mal vom Vorgänger, doch macht diese Einführung ungleich mehr Spaß. Zwischen den nun dynamischeren Cutscenes erlernen wir nun die neue Mechanik nach und nach kennen – um dann festzustellen, dass sich CD Projekt schon wieder um eine fundierte, parallele Tutorialgestaltung herumdrückte. Wie schon zuvor fehlten mir einige Hinweise zur Steuerung und dem Menüdesign, also musste ich umständlich die Tastenbelegung im Startmenü pauken und herumprobieren, wobei ein separates (nachträglich implementiertes) Tutorial angeflanscht wurde, das bei meinem Durchgang nicht richtig funktionierte. Oh-oh, das geht ja schon gut los... aber: weitere Ausfälle gibt es im weiteren Spielverlauf nicht zu vermelden, so viel schon mal vorweg.

Der Kampf gegen diesen monströsen Kayran ist zwar anspruchsvoll, aber nicht frustig

Dass die Menüs nun aufgeräumter aussehen, fällt ebenso gleich auf, wurde aber bedienungstechnisch weitgehend beibehalten, so dass ich nach dem Durchspielen von Geralts erstem Abenteuer nicht ganz allein auf weiter Flur stand. Lediglich in Bewegung und Kampf müsst Ihr euch komplett umstellen. Anstatt mit der Maus umständlich Bereiche anzuklicken, könnt Ihr nun mit der obligatorischen 3rd-Person-Steuerung frei umherlaufen. Beim Säbelrasseln kommt dann der Konsolenfaktor zum Tragen, der jedoch auch mit Maus und Tastatur sehr gut umgesetzt wurde. Es kann nur bei Blocks oder dem Einsatz von Bomben ein wenig fummelig werden, was letztlich weniger tragisch ist. Wichtig ist, dass die actionlastigere Interpretation der Kämpfe weder zu statisch noch zu chaotisch erscheinen, denn bringt es meist nichts, nur sinnlos auf der Angriffstaste herumzuhämmern. Man sollte dabei schon noch seinen Kopf benutzen, denn hat jede Aktion verschiedene Auswirkungen. Da wäre das Abrollen zu erwähnen, das sich als gute Methode entpuppt, wenn es mal brenzlig wird - so kann man sich schnell aus einem Pulk befreien und zur nächsten Attacke ansetzen. Die schon bekannten schnellen und schweren Schwerthiebe sowie die Effekte auf einen bestimmten Gegnertypen sind ebenfalls berücksichtigt, lassen sich hier nun direkter anwenden. Selbst die timebaren Klickfolgen wurden involviert, die sich ebenfalls viel dynamischer anfühlen. Man kann sich mit entsprechendem Training und später als hochgelevelter Ungeheuerjäger in einen wahren Rausch schnetzeln, bestes Beispiel ist die Zwergenstadt Vergen, wo wir gegen eine ganze Armee von Soldaten bestehen müssen. Die erscheinen nämlich so lange, bis man die nächste Quest abschließt, und ich erwischte mich dabei, dass ich geschlagene zwanzig Minuten mit Inbrunst auf die gegnerischen Soldaten eindrosch...

Deine Wahl war... anders

Dass diese Sequenz keinerlei Konsequenz für den weiteren Storyverlauf bedeutet, war mir in dem Moment irgendwie recht gekommen – gibt es doch erneut so viele Entscheidungen zu treffen. Hierbei gefiel mir wieder sehr gut, wie die Buchvorlagen und die Charakterzeichnung Geralts in die Geschichte eingeflochten worden sind und der eigentlich neutrale Hexer ein um´s andere Mal mit Richtungsentscheidungen konfrontiert wird. Die LMAA-Methode wird an Schlüsselstellen nicht möglich sein, wäre auch sinnlos für die weiteren Geschehnisse gewesen. Und bald erahnen wir, dass sich da was Großes, Wichtiges entspinnt, dem der Hexer einfach nicht entfliehen kann.

Das wird wieder schön episch, sarkastisch und fast schon kumpelhaft vorgetragen, dass ich mich über jeden Schnipsel freue, der die Story weitererzählt. Die verzweigten Wege, die mit unseren Entscheidungen einhergehen, laden sogleich für einen weiteren Durchgang ein, das passt auch gut zur Gestaltung der Geschichte, wo Alltagsrassismus und politische Intrigen eine tragende Rolle spielen. Soll man sich etwa dem rebellischen Elfen Iorweth anschließen oder ihn doch bekämpfen? Das wird sich ohnehin auswirken und den weiteren Verlauf beeinflussen, der Wiederspielwert ist somit gesichert.

Geralt wird wieder in allerlei interessante Geschichten verstrickt - hier im Gespräch mit einem Golem

Natürlich können wir uns weiteren Nebenquests widmen und bereichern somit unser Gesamterlebnis. Das Questdesign ist dabei erneut auf hohem Niveau angesiedelt, so unterhält jede noch so banal scheinende Aufgabe. Und wer immer noch nicht genug von Aufgaben hat, der kann sich ja im Würfelpoker oder Faustkampf noch einen Namen machen. Auch in diesen Punkten bemerkt man schnell die Weiterentwicklung zum Vorgänger, wobei die Quick-Time-Momente nicht unbedingt den Anspruch spürbar heben würden. Der Erzählstil wirkt zwar gestraffter, die Zwischensequenzen etwas filmischer, aber immer noch unverkennbar, etwa das generische Abspielen von Gesten, was manchmal zum Gezeigten unpassend wirkt, die Kameraperspektive ist mitunter ungünstig, abhängig von der Umschaltung in den Dialogmodus, so dass sich NPCs auch mal mit einem Holzbalken unterhalten.

Mehr Welt, mehr Farbe

Kritikpunkte wie die der Inszenierung kann man der Welt nicht vorwerfen. Geralt ist zwar an bestimmte Gebiete gebunden, doch verzweigen sich die Wege derart, dass Abwechslung garantiert ist. Die Kapitel katapultieren den Hexer und seine Begleiter in ständig neue Bereiche, die sich in keinster Weise gleichen. Nach dem Prolog verschlägt es Geralt ins sumpfige Flotsam, anschließend nach Vergen, wo ganz Zwergen-like Berge, Minen und Felsen das Landschaftsbild prägen, und erkunden schließlich die Stadt Loc Muinne, die wohl schon bessere Tage gesehen hat, aber mit ihrem verfallenen Charme immer noch adrett anzusehen ist.

Grafisch schaut das richtig schön aus – mit Abstrichen. Mir ist das Spiel zu sehr in den Farbtopf gefallen und zu konstrastreich beleuchtet. Es gibt Momente und Gegenden, bei denen ich mal kurz inne halten möchte, woanders bedauerte ich jedoch den über-kolorierten Anstrich. Da hatte das Spiel 2011 gewichtige Konkurrenz gegen sich – und gerät im Gesamteindruck leider gegen Grafikmonster wie Skyrim oder Crysis 2 ins Hintertreffen. Auch gegen sich selbst muss sich The Witcher 2 in einem Punkt geschlagen geben, da die Spielwelt weniger dreckig erscheint, egal ob wir nun in Ruinen, Stollen oder Sümpfen auf Ungeheuerhatz gehen. Das hatte Teil 1 besser dargestellt, da ist die plötzliche Buntheit fast schon kontraproduktiv.

Soundmäßig hat man dagegen viel Neues kreiert und fährt gut damit. Wenn auch die Umgebungskulisse in den Hintergrund tritt, fügt sich die Audiobank unaufgeregt ins Gezeigte ein, im Grunde ein gutes Zeichen, da man wegen etwaiger Nervtöter nicht abgelenkt wird. Der Soundtrack geht auch schnell ins Ohr und bleibt klammheimlich da drin, wirkt im Gegensatz zur Grafik sogar bescheiden. Nur bei den Sprechern schwankt die Qualität wieder mal. Während Geralt noch uneingeschränkt gut vertont wurde, sind Nebenfiguren und NPCs nicht immer als gelungen zu bezeichnen – eine Sache, die schon im Vorgänger für ein wechselhaftes Hörvergnügen sorgten.

Zwischen den Stühlen

Ebenfalls noch wechselhaft, aber viel besser gestaltet wurden die Menüs (um das noch mal aufzugreifen), die zwar immer noch ein paar Eigenheiten aus Teil 1 übernommen haben (das Weglegen der Gegenstände über die Schaltfläche finde ich unnötig), nun aber aufgeräumter und übersichtlicher angeordnet und besser bedienbar ist. Dafür befremdet nun der ein oder andere Button leicht, etwa wenn man etwa erst die Umgewöhnung des Meditationsmodus verinnerlichen muss. Der Skilltree ist nun anders gestaltet – auch noch nicht das Gelbe vom Ei, das ist Meckern auf deutlich höherem Niveau. Ich möchte dem Nachfolger zugute halten, dass die Menügestaltung nun etwas besser bei mir ankommt, wobei mir noch der letzte Schliff fehlt.

Loc Muinne - Ruinenhaft, aber geschäftig und charmant

Das kann ich gerne auf das ganze Spiel transportieren. Dieses Spiel ist eine deutliche Weiterentwicklung, macht vieles besser, ist zugänglicher und gestraffter aufgezogen worden. Nach heutigem Maßstab fehlt mir noch die Kirsche auf dem Sahnehäubchen, die das Spiel uneingeschränkt empfehlbar machen. So muss es nach meinem Empfinden ein bisschen mit dem Status leben, gegenüber seinem eigenen Nachfolger als Zwischenstation betrachtet zu werden. Es ist weiß Gott kein schlechtes Spiel und deutlich besser als noch der erste Teil. Aber nachdem Wild Hunt alle Erwartungen gesprengt hatte, wird es wohl seinen Status als Lückenfüller wohl nicht mehr ganz abschütteln können.

Jetzt habe ich meinen Senf hier abgegeben, viel mehr Aufwand bin ich auch nicht mehr gewillt, in diesen Testbericht zu stecken.

Damit endet auch mein zweiter, erster Exkurs in die Witcher-Welt. Also mein erstes Mal Witcher 2... na, ihr wisst schon, was ich sagen will.

Was mir nach dem Durchgang auffällt, ist der Nachhaltigkeitseffekt. Geralt von Riva wächst mir langsam, aber sicher so richtig ans Herz. Ich lasse jetzt einfach mal die technischen Details der Spiele sausen, ergötze mich an den vielen, liebevoll geschriebenen Geschichten, setze mich mit der Moral auseinander. Dann ergibt sich mir ein sehr differenziertes Bild darüber, das nicht mal GoT zu vermitteln vermag. Der Hexer ist der Dreh- und Angelpunkt in einer Kaskade von Ereignissen, und selbst wenn er am liebsten alles hinter sich lassen und ein selbstbestimmtes Leben führen würde, wird er ständig in Konflikte einbezogen. Und das hat Assassin of Kings sehr gut transportieren können.

Ich freue mich schon diebisch auf Teil 3. Und da erwartet mich wohl so einiges...

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Wertung
Pro und Kontra
  • Deutlich verbessertes Grafikgerüst
  • Gut inszenierte Cutscenes
  • Angenehme Soundkulisse
  • Toller Soundtrack
  • Wieder viele und interessante Quests
  • Spürbare Story-Konsequenzen
  • Ordentlicher Umfang
  • Vielseitige Spielwelt
  • Aufgeräumteres Menüdesign
  • Steuerung erheblich verbessert und intuitiver
  • Trotz Konsolenfokus gut am PC spielbar
  • Teils zu sehr in den Farbtopf gefallen
  • Alte Menümacken wurden übernommen
  • Selten KI-Probleme

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 20, weniger als 40 Stunden



Kommentare(3)

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