Lara Croft dreht eine Ehrenrunde

Das Remake aus 2007 zum Jubiläum des Originalspiels von 1996 ist überraschend gut, spielerisch anspruchsvoll und auf jeden Fall einen Blick wert.

von Threepwoodfan am: 13.12.2019

Remakes sind oft einfach Mist!

Es ist zum Einen eine Bankrotterklärung der Kreativität."Ja fällt denen denn nichts Neues ein?" Zum Anderen lässt die Nostalgie zurückliegende Ereignisse in unserer Erinnerung oft besser erscheinen, als sie tatsächlich waren, so dass diese Neufassungen es schwer haben, das Gefühl von damals wieder einzufangen und deshalb oft mit einem "kommt nicht an die Qualität des Originals heran" beurteilt werden.

Außerdem war sowieso "früher alles besser". Und Omma hatte immer gesagt : "Wieder aufgewärmt schmeckt nur Gulasch."

Abseits dieser -natürlich nicht ganz ernst gemeinten- Klischees, ist ein Remake manchmal schon sinnvoll, zum Beispiel, wenn das Original nicht mehr ohne Weiteres verfügbar ist oder es technisch einfach deutlich überholt ist.

So sah Lara damals aus. Das Mosaik hinter ihr ist übrigens eine Felswand.

Dies trifft auf das originale Tomb Raider von Ende 1996 durchaus zu: es handelt sich um ein MS-DOS-Spiel, welches heute unter Windows nicht mehr ohne Weiteres zum Laufen zu bewegen ist und die pixelige Würfelwelt von damals wirkt heutzutage natürlich antik und wenig einladend.

Daher war die ursprüngliche Idee der Lara Croft-Erfinder von Core Design, nach etwas über 10 Jahren ein Remake von Tomb Raider zu erschaffen, schon nachvollziehbar. Eidos als Publisher gefiel die Idee zwar, sie wollten dieses Spiel dann aber doch lieber von Crystal Dynamics produzieren lassen, dem Studio, welches für sie nach Core Designs Angel of Darkness-Flop, bereits mit dem durchaus erfolgreichen Tomb Raider Legend die Marke wiederbelebte.

Zugegeben, nachdem ich vom spielerisch für mich eher enttäuschenden Tomb Raider Legend, einem Grafikblender Marke "Tomb Raider light...hübsch, anspruchslos und schnell durchgespielt"...nicht begeistert war, hatte ich eigentlich kein Verlangen, nun Crystal Dynamics Nachfolgetitel Tomb Raider Anniversary auszuprobieren.

Aber natürlich war es interessant, den Klassiker von 1996 in aktuellerer Grafikpracht zu sehen und laut Hersteller sollte dieses Spiel kein 1:1 Remake sein, sondern eher eine Neuinterpretation der Story um Lara auf der Suche nach dem Scion von Atlantis. Viele Schauplätze sind ähnlich und wiederzuerkennen, vieles ist aber auch neu und das Gameplay deutlich moderner.

Als ich im ersten Level, welcher tatsächlich sehr vetraut wirkte und grafisch überzeugte, dann zum erstem Mal auf eine dieser Gameplay-Änderungen namens "Adrenalin Move" stieß, einer Zeitlupen-Ausweich-Kopfschuss-Aktion, welche, wie ich fand, in einem Tomb Raider Spiel völlig deplatziert wirkte, war es mit der Begeisterung über dieses Spiel auch schnell wieder vorbei.

"Was ist das denn für ein Murks?"uninstall...

Jahre später hab ich nun doch noch ins Spiel reingeschaut und nachdem ich es jetzt durchgespielt habe, kann ich sagen...ich lag falsch.

Lara kann sich sehen lassen, die Grafikabteilung überzeugt auch diesmal wieder

Story

Abenteuerin Lara Croft wird von einer Industrie-Chefin beauftragt, das Scion, ein seltenes Artefakt aus Atlantis, zu finden. Da bereits Laras Vater früher genau nach diesem Relikt suchte, sagt sie interessiert zu. Die Auftraggeberin setzt allerdings zeitgleich noch weitere Schatzsucher auf das mächtige Artefakt an, welche außerdem sicherstellen sollen, dass Lara nicht zuviel darüber herausfindet.

Das reichte 1996 als Grundlage, um zu rechtfertigen, warum Lara Croft sich durch jede Menge toller Level hangelt, klettert, hüpft und schießt und auch 2007...genau wie heute...ist das als Aufhänger für eine Jagd durch Peru, Griechenland und Ägypten völlig ausreichend.

Bewährte Technik

Die Engine von "Tomb Raider Legend" bildet auch in "Anniversary" die Grundlage, grafisch ist es ein, für das Erscheinungsjahr 2007, gutes Spiel. Die im Original zweckmäßige Klötzchengrafik von damals wird von zeitgemäßen Bildschirmauflösungen abgelöst und natürlich um Antialiasing und Breitbildmodus ergänzt.

Allerdings fehlen diesmal die so genannten Next-Gen-Grafikeffekte aus dem direkten Vorgängerspiel. Anniversary begnügt sich mit dem Standardgrafik-Modus aus Legend, welcher aber völlig ausreicht und dafür wohl auf jedem heutigen PC in guter Geschwindigkeit gespielt werden kann. Sowohl Lara als auch ihre Gegner sind alle klasse animiert, da ruckelt nichts. Das Spiel setzt seine teilweise ziemlich großen Level mit durchaus brauchbaren Partikel- und Beleuchtungseffekten klasse in Szene. Der Tiefenschärfen-Überbelichtungs-Effekt sorgt immer wieder für tolle Bilder, wenn Lara zum Beispiel aus einem dunklen Gang zurück an in Tageslicht getränkte, freie Flächen kommt.

Nach langer Zeit im Schatten endlich wieder etwas Sonnenschein. War das Outfit also doch passend gewählt.

Die Sounduntermalung ist stimming, die dramatischen Musikstücke bei Gefechten mit Gegnern sind passend. Die Lokalisation hat die vom Vorgänger gewohnte, gute Qualität.

Die Steuerung ist frei belegbar, das Spiel lässt sich gut mit Maus und Tastatur durchspielen. Für Tomb Raider Puristen von früher, gibt es nicht nur eine Rückkehr zum Drehmenü im Inventar, auch kann nun bei Bedarf das automatische Festhalten an Kanten aus "Legend" wieder abgeschaltet werden, um wie damals im alten Spiel, die Figur direkter zu steuern. Genauso lässt sich die automatische Zielerfassung der Waffen den Wünschen anpassen.

Bei Lara zuhause ist jetzt auch die Gartensaison eröffnet. Und falls in England die Sonne ausnahmsweise einmal nicht scheint, kann man die Sonnenuhr immer noch zu einem modernen Grill umbauen.

Croft Manor

War, meiner Meinung nach, der als Tutorial angelegte, zusätzliche Trainingslevel in Laras Zuhause in Legend tatsächlich noch das spielerisch anspruchsvollste Highlight des gesamten Spiels, ist es hier in Anniversary qualitativ nicht anders. Mit dem Unterschied, dass in Anniversary im eigentlichen Spiel noch viele weitere Highlights folgen.

Eine kurze Suche nach Artefakten, bei der (fast) alle im Spiel benötigten Abläufe erklärt werden. Selbstverständlich stehen in diesem Remake im Foyer wie damals jede Menge Transportkisten aufgestapelt herum. Neu hinzugekommen ist der Zugang zum Garten des Hauses, komplett mit Hecken-Labyrinth. Später kann man in einem Austellungsraum die im Spiel gefundenen Relikte in Vitrinen bewundern. Guter Einstieg, sehr empfehlenswert, allein schon, um Laras neue Bewegungen kennenzulernen.

Eine spaßige Neuerung...der Mauerlauf ermöglicht neue Wege und trainiert gleichzeitig noch Laras seitliche Bauchmuskeln, daher die schlanke Taille.

Gameplay

Als jemand, der einige Gameplayentscheidungen, vor allem den zu geringen Schwierigkeitsgrad und die Vereinfachungen/Automatisierungen der Bewegungen in Tomb Raider Legend klar kritisierte, kann ich hier Entwarnung geben. Tomb Raider Anniversary ist überraschenderweise deutlich näher an einem klassischen Tomb Raider, als sein Vorgänger Legend.

Natürlich, das Grundgerüst ist identisch, das bedeutet, auch hier kann Lara im Vergleich mit den akrobatischen Weitsprüngen von früher nur kurze Hüpfer bewerkstelligen.

Aber offensichtlich hat Crystal Dynamics auf die Kritik der Fans gehört und einen anderweitigen Ersatz eingeführt: den Mauerlauf.

Konnte Lara im Vorgänger mit ihrem Metallgreifhaken am Seil zwar Dinge zu sich heranziehen und sich auch damit an Haken über Abgünde schwingen, was immer noch funktioniert, kann sie sich nun zusätzlich an einen Haken, der seitlich an einer Wand angebracht ist, einklinken und darunter an der Wand entlang laufen. Das funktioniert prima und ermöglicht deutlich weitere, anspruchsvollere Spünge: Auch ist die Laufgeschwindigkeit und die Länge des Seils, an dem Lara hängt, für den Ausgang dieser Mauerläufe entscheidend. Diese sehr gute Ergänzung macht einfach Spaß! In Kombination mit Laras bekannten Qualitäten im Hüpfen, Hangeln und an der Reck-Stange  ergeben sich diesmal tatsächlich einige Sprungherausforderungen, die eines Tomb Raider würdig sind.