Leserrezension eines besorgten Witcher-Fans

Ich liebe das Witcher-Franchise. Ich habe jedes Buch gelesen und jedes Spiel gespielt – und dies nicht nur einmal. Es gibt kein Spiele Franchise welches...

von RAZzERMAUS am: 10.06.2018

Ich liebe das Witcher-Franchise. Ich habe jedes Buch gelesen und jedes Spiel gespielt – und dies nicht nur einmal. Es gibt kein Spiele Franchise welches mir soviel bedeutet und kaum eine Buchreihe zu der ich eine solch enge Bindung habe. Meine Erwartungen damals vor drei Jahren waren riesig. Ich will ehrlich sein: Ich hatte keine großen Erwartungen an die OPW des Spiels. Was mir wichtig war eine Fortsetzung des Buches „Die Dame vom See“. Genau dies wurde mir im „Sword of Destiny – Trailer“ versprochen. Die Stärken der Serie die ich erwartete: Atmosphäre, Alchemie, schwarzer Humor, Zynismus und writing. Am Ende war das Spiel ein überaus politiertes meisterhaft entwickeltes Spiel, welches allerdings genau in einem scheiterte: Die Geschichte von Cirilla Fionna Ellen Riannon fortzuführen oder gar nachzuerzählen. Nun nach drei Jahren und 250 Stunden The Witcher 3 komme ich zurück und werde eine neue Review schreiben, da ich mit der zur Release geschriebenen in vielem nicht mehr zustimmen kann. Ich werde hier nicht auf die beiden herausragenden Addons eingehen (diese wertet die GOTY-Version um die 2 Punkte auf - das gesamt Produkt ist echt unschlagbar. Das heißt das basis Spiel bekommt "nur" eine 88). Auch wird diese Review nicht sonderlich tief in viele Mechaniken etc. gehen da ich annehme, dass die meisten dieses Spiel bereits hinter sich haben. Der Fokus wird auf The Witcher 3 als Fortsetzung der Buchreihe liegen.

 

 

Das Beste Gameplay des Franchises

CD Projekt war nie für ein herausragendes Gameplay bekannt und in diesem Punkt haben sie sich zumindestens verbessert. Das Gameplay ist fast-paced, basiert auf ausweichen, schlagen, ausweichen. Kleinere Attacken erfordern den Seitwärtsschritt, größere die Rolle. Zeichen sind nützlich auch wenn Quen mal wieder deutlich besser ist als alle anderen. Alles in allem ein solides Kampfsystem, aber es gibt einen Haken: Ausweichen oder auch schlagen verbraucht keine Stamina. Durch das spammen der ALT-Taste wird man praktisch unverwundbar … dieser Umstand macht das Spiel zu leicht. Auch wenn das Gameplay funktioniert und irgendwo auch Spaß macht fehlt es eindeutig an Abwechslung und Tiefe. Damit kommen wir zu den RPG-Mechaniken.

 

Übersichtlich, sinnvoll, seicht

Die Alchemie wurde von The Witcher 1 bis 3 immer schlechter. The Witcher 3 hat ein nützliches Alchemie-system, allerdings keines, welches Alchemie in den Vordergrund stellt. Hauptgrund dafür ist der Auto-refill von schon bekannten Tränken.

Das Charakter-System ist zweckmäßig. Genau hier hätte man dem Gameplay Abwechslung geben können. Des Hexers Problem ist, dass er eine Lore hat welche ihm vorschreibt wie er zu kämpfen hat. Dennoch hätte es Spielraum gegeben, der leider nicht genutzt wurde. Ich nenne hier einige Beispiele: Aktive Attacken, Kampfstile, Schwertklassen mit unterschiedlichen Move-sets, das kreative kombinieren von Zeichen (Igni auf den Boden, Aard löst einen Feuersturm aus) oder von Zeichen mit Schwertattacken und so weiter.

 

Hexer-Sinne und Atemberaubende Präsentation

Ich kenne kein einziges OPW-Spiel mit einer Quest Qualität auf diesem Niveau. Kein Spiel hat Side-Quest bei denen man sich andauerend fragt: Ist das jetzt Hauptquest? Alle fügen sich in die Welt ein, fordern Entscheidungen, sind durchgehend interessant und bestens inszeniert. Dialoge sehen wie Cutscenes aus, das writing trifft den Nagel auf den Kopf und die Vertonung ist erste Klasse.

Den Kompromiss zwischen eindeutigem Questmarker und simpler Textbeschreibung finde ich gelungen. Die Hexersinne fügen sich in Lore und Gameplay nahtlos ein. Doch es gibt ein Problem: Die Entscheidungen werden nicht in der OPW reflektiert was den guten Eindruck stark mindert.

 

Eine der schönsten Kulissen die ich jemals gesehen habe

Die Welt des Hexers sieht atemberaubend aus und fesselt einen mit ihrem Charm, aber sie ist und bleibt eine Kulisse. Sie wird kaum vom Spieler beeinflusst, ist im Vergleich zu anderen OPW-Titeln recht statisch und folgt der Ubisoft-Formel. Das heißt Erkundung abseits markierter Orte fällt flach. Alles verläuft auf vorgegebenen Bahnen und das was dazwischen liegt dient lediglich der Immersion.

Die Welt sollte die Entscheidungen reflektieren, welcher der Spieler im Verlauf des Spiels trifft. Genau darin scheitert sie neben dem Erkundungs-faktor. Auch war sie mir in Velen nicht düster genug. Die Auswirkungen des Krieges sind nur eine Nebensache und hätten viel stärker ausgearbeitet werden können. Der OST ist erste Klasse. Er ist frisch, neuartig, atmosphärisch und absolut mitreißend – mein Dank geht an die polnische Band Parzival!

 

Emotional rührend und einzigartiger Fanservice

Auf einer persönlichen emotionalen Ebene brilliert Wild Hunt. Die Charaktere wurden Franchise getreu wiedergegeben – größtenteils. Die Geschichte fesselt und erfüllt jedes Hexer-Herz mit Freude und Leidenschaft.

Dazu kommt der politische Aspekt, welcher vor allem aufgrund der fehlenden Konsequenzen in der Welt etwas flachfällt, dennoch spannend ist. Doch den größten Schnitzer erlaubt sich das Spiel in der Geschichte des Älteren Blutes. Das Spiel verfehlt den Kern der Bücher. Das Spiel ist Fanservice-himmel, allerdings opfert es jegliche tiefe der Bücher für 30 Stunden NPC-Suche.

 

Der Heilige Gral (SPOILER: BAND 7 "Die Dame vom See")

Für die meisten werden jetzt einige Fragezeichen auftauchen. Was hat die König Arthus Saga mit dem Hexer zutun und warum ist sie essentiell? Nun als erstes werde ich Belegen, dass sie es ist, dann werde ich darauf eingehen warum das Fehlen dieser Interpretation ein großer Verlust für den 3. Teil der Witcher-Reihe ist.

Andrzej Sapkowski liebt Analogien. Seine Bücher sind voll von ihnen. Slavische Mythologie, Judenpogrome und vieles weiteres. Auch liebt Sapkowski die König Arthus Sagen.

Das zentrale Thema der Roman-Reihe ist das Blut der Ältesten. Sicherlich wisst ihr, dass Ciri als Nachfahrin von Larra Dorren, dieses Blut in sich trägt. Die Prophezeiung besagt, dass sie die Welt von dem weißen Frost retten kann, welcher jedes Universum ereilen wird. Aus diesem Grund verspricht ihr Blut Macht und Einfluss – in Folge dessen versuchen alle möglichen Parteien Ciri für ihre Zwecke zu nutzen was die beiden nilfgaardischen Kriege auslöst. Jeder giert nach der Macht oder der Liebe die das Ältere Blut zu versprechen scheint. Doch alles was folgt ist Chaos, Tod und Zerstörung. Vielmehr zweifelt Nimue (der Name stammt aus der Arthus Sage, welche sogar den selben Titel „Die Dame vom See“ wie im Hexer trägt …), eine Magierin und Gelehrte aus der Zukunft, diese Prophezeiung an. Sie ist davon überzeugt, dass das Erkalten des Universums ein natürlicher nicht umkehrbarer Prozess ist. „Die Dame vom See“ (Der Titel alleine ist ein Verweis auf König Arthus), das 7. und finale Buch der Roman-Reihe, beginnt und endet in der Welt von König Arthus, wo Ciri den Ritter Galahad trifft und mit ihm am Ende nach Camelotte reitet.

Ciri ist die Analogie zum Heiligen Gral. Wie auch der Gral verspricht ihre Existenz Macht, Liebe usw. doch stürzen beide ihre Welten lediglich ins Chaos. Sie ist der Grund für den Tod von Geralt und seiner Gefährten (Ritter der Tafelrunde), sie ist der Grund für den Krieg, sie bringt die Pest in die Welt des Hexers und sie wird der Grund für den Fall Camelottes sein. So endet die Geralt-Saga. All dies steht zwischen den Zeilen, lässt allerding mmn keine andere Interpretation zu.

Das Spiel deutet dies nicht einmal an. Ciri ist die Retterin, die Auserwählte (langweilig) und am Ende vergisst das Spiel sogar diesen Umstand und löst den etablierten Grund Plot nicht einmal auf. Er wird vergessen was sogar funktioniert … zumindestens bis der Spieler über die emotionale Achterbahn hinwegkommen ist und anfängt nachzudenken. The Witcher 1 hatte diesen Umstand verstanden ihn nur eben nicht auf Ciri bezogen (Akt 4 und Finale). Selbst der „Sword of Destiny – Trailer“ teased dieses Verständnis an. Dies lässt mich glauben, dass CD Projekt sich dazu entschieden hat diesen Teil absichtlich herauszulassen. Ciri ist nicht die Retterin der Welt, sondern die „Agent[in] des Chaos“ um den König der Wilden Jagd aus dem 1. Hexer zu zitieren.

Vielleicht will das Spiel gar nicht eine Fortsetzung der Bücher sein? Ja vielleicht, aber warum teased es dann diese Themen im Trailer an? Das ist irreführend für jeden, der die Bücher kennt.

 

Aber es ist ein gutes Videospiel!

Das ist es ohne Frage. Ich liebe dieses Spiel allerdings … finde ich es sehr fraglich es perfekt zu nennen. Nein das ist es sicherlich nicht. Weniger NPC-Suche, mehr Plot. Dynamische Welt. Komplexeres Charaktersystem. Verfeinertes Kampfsystem. Dann wäre dieses Spiel wahrlich ein Meisterwerk gewesen.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 100 Stunden



Kommentare(2)

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