(Produktions)Technischer Meilenstein mit Blockbusterkrankheit.

Nichts ist, sondern alles wird, heißt es, ist ein Prozess, der vermutlich erst beim Anbruch der Ewigkeit sein Ende finden wird. Somit gibt es keinen Fixpunkt,...

von - Gast - am: 05.01.2010

Nichts ist, sondern alles wird, heißt es, ist ein Prozess, der vermutlich erst beim Anbruch der Ewigkeit sein Ende finden wird. Somit gibt es keinen Fixpunkt, den der Mensch einnehmen kann, um von dort zu richten. Es ist eben doch alles relativ. Betrachtet man nun ein Kulturprodukt und will es beurteilen, so sollte man es also – um ihm gerecht zu werden - in seinem Kontext begreifen, es messen an den Richtlinien seiner Zeit. Ab und zu gibt es dann Ausnahmeerscheinungen, die jene Richtlinien neu definieren und das jeweilige Ausdrucksmittel oder Medium einer Metamorphose unterziehen.

Crysis ist ohne Zweifel eine solche Ausnahmeerscheinung und stellt selbst zwei Jahre nach seinem Release (2007) noch immer einen Meilenstein des Ego-Shooter Genres dar. Crysis ist bei weitem kein perfektes Spiel, aber nichts desto trotz eine technische, ästhetische und spielerische Errungenschaft, ein Gesamtkunstwerk, wenn man so will.
Das Frankfurter Entwicklerstudio Crytek hat 2004 mit Far Cry sowohl einen künstlerischen, als auch finanziellen Grundstein gelegt. Crysis ist im Grunde eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Erstlingswerks. Schon Far Cry bot eine tropische Insel als Schauplatz, eine ausgefeilte KI, die als eine der ersten dynamische Kämpfe ermöglichte, ein fortschrittliches Physiksystem und eine bis dato unerreichte Grafikpracht, die durch neuste Shader glänzte.

Crysis bringt all diese Punkte auf ein neues Level. Das überaus detaillierte tropische Setting wird in der zweiten Hälfte in eine Hölle aus Eis verwandelt und schafft somit einen Kontrast, der vor allem visuell äußerst dramatisch wirkt. Ähnlich aufreibend sind die Kämpfe mit den koreanischen Soldaten. Ob die KI nun noch ausgereifter ist als in Far Cry, darüber lässt sich streiten. Doch die Kämpfe sind nichts desto trotz das Dynamischste und Aufregendste, was die Ego-Shooter Welt bislang erleben durfte. Dafür sorgt vor allem der Nano- Suit, ein künstliches Exoskelett, das den Protagonist Nomad auf Knopfdruck schneller rennen, höher springen, stärker zuschlagen, unsichtbar oder beinahe kugelsicher werden lässt. Das alles ist nahtlos ins Spielgeschehen eingeflochten. Hält man das Mausrad gedrückt, öffnet sich ein halb-transparentes, kleines Menü aus Symbolen. Bewegt man die Maus in die Richtung des gewünschten Symbols wird die entsprechende Wirkung aktiviert. Hat man alle Möglichkeiten des Nano-Suits erforscht und gemeistert, entfaltet das relativ offene Spielprinzip von Crysis erst seine volle Wirkung. Verschiedene Vehikel erweitern zudem die Möglichkeiten mit der Spielwelt zu interagieren. Diese ist im Übrigen mit einer faszinierenden Physikengine ausgestattet und ist zudem fast vollkommen zerstörbar. Crysis bietet auch im Jahre 2010 noch State-of-the-Art Grafik, die noch immer alles in ihren Schatten stellt. Die richtige Hardware vorausgesetzt. Aus technischer und ästhetischer Sicht ist Crysis über jeden Zweifel erhaben.

Doch wo es im ersten Drittel mit im virtuellen Kampf noch nie erfahrener Dynamik und Dramatik punktet, flacht Crysis gegen Ende zu einer fast stumpfen Ballerei in Schlauchlevels ab. Die koreanischen Soldaten werden durch Aliens, die den Wächtern aus Matrix fast eins zu eins nachempfunden sind, und die Panzer durch turmhohe bzw. fliegende, organische Kriegsmaschinen ersetzt. Natürlich kann man argumentieren, dass dieser Zug des Entwickler der Abwechslung bringen soll, aber der die bombastische Action kann das subtile, hoch flexible Gameplay des ersten Drittels nicht toppen. Dennoch schafft es Crysis bis zuletzt eine gewisse Spannung aufrecht zu erhalten. Dramaturgisch geschickt werden auch unheimlich ruhige, fast meditative Sequenzen zwischen die Bombast-Action geschoben und macht Crysis so auch zu einem atmosphärisch sehr dichten Spiel. Angesichts der Story kann man noch offensichtlicher Parallelen zu Blockbustern à la Hollywood ziehen, als es die Dramaturgie erahnen lässt. Die Geschichte ist voll gestopft mit stereotypischen Charakteren und Handlungsmustern. Die Dialoge sind zwar (in der englischen Version) exzellent eingesprochen und die Gesichter sensationell modelliert und ausdrucksstark, aber es gelingt dennoch nicht eine emotionale Beziehung abseits der schwarz-weiß Empfindungen Sympathie oder Hass zu entwickeln. Das ist auch der große Nachteil, den Crysis in sich birgt. Es ist perfekt produziert und setzt(e) in Sachen Gameplay und Technik neue Maßstäbe, aber wie schon Far Cry wirkt die Geschichte trotz filmreifer Inszenierung hölzern und eher wie ein Mittel zum Zweck. Wie die großen Blockbuster der heutigen Zeit begnügt sich Crysis mit tadelloser Unterhaltung und verzichtet dafür auf eine Geschichte, die etwas Mythisches in sich trägt, mit dem sich der Spieler wirklich identifizieren kann. So ist Crysis zwar ein Spiel, das am lebensechtesten aussieht, aber am Ende inhaltlich doch sehr leblos wirkt.

Dennoch ist und bleibt Crysis ein Spiel, das seiner Zeit ein kleines Stück voraus war und noch immer ist und den Weg bereitet für die Weiterentwicklung des Genres und auch des gesamten Mediums.

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Wertung
Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

genau richtig

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 10, weniger als 20 Stunden



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