SILENCE (The Whispered World II)

S I L E N C E   Bei Daedalics im November 2016 veröffentlichten Adventure Silence handelt es sich gewissermaßen - wenn auch nicht offiziell -...

von Flori der Fux am: 20.01.2017

S I L E N C E

 

Bei Daedalics im November 2016 veröffentlichten Adventure "Silence" handelt es sich gewissermaßen - wenn auch nicht offiziell - um den Nachfolger des 2009 erschienenen Spiels "The Whispered World". Anders als bei klassischen Vertretern des Adventure-Genres macht Daedalic bei Silence vieles anders und geht auch technisch und spielerisch neue Wege, was vielleicht auch ein Grund dafür sein könnte, dass man den Zusatz "The Whispered World II" aus dem Titel gestrichen hat. Letztenendes setzen wir zwar indirekt die Handlung von Whispered World fort, mit seinem Vorgänger hat Silence dann aber doch nicht mehr so viel Ähnlichkeit.
Aber immer schön der Reihe nach. Für alle, die The Whispered World nicht kennen , ein kurzer Rückblick.

 

 

 

T H E  W H I S P E R ED  W O R L D

 

Es war einmal, vor nicht all zu langer Zeit, da lag ein kleiner Junge namens Noah in tiefem Koma in seinem Krankenhausbett, auf der Schwelle zwischen Leben und Tod. Dabei träumte er von der malerischen und fantastischen Welt Silence, in der er die Abenteuer eines anderen kleinen Jungen miterlebte - Sadwick, dem traurigen Clown, der niemals lachte. Nun, richtiger zu sagen wäre vermutlich, dass Sadwick die traurige Hälfte von Noah's eigener Persönlichkeit war, auch wenn beide Charaktere gegenteiliges behaupten würden.

 

O je, da habe ich gerade mal einen Absatz über The Whispered World geschrieben, und schon wird's kompliziert. Keine Bange, es kommt noch krasser. Sadwick, der traurige Clown, zieht samt seinem senilen Opa und seinem (pardon) Arsch von Bruder mit deren erbärmlichen Zirkus durch die Lande und hasst jeden Tag seines Lebens, an dem er Dinge tun muss, an denen er keine Freude empfindet.
Wie zum Beispiel sich selbst zum Clown zu machen. Doch eines Tages verläßt Sadwick den Zirkus, um zusammen mit seinem besten Freund, der Wunderraupe Spot, seiner wahren Berufung zu folgen: den kranken König seines Landes und mit ihm seine Heimat selbst vor dem Untergang zu bewahren. Paradoxerweise erklärt ihm ein Orakel, dass er, um den König zu retten, seine eigene Welt zerstören muss, was dieser natürlich nicht glaubt. Sadwick gelingt es, ein Lebenselixir zu beschaffen, welches den Regenten genesen lassen soll. Doch am Ende seiner langen Reise angelangt, steht Sadwick nicht wie erwartet dem König von Silence gegenüber, sondern einem Spiegel, in dem er dem er den kranken Noah, quasi sein wahres selbst, erblickt. Den Noah, dessen Traum Silence ist. Den wahren König von Silence.
Der Prophezeiung folgend, zerstört Sadwick den Spiegel, und mit ihm seine Welt, damit Noah aus dem Koma erwachen und leben kann.

 

H A N D L U N G

 

Soviel zur Vorgeschichte. Seit The Whispered World sind einige Jahre vergangen. Noah ist inzwischen 16 Jahre alt und hat eine kleine Schwester, Renie, die wohl so 5-7 Jahre jung ist. Noah hat Renie oft von Silence, Sadwick und Spot erzählt. Sie liebt die Geschichte und will sie immer wieder hören. Die beiden Kinder leben in einem Waisenhaus und halten zusammen wie Pech und Schwefel. Es herrscht Krieg, wohl schon seit langem. Neben dem Kinderheim gehören Ausflüge in die nahen Luftschutzbunker für die beiden zur traurigen Routine.
Die Geschichte von "Silence" beginnt an einem solchen Tag. Noah und Renie haben sich gerade noch rechtzeitig in ihren kleinen Bunker gerettet, als Bomben auf ihr idyllisches Städtchen in den Bergen niederregnen. Renie hat Angst und weint. Um sie zu beruhigen, erzählt ihr Noah einmal mehr die Geschichte von Sadwick, Spot und Silence, quasi als Tutorial für Neueinsteiger, wo neben der Steuerung auch die Handlung von The Whispered World kurz umrissen wird.
Am Ende des Tutorials wird der Bunker von einer Fliegerbombe getroffen, und die Lichter gehen aus. Als Noah aufwacht, ist seine kleine Schwester verschwunden. Er befreit sich aus den Trümmern des Bunkers, um Renie zu suchen, und findet sich - natürlich- in Silence wieder - nur dass in Noah's Traumwelt dieses mal einiges anders ist....

 

S P I E L V E R L A U F

 

 

 

 

In Silence steuern wir abwechselnd Noah und Renie, um die meist einfach gehaltenen Kombinationsrätsel zu bewältigen. Schon gleich am Anfang gesellt sich zudem die überaus knuffige Raupe Spot dazu und kompletiert das Trio. Spot kommt bei vielen Aufgaben eine besondere Bedeutung zu, da er ziemlich genau die Anatomie eines reißfesten Luftballons besitzt. Wann immer wir Zugriff auf Spot haben (oder Spot-Only-Passagen spielen), läßt sich sein Zustand von platt über prall bis -und das ist neu- Wasserbombe verändern, worauf diverse Rätsel natürlich ausgelegt sind.

Wie gesagt, geht Silence in verschiedenen Aspekten andere Wege als The Whispered World. Das Storygerüst ist das selbe geblieben, so dass nicht nur Fans des ersten Teils bereits beim Tutorial warm ums Herz werden dürfte. Doch während The Whispered World noch ein klassisches Point and Click Adventure war, mit allem, was dazu gehört, hat sich Silence ziemlich radikal in Richtung einer Art interaktivem Roman gewandelt.
Lag beim Spiel aus 2009 noch der Fokus auf ausgedehnter Handlung mit vielen vielen Schauplätzen und etlichen genretypischen Rätselkopfnüssen, mit denen man sich tagelang beschäftigen kann, so setzt Silence klar auf progressives, lineares Storytelling, wobei bewußt auf eben die Elemente verzichtet wurde, die einem konstanten Fluss der Geschichte im Weg stehen könnten.

Um es auf den Punkt zu bringen: eingefleischten Fans des "klassischen" Adventures werden diese Stilveränderungen möglicherweise ein Dorn im Auge sein. Das gesamte Spiel läßt sich sehr bequem in gerade einmal knapp 7 Stunden durchspielen.

Anspruchsvollere Rätsel können wir an den Krallen einer Dreizehenmöve abzählen. Es gibt kein Inventar mehr, das dazu einlädt, alles, einzusacken, was nicht niet- und nagelfest ist. Zudem verrät uns oft schon der dynamische Cursor, oder gar Einblendungen, an welchen Stellen wir mit unserer Umwelt interagieren können. Somit geraten die vergleichsweise wenigen Rätsel und Aufgaben auch noch ziemlich einfach, selbst für absolute Adventure-Neulinge.

Wer also The Whispered World geliebt und auf einen gleichartigen Nachfolger gehofft hat, könnte durchaus enttäuscht sein ob dieser extrem vereinfachten Spielmechanik.
Was aber zeichnet Silence aus, was macht es richtig und was macht es zu etwas besonderem?

 

 

 

F A Z I T

 

Für mich ganz klar: die hohe Kunst, eine bewegende Geschichte zu erzählen, über deren Hintergründe man noch grübelt, Tage und Wochen nachdem der Abspann über den Bildschirm scrollte. Dies gelang bei mir zuletzt mit "Life is Strange", und nun eben mit "Silence". Silence ist, so jedenfalls meine bescheidene Meinung, meisterhaft erzählt und inszeniert.

Vom Tutorial bis zum Ende des Spiels spürt man die Liebe und Hingabe, die Daedalic in diese Geschichte gesteckt hat. Wir erleben ein Wechselbad aufrichtiger Gefühle. In dieser Beziehung bleibt Silence seinem Vorgänger mehr als treu. Es macht uns lachen oder rührt uns zu Tränen. Und nach sieben Stunden Silence sitzt man (wenn man emotional zumindest ein wenig zugänglich ist) mit herabgelassener Kinnlade in seinem Berg aus vollgeschnieften Taschentüchern und denkt "Heidewitzka, Herr Kapitän!"
Und wie eingangs gesagt, zerbreche ich mir heute noch den Kopf darüber, was genau eigentlich geschehen ist, bzw wie das Geschehene zu interpretieren ist. Und es gibt, weiß Gott, eine Menge Luft für Spekulationen, ganz gleich für welches der zwei Enden man sich entscheidet.

Also die Handlung hat es schonmal in sich. Noch ein paar Worte zur Präsentation.
Die in 2D gemalten und dezent auf 3D getrimmten, farbgewaltigen Hintergründe sind wohl die schönsten, die ich bisher in einem Adventure(artigen) Spiel zu Gesicht bekommen habe. Die Figuren sind allesamt liebevoll gezeichnet und sehr ausdrucksstark in Mimik und Körpersprache. Die Syncronsprecher machen einen erstklassigen Job, sowohl in der deutschen als auch in der englischen Fassung. Die Rollen sind nach meinem Empfinden perfekt besetzt und treffen immer den richtigen, der Situation entsprechenden Ton.

Gleiches gilt für den knapp einstündigen Soundtrack, der überhaupt nicht besser hätte harmonieren können mit dem Geschehen auf dem Bildschirm. Für mich der bisher beste in einem Adventuregame : durchgehend wunderschön,zu jeder Zeit passend und niemals aufdringlich. Fettes fettes Lob an Tilo Alpermann.

Auch von technischer Seite gibt es wenig Anlass zur Kritik. Silence lief bei mir bug- und absturzfrei. Allein erschließt sich mir nicht ,warum uns nach wirklich jedem Szenenwechsel ein schwarzer, geduldiger Ladebildschirm zugemutet werden muss. Mit meinem laienhaften Verständnis würde ich unterstellen, dass man mindestens einen Großteil des Spiels in einem Stück in den RAM hätte laden können, zumal der Spielablauf und somit die wechselnden Szenen einer strikten Reihenfolge gehorchen. Hätte man hier noch Diskettenladegeräusche abgespielt, wäre es witzig gewesen, aber so sind die Unterbrechungen eher lästig.

Alles in allem hat Silence genau das geschafft, was ich mir von einem guten Computerspiel erhoffe: es hat mich bestens unterhalten, mir eine wundersame Geschichte erzählt und mich mitfiebern (bzw. leiden) lassen mit Charakteren, die mir schon nach wenigen Minuten Spielzeit fest ans Herz gewachsen sind. Wer bereit ist, hierfür die genannten Einschränkungen in puncto Anspruch, Umfang und Spielmechanik in Kauf zu nehmen, sollte sich Silence unbedingt anschauen. Ich jedenfalls kann es nur wärmstens empfehlen.

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Wertung
Pro und Kontra
  • + bewegende Story
  • + wunderschöne Grafik
  • + hervorragende Vertonung und Musik
  • - unnötig viele und lange Ladezeiten
  • - kaum spielerischer Anspruch
  • - wenig Umfang

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

zu leicht

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 5, weniger als 10 Stunden



Kommentare(1)

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