Solid(er) Openworld Spaß

Ok, eines vorneweg: Das ist mein erstes Metal Gear Solid. Ja, ich hab'mir damals zwar auch MGS2 im Budget gekauft, bin aber mit der Steuerung einfach nicht warm...

von Jcfr am: 16.11.2015

Ok, eines vorneweg: Das ist mein erstes Metal Gear Solid. Ja, ich hab'mir damals zwar auch MGS2 im Budget gekauft, bin aber mit der Steuerung einfach nicht warm geworden und hab's daher nie auch nur ansatzweise durchgespielt.  Ob bestimmte Dinge, die mir in MGSV aufgefallen sind, also serientypisch sind, kann ich damit nicht beurteilen.

Aus dem Koma in die Action ins WTF:

MGSV setzt nach Ground Zeros an (dieser unverschämt teuren Demo). Big Boss, alias Snake, befindet sichin einem unbekannten Hospital, als er aus einem neunjährigem Koma erwacht.  Ein Koma, in das er gefallen war, nachdem die Motherbase seiner Militär-Organisation von unbekannten Söldnern angegriffen worden war und sein Helikopter von einer Explosion erfasst wurde (ohne zu viel zu spoilern). Lange Zeit sich auszuruhen hat er jedoch nicht, wird das Krankenhaus doch plötzlich von scheinbar denselben Streitkräften von damals angegriffen.  Es gilt, dem Massaker zu entfliehen... und allein in diesem ersten Tutorial-Level trifft man auf ein schwebendes, telekinetisch begabtes Kind mit Gasmaske und Lederzwangsjacke, sowie einen brennenden Mann. Nein, MGSV geizt nicht mit Skurilität.

Nach Abschluss dieses Tutorials beginnt das Spiel sich zu öffnen und als Mischung aus Ein-Mann-Armee, Superagent und einsamer Wolf macht sich Snake daran, die Hintergründe jenes Angriffs von damals aufzudecken und sich an den Schuldigen zu rächen. 

!!!SPOILER!!!

Ehrlich gesagt hatte ich meine Probleme mit der Story und der Spielwelt. Ja, sie nimmt sich gewollt nur halb ernst, doch gerade das ist mir irgendwie aufgestoßen. Die Handlung spielt 1984, was durch den soundtrack ganz gut rübergebracht wird... und doch regelmäßig Befremden bei mir auslöst. Ich erinnere mich noch an meinen ersten 486DX, den mein Vater an mich ausgemustert hat, als ich so um die elf war. Damals ein ganz gutes Gerät... und doch gibt es hier Supercomputer, von denen die Nasa seinerzeit geträumt hätte. Snake unterhält sich mit Miller und Ozelot übers Klonen, als sei dies etwas Unfassbares (was 1984 wohl zutreffen mag), während er aber selbst auf einem zweibeinigen Mech-Läufer durch die Gegend stapft. Hä?
 Jeeps und LKWs sind ältere Modelle, der Transporthelikopter aber moderner als der Bell UH-1 Iroquois, der seinerzeit noch das Standardmodell der amerikanischen Luftwaffe war. Dasselbe gilt für die Schusswaffen. Er hört Hörspielkassetten aber sein Idroid hat eine holografische Anzeige. Es mögen Details sein, doch diese stören für mich die Atmosphäre.

Die Story selbst macht es nicht wirklich besser, kam mir diese "wir sind Diamond dogs, wir rächen uns"- Handlung ziemlich aufgesetzt daher. Und spätestens als Stimmbandparasiten, die unter Umständen auch Superkräfte gewähren, mit von der Partie waren, bin ich ausgestiegen. Ich will nicht sagen, dass die Story schlecht ist, sie kommt nur spät in Fahrt und lässt sich mit WTF zusammenfassen. Deswegen konnte mich auch der ernste, philosophische Unterton mit der Frage nach der eigenen Identität nicht wirklich ergreifen.

Für mich war es so, als würden mitten in The Avengers 2: Age of Ultron plötzlich alle Beteiligten anfangen shakespearhaft über das Sein zu sinnen.

Und so nett die kleine Wendung am Schluss auch war, Kenner der Serie dürften sie wohl erahnen und dass man dafür noch einmal das gesamte Tutorial am Schluss durchspielen muss fand ich nervig. Eine Cutscene hätte in meinen Augen gereicht. 

!!!END SPOILER!!!

Kartons+Knarren+Krawall+Schleichen+Begleiter=Riesenspaß:

MGSV wartet mit zwei riesigen Regionen auf. Die eine das, von Russen besetzte, Afghanistan, das andere eine Region in Afrika. Hier ist es, wo Haupt- und Nebenmissionen absolviert werden. Wie man dabei vorgeht, ist einem selbst überlasen. Schleicht man um Gegner herum? Schaltet man sie aus dem Verborgenen aus? Versteckt man sich in Kartons? Oder geht man Rambo-Style gegen die Feinde vor? Ja, in der Regel ist es angebrachter zu schleichen, die Mission endet aber nicht, wenn man darauf verzichtet.

Vor Beginn legt man dabei seine Ausrüstung fest, zu der allerlei witzige Gadgets gehören (ich liebe den künstlichen Raketenarm). Auch Begleiter bekommt man im Laufe der Handlung mit unterschiedlichen Fähigkeiten.  All das sorgt dafür, dass sich kaum zwei Missionen identisch spielen. Alles hängt davon ab, was wir mit ins Feld nehmen, wie wir vorgehen und von welcher Seite aus, wir die vielen Basen und Außenposten in Angriff nehmen. Der Möglichkeiten gibt es viele. 

Ein wenig aufstoßen tut die KI, die meistens die Aufmerksamkeit eines Maulwurfs hat, in manchen Fällen einen aber dann doch überraschend entdeckt... oder aber wenn ein Gegner, den man zuvor nicht mit dem Fernglas markieren konnte, gerade dann um die Ecke kommt oder sich umdreht, wenn man es nicht vorhersehen kann. Und selbst wenn man den Betroffnen im Reflexmodus betäubt, ist es bei späteren Missionen häufig so, dass man dadurch andere NPCs alarmiert. Wer dann wählt, den Checkpoint zu laden, erhält nicht nur abzug auf die Endwertung, sondern wird meistens auch ein ganzes Stück weit zurückgeworfen. Einige Missionen spielten sich dadurch reglrecht zäh und gingen mir schnell auf die Nerven, weil ich diesleben Pasagen wieder und wieder spielen musste. Seit langem habe ich Quicksaves und freies Speichern nicht mehr so sehr vermisst, wie hier.

Rettungsmission die 81. und Action:

Ok, Openworld-Spiele recyceln generell gerne ihre Nebenmissionen, doch MGSV treibt es damit etwas zu weit.  Die Nebenmissionen beschränken sich im Wesentlichen auf:

  • Rette Gefangene XYZ aus Lager
  • Schnapp dir Soldat XYZ aus Lager
  • Schalte schwere Infanterietrupp aus
  • Schalte Panzergruppe aus
  • "Rette" Motherbase-Soldat
  • Säubere Minenfeld

Diese Missionen werden dutzendfach wiederholt mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Von jemanden wie Hideo Kojima hätte ich ehrlich gesagt mehr Phantasie und Abwechlsung erwartet.  Einzig das Gameplay trägt das dröge Missionsdesign. Aber auch wer großartige Bosskämpfe erwartet wird enttäuscht sein.

Auch fies: die zusätzlichen Nebenziele der Hauptmissionen werden erst nach der Bewältigung selbiger angegeben und manche erfordern Gadgets und Ugrades, die man erst sehr viel später im Spiel freischaltet. Wer eine Triple-S-Wertung für sämtliche Mission will, der hat über Wochen und Monate zu tun.

Ein weiteres Problem sind die Größe der Karten und die damit verbundene Entfernung der verschiedenen Missionsorte. Vor allem Afghanistan fiel mir dabei unangenehm auf. Zwar sieht die Landschaft schön aus, die Schluchten machen ein rasches von A nach B kommen aber zunichte. Es gibt kaum Abkürzungen und obwohl Snake so ziemlich alles beherrscht, was einem Agent nützlich ist, so gehört freies Klettern doch nicht dazu. In der Regel hat er schon Probleme, einen Stein zu erklimmen,der ihm übers Knie reicht.  Man ist also gezwungen dem Verlauf der Schluchten zu folgen... und die hohe Zahl der feindlichen Kontrollpunkte inmitten darin erinnerte mich unschön an Far cry 2. Ja, man kann einen Heli als Taxi rufen, doch hier beginnt ein Interessenkonflikt...

Die Akte GMP:

Abseits vom Schleichen und Ballern birgt MGSV einen wirtschafltichen Aspekt: Resourcen-Farming.  Im Laufe der Story baut man seine eigene Motherbase auf und aus, wobei jedes Upgrade seinen Nutzen hat. So kann man zusätzliche Waffen und Gadgets entwickeln oder weiter verbessern.  Man kann aber auch rekrutierte Soldaten auf Missionen entsenden, die ebenfalls  Resourcen bringen (im Prinzip, wie man es aus der AC-Serie seit Brotherhood kennt).

Problem: Dieselben Resourcen, die man für die Forschung, Entwicklung und den Basenausbau benötigt,  benötigt Snake auch im Feld. Je hochqualitativer die Ausrüstung ist, die er ins Feld führt, umso teurer wird es, ihn auf Missionen zu schicken.  Nachschub? Kostet GMP. Feuerunerstützung durch Artillerie oder Hubschrauber? Kostet GMP. Fahrzeuge mitnehmen? Kostet GMP. Heli-Taxi? Kostet GMP. Dabei Kosten sämtliche Basen-Upgrades der Maximalstufe immens viel, von Waffen der höchsten Qualität gar nicht zu sprechen.  Woher bekommt man GMP? Nun, abgesehen von den Aufträgen, die man den eigenen Soldaten erteilen kann, für das Absolvieren von Missionen und Nebenmissionen.

Ergo: Ein Spiel mit repetativen Mission zwingt einen dazu, diese Missionen wieder und wieder zu spielen. Klasse Idee.

Wie der Fox, so die Engine:

Technisch gibt sich MGSV keine Blöße. Die Grafik der Fox-Engine macht was her und der Soundtrack ist klasse.
Auch Ruckler oder Abstürze hatte ich keine zu verbuchen. Es hat mich optisch zwar nicht so weggehauen, wie The Witcher 3, doch das mag an der etwas eintönigen Landschaft Afghanistans gelegen haben.

Eines aber: Ich hab' nichts gegen wortkarge Helden, aber Snake war mir dann doch zu wortkarg. Hier hätte Mimik und Gestik geholfen, doch da wirkt er irgendwie hölzern. für mich war Big Boss einfach nur apathisch.

Den Multiplayer habe ich, zugegebenerweise, nie benutzt, weil er mich nicht gereizt hat und ich auch so im single Player genug zu tun hatte.

Fazit:

Ja, MGSV ist häufig zäh und repetitiv, aber dennoch hatte ich einen immensen Spaß damit. Wenn Soldaten auf Pferdeäpfeln ausrutschen oder vor Pappkartons salutieren, wenn Esel an Rettungsballons in den Himmel steigen und Wachtürme unter Granatbeschuss zusammenbrechen, dann kann ich einem Spiel nicht wirklich böse sein. Von der Handlung hätte ich mir zwar mehr erwartet und die Bosskämpfe sind eine Enttäuschung doch für sein Geld bekommt man hier massenweise Umfang und hervorragendes Gameplay.

Hut ab, Herr Kojima!

 

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Wertung
Pro und Kontra
  • -Großer Umfang
  • -Tolle Schleich-Action-Mechanik
  • -Nonsens-Spaß
  • -Motherbase-Aufbau
  • -gute Grafik
  • -guter Soundtrack
  • -Missionsrecycling
  • -0815-Missionsdesign
  • -KI mitunter erratisch
  • -WTF-Story

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher schwer

Bugs:

Nein

Spielzeit:

Mehr als 100 Stunden



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