Vault-Hunter? Das kann ich auch!

Da steht meine Heldentruppe. Eigentlich nicht gerade heldenhaft, aber das was hinter uns liegt, macht uns ja quasi zu Helden, irgendwie. Nach den ganzen...

von Martin Dietrich am: 08.03.2016

Da steht meine Heldentruppe. Eigentlich nicht gerade heldenhaft, aber das was hinter uns liegt, macht uns ja quasi zu Helden, irgendwie. Nach den ganzen Abenteuern ist das auch kein Wunder. Von Todesrennen, Banditenbossen bis zu einer durchgeknallten Firma wollte uns eigentlich alles töten, was auch nur die geringste Chance dazu hatte. Und habe ich die tollwütigen Tiere und die fleischfressenden Riesenpflanzen erwähnt?

Dass Pandora ein ganz gefährliches Pflaster ist, wissen wir seit 2 Borderlands-Teilen, die auf diesem Stück Einöde gespielt haben. Auch das Looten und Leveln verdammt viel Spaß macht, wissen wir. Doch richtiges Storytelling mit Charakterentwicklung kennen wir von dieser Serie eher weniger. Telltale schnappte sich eine zunächst ungewöhnlich anmutende Marke und verpasste ihr den Style, den die meisten durch die tragischen Geschehnisse um Lee und Clementine kennengelernt haben. Ob das wirklich zusammenpasst, finden wir jetzt heraus.

Charaktere mit Herz und Hirn

Wir sind Rhys und Fiona. Rhys ist Hyperionmitarbeiter, der Firma die unsern Gegenspieler im zweiten Teil darstellte. Nach den Ereignissen um Handsome Jack, wittert er seine große Chance endlich befördert zu werden. Doch ein Mitarbeiter durchkreuzt seine Ambitionen und degradiert ihn zum Hausmeister. Für den selbstverliebten Rhys gibt es da nur eine Möglichkeit: Rache. Da unser nun schmieriger Vorgesetzter gerade einen sündhaft teuren Deal plant und wir ihn zufälligerweise abgehört haben, wollen wir ihm zuvorkommen und den ganzen Ruhm doch lieber selbst abgreifen. Fiona ist auf der anderen Seite des Deals und versucht dem heimischen Moloch zu entkommen. Beide Charaktere werden bald aufeinandertreffen und ein ungeahnten Abenteuer beginnt.

Die beiden Hauptcharaktere wurden von einem Unbekannten gefangen genommen. Wer könnte er sein?

Die beiden Hauptcharaktere wurden von einem Unbekannten gefangen genommen. Wer könnte er sein? 


Neben den beiden Hauptcharakteren, die meist abwechselnd gespielt werden, gibt es noch rund ein halbes Dutzend Personen, die uns regelmäßigen begleiten. Sie scheinen zunächst sehr durchschaubar, doch wie so oft offenbart sich ihr gesamter Charakter erst nach einer ganzen Weile. Telltale gelingt wieder einmal wunderbar lebhafte Charaktere, mit Ängsten, Wünschen und vielen kleinen Macken zu schreiben. Das schaffen sie sowohl bei bekannten Borderlandsfiguren als auch bei Serienneulingen. Gerade Figuren wie Scooter oder Athena, die zuvor die Charaktertiefe eines halben Stück Toasts hatten, bekommen einen Neuanstrich und sind nicht nur noch Stichwortgeber. Telltale spielt auch wieder einmal wunderbar mit den Erwartungen des Spielers. Sie wissen meistens wie solche Geschichten und Figuren eigentlich vonstattengehen und findet doch den ein oder anderen cleveren Twist. 


Zu beklagen gibt es von dieser Seite nur sehr wenig. Eine in den späteren Episoden sich entwickelte Beziehung zwischen zwei Charakteren wirkt etwas aufgesetzt und aus dem Nichts hervorgeholt. Sie ist allerdings relativ subtil verarbeitet und stört den Erzählfluss nicht wirklich. Des Weiteren wären mehr Szenen für eine bestimmte Figur wünschenswert gewesen, die später enorm wichtig wird für den Handlungsverlauf. Dessen Motive sind zwar nachvollziehbar, doch wurde hier etwas Potenzial liegengelassen, gerade weil andere Charaktere mehr Zeit bekamen. Trotzdem sind die Figuren von Tales from the Borderlands die größte Stärke des Spiels. 

Punktgenaue Inszenierung  

Ein Clou in der Erzählung ist die Perspektive aus der sie erzählt wird. Rhys und Fiona haben den Großteil ihres Abenteurers eigentlich schon hinter sich, wurden allerdings von einem Banditen gefangen genommen. Der schleift sie durch die Wüste und befragt sie über die Geschehnisse aus. Wer der Bandit ist, was er will und wohin er die beiden bringt bleibt lange unklar. Telltale nutzt dieses Mittel für herrlich bekloppte Gags. Beide Hauptpersonen erzählen die Geschichte und fügen an der einen oder anderen Stelle vielleicht ein kleines dramatisierendes Element mit ein. Das wird natürlich von dem anderen jeweils kommentiert, ob es sich wirklich so zugetragen hat. Diese zwei Erzählebenen sind nichts was der Erzählung eine besondere Tiefe verleiht, allerdings frischt sie sie gehörig auf und wirkt gerade im Videospielsektor unverbraucht.    

Den kenne ich doch!

Den kenne ich doch!      


Die Geschichte dreht ab der Mitte die Spannungsschraube gehörig fest und liefert ein zufriedenstellendes Ende, dass jedoch stark nach einer Fortsetzung riecht. Nicht unerwähnt bleiben sollten die Intros der jeweiligen Episoden. Sie bestechen durch eine tolle Musikauswahl und einer meist aberwitzigen Montage, die bestens auf die Folge einstimmt. Wie auch die Intros ist die allgemeine Inszenierung wesentlich lebendiger, offensiver und irrwitziger als in den bisherigen Telltale Werken. Was zum Großteil an der Marke Borderlands selbst liegt. Bekannt geworden sind die kalifornischen Entwickler besonders durch ihre moralisch schweren Stoffe, die nicht viel für Witz und Charme übrighatten. Borderlands steht dahingehend für einen zügellosen Humor, der kaum Tabus kennt und sehr gerne dem Wahnsinn eine Stimme gibt. Telltale trifft perfekt diesen Ton und liefert oftmals schreiend komische Szenen. Besonders die Roboter haben es ihnen angetan, liefern sie mit die besten Zeilen Dialoge im Spiel.      

Auch die schwierigen Entscheidungen dürfen natürlich nicht fehlen. Telltale schafft es meistens zu verschleiern, dass viele der Dialoge und Entscheidungen keinen allzu großen Effekt auf die Gesamtgeschichte haben. Kleine Dialog-Fetzen können sich schon mal ändern, doch bleibt der Einfluss des Spielers häufig eher marginal. Dennoch finden Sie am Ende einen smarten Kniff, um die bisherige Reise Revue passieren zu lassen und doch der einen oder anderen Entscheidung ein wenig Gewicht zu verleihen.                                    

Im Weg steht der Inszenierung nur die störrische Technik. Die oftmals ungelegten Animationen und die abrupten Bildwechsel fallen gerade in den etwas aufwendigeren Szenen negativ auf. Telltale sollte unbedingt ihr Geld in eine modernisierte oder eine komplett neue Engine stecken. Die Technik versaut zwar nie die Atmosphäre, doch ist sie immer wieder ein Ärgernis in der sonst so runden Visualisierung. Auch merkt man an ein, zwei Stellen, dass hier Kompromisse eingegangen werden mussten, um die Engine nicht zu überfordern. 

Wir bekommen im Laufe der Geschichte so einige neue und alte Gebiete zu Gesicht.

Wir bekommen im Laufe der Geschichte so einige neue und alte Gebiete zu Gesicht. 



War da noch was? Ach ja, das Gameplay

Was Telltale alles an Inszenierungsideen einfällt, lassen sie hingehend im Bezug aufs Gameplay vermissen. Hier hat sich seit Jahren nichts geändert und wird es sich wahrscheinlich auch nicht so schnell. Das bedeutet: viele Quicktime-Events, Multiple Choice Dialoge und ab und an sehr (!) kleine Hub-Gebiete, die für „Rätsel“ genutzt werden. Diese Rätsel sind aber keiner Beachtung würdig und sind schneller vorbei als jemand „Catch a Riiiiide“ sagen kann. Wer damit bisher kein Problem hatte, kann sich getrost auf die tolle Geschichte und die Charaktere stürzen. Wen es stört eine Geschichte unterbrochen von mickrigen Gameplay-Einlagen serviert zu bekommen, der darf gerne einen Bogen um dieses Spiel machen.    

Fazit: ein Riesenspaß  

Mit Tales from the Borderlands gelingt Telltale nach Walking Dead Staffel 1 ihr bisher bestes Spiel. Eine spannende, unterhaltsame Geschichte vollgestopft mit interessanten Charakteren. Dazu großartige Witze, die den gesamten Spielverlauf zu einer wunderbar leichtherzigen Angelegenheit machen, aber trotzdem auch an den richtigen Stellen emotional wird. Alle Fans der Telltale Spiele dürfen gerne zugreifen. Wer sowohl Borderlands mag und diesen narrativen Spielen etwas abgewinnen kann, sollte TftB auf keinen Fall verpassen.       

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Wertung
Pro und Kontra
  • großartige Charaktere
  • tolle (engl.) Sprecher
  • Witze en masse
  • spannende, twistreiche Geschichte
  • stellenweise aufwendige Inszenierung (für Telltale)
  • hacklige Animationen
  • Geschichte entfaltet ihre volle Kraft erst ab der Mitte
  • Entscheidungen häufig unbedeutend
  • Gameplay sehr rudimentär

Zusätzliche Angaben

Schwierigkeitsgrad:

eher leicht

Bugs:

Nur sehr wenige

Spielzeit:

Mehr als 5, weniger als 10 Stunden



Kommentare(3)

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