Im Cyber-Krimi Das Netz (Englisch: The Net) gerät eine junge Computer-Expertin in einen Strudel aus Verschwörung und Mord. Zwar gibt es Hacker-Filme schon früher, man denke an die Klassiker Tron und Wargames. Doch nun ist der Schauplatz ein anderer: das damals noch frische und heute sehr vertraute World Wide Web.
Das Netz ist der erste moderne Computer-Thriller. So modern, dass es wie Science-Fiction scheint, wenn sich die Heldin des Films ihre Pizza auf einer Website bestellt: groß, mit Knoblauch, geliefert in 45 Minuten, für 14 Dollar.
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Der erste große Hollywood-Film über das Internet namens Das Netz ist heute 30 Jahre alt
Denn als Das Netz am 28. Juli 1995 in die amerikanischen und genau zwei Monate später in die deutschen Kinos kommt, hat kaum ein Zuschauer bisher eine URL eingetippt oder eine E-Mail verschickt. Es geht erst richtig los, mit Amazon, Ebay und Yahoo, mit Windows 95 und seinem Internet Explorer.
Und hierzulande mit T-Online, das fast zeitgleich mit dem Film auf der IFA 1995 startet. Zur Einordung: Der berühmte Werbespot mit Boris Becker für den heute vergessenen Online-Dienst AOL, »Bin ich da schon drin, oder was?«, erscheint erst vier Jahre später.
Sandra Bullock spielt die Software-Analystin Angela Bennett – nach Demolition Man mit Sylvester Stallone und nach Speed mit Keanu Reeves. Ihr Job ist es, Fehler in Programmen zu finden und zu beseitigen; und im Film wird das ausgerechnet am damals berüchtigtsten Metzelspiel demonstriert, was in Kino-Sälen für viele Schmunzler sorgt: an Wolfenstein 3D (in der späteren und verbesserten Version für den Macintosh).
Dabei gerät Angela an eine Diskette, für die sie gejagt wird. In Hitchcock-Manier wird ihr alles genommen: ihr Beruf, ihr Zuhaus, ihr bisheriges Leben, ja sogar ihre Identität.
Zeitreise in die neunziger Jahre
Im Film erblicken wir auf klobigen Röhrenmonitoren vieles, was ab 1995 erst nach und nach alltäglich wird: Wir sehen einen Aquarium-Bildschirmschoner, der sich per Tastendruck in einen flackernden Kamin verwandelt.
Wir lesen Chats mit Nicks wie Cyberbob, Angel und IceMan, geschmückt mit kleinen Avatar-Symbolen. Und mit tiefsinnigen Gesprächen: »Niemand verlässt mehr das Haus heutzutage. … Das Netz ist das sicherste Kondom.« Bei denen man nicht weiß, wer wirklich dahintersteckt – und ob vielleicht noch jemand mitliest.
Und wir hören, sicher zum ersten Mal in einem Film, die Abkürzung IRL. Im realen Leben. Das andere Leben. Das für Angela unsichere Leben: Sie hat keine Freunde; ihre Nachbarin kann sie nicht mal beschreiben. Sie arbeitet von zu Hause für ein Unternehmen, Cathedral Software, das sie noch nie betreten hat und deren Kollegen sie nicht persönlich kennt.
Alles läuft über FedEx: Seltsamerweise werden Dateien nicht übers Netz, sondern per Post verschickt. Aber irgendwas Greifbares muss man ja in einem Thriller jagen. Auch eine Hommage an Hitchcock: Es dreht sich um eine Diskette, die im Grunde keine Bedeutung hat. Und an die Polizei kann sich Angela nicht wenden, weil in Datenbanken aus der unbescholtenen Angela Bennett die Verbrecherin Ruth Marx geworden ist.
Bei ihrem ersten Urlaub seit sechs Jahren, eine Insel in Mexiko (um Sandra Bullock im Bikini am Strand zu zeigen), ist sie weniger vorsichtig als vor dem Bildschirm – und lässt sich auf den erstbesten Mann ein, der sich natürlich als Schurke herausstellt. Der kann sie erobern, weil er sie zuvor genau studiert hat (»Ist das Beruf oder Vergnügen?« mit Blick auf den Laptop – »Ist da ein Unterschied?«).
Die Probleme von 1995 sind die gleichen wie heute. Wenn Angela an der Rezeption nach ihrem Zimmerschlüssel fragt und zu hören bekommt, dass sie bereits abgereist sei. Wie weist man nach, wer man ist, wenn nicht einmal die Computer einem glauben? Damals wie heute aktuell: »Wir sitzen hier am wundervollsten Stand der Welt, und alles woran wir denken, ist … wo kann ich mein Modem anschließen?«
Und dass man Hacks inszeniert, um eine Schutzsoftware (»Torwächter« oder »Gatekeeper«) zu verkaufen, die ihrerseits eine Hintertür hat – das klingt heute weniger aus der Luft gegriffen als damals.
Glaubwürdige Bildschirme
So oft wie in keinem Spielfilm zuvor starrt Angela und damit der Zuschauer auf Bildschirme. Damit sie plausibel wirken, holt das Studio den Computer-Experten Todd Marks ins Boot. Der will erst Schauspieler und dann Produzent werden; doch eine zufällige Begegnung in einer Buchhandlung, als er eine Frage zum Mac beantworten kann, ebnet den Weg zu John Badham (Wargames) – der ihn beauftragt, die Inhalte der Bildschirme im Hollywood-Remake von Codename: Nina zu gestalten.
Das führt ihn zum neuartigen Beruf des Screen Designers, der für all das zuständig ist, was auf Monitoren zu sehen ist. Es folgen Drop Zone, Species, Das Netz und viele weitere Filme und Serien bis zu Star Trek: Picard.
Reizvoll an Das Netz ist für ihn, dass seine Darstellungen nicht futuristisch, aber doch viel bunter sind, als es 1995 der Fall ist. So sieht die echte PizzaHut-Bestellseite von 1995 viel fader aus als die Version im Film.
Todd Marks' Leitsatz: VIPAL – visuell interessant, plausibel und logisch. Doch Realismus beißt sich nicht selten mit den plakativen Vorstellungen von Regisseur und Produzent. Mal kann man sich durchsetzen, mal nicht. Das alles hat Einfluss auf das Drehbuch, zumal das, was getippt und geklickt wird, meist zu hören ist.
Auch Sandra Bullock möchte überzeugend erscheinen und macht sich mit Maus und Tastatur vertraut. Immerhin muss sie gleichzeitig tippen und schauspielern.
Dass die Computer-Messe am Ende des Films überzeugt, ist einer pfiffigen (und preiswerten) Idee zu verdanken: Man dreht auf einer echten Veranstaltung und tauft die Macworld 1995 in San Francisco kurzzeitig in Pan-Pacific Computer Convention um. Die fiktive Cathedral Software bucht dort einen Stand.
Der Clou bleibt den Machern verwehrt: Regisseur Irwin Winkler möchte Bill Gates für die Rolle des Ober-Bösewichts. Der hat tatsächlich Interesse, aber Nahestehende reden es ihm aus.
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