Einem Bericht zufolge wachsen arme Kinder mit Bildschirmen auf, während reiche Leute Tausende von Dollar dafür bezahlen, dass ihre Kinder lesen

Bis in die 1990er Jahre wurden wir immer intelligenter, sagt der Flynn-Effekt. Der scheint sich nun umzukehren.

Kinder aus ärmeren Familien verbringen im Schnitt fast zwei Stunden länger vor dem Bildschirm. (Bildquelle: Seventyfour - adobe.stock.com) Kinder aus ärmeren Familien verbringen im Schnitt fast zwei Stunden länger vor dem Bildschirm. (Bildquelle: Seventyfour - adobe.stock.com)

Viele von uns – Eltern oder nicht – haben es bereits oft beobachtet, wahlweise im Restaurant oder Supermarkt: Kinder, die quengeln oder ruhig gestellt werden sollen, bekommen ein Handy oder Tablet in die Hand gedrückt.

In einem Essay in der New York Times wird unter dem Titel »Denken wird zum Luxus« eine Verbindung zwischen zu viel Zeit am Bildschirm und zu wenig Lesen bei Kindern hergestellt. Von der Umkehr des Flynn-Effekts ist die Rede.

Was ist der Flynn-Effekt?

Im Jahr 1984 fand der Politologe James R. Flynn heraus, dass der IQ von Amerikanern zwischen 1932 und 1978 massiv zugenommen hat (via American Psychological Association). Bald stellte sich heraus: Der Intelligenzzugewinn betraf auch Menschen in Europa, Australien oder Japan, so Psychologie Heute.

Warum wir immer schlauer wurden, darüber gibt es lediglich Hypothesen.

  • Komplexere Umwelt
  • Mehr Unterricht
  • Kleinere Familien
  • Bessere Ernährung

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Fakt ist aber auch: Seit den 1990er Jahren stagniert der durchschnittliche IQ und ist in etlichen Ländern sogar rückläufig.

Für dieses Phänomen gibt es noch keine Beweise, aber DVV International stellt einen Zusammenhang mit der digitalen Kultur her. Die Organisation setzt sich weltweit für Erwachsenenbildung ein und wird durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert.

Digitales Junkfood

Die oben verlinkte Studie fand heraus, dass sich kognitive Gewohnheiten durch den Konsum von Kurzvideos auf Plattformen wie TikTok oder YouTube verschieben.

  • Weniger Konzentration und kritisches Denken
  • Mehr Ablenkung und schnelle Reize

Der Bildschirm als kognitives Äquivalent zu Junkfood, diesen Zusammenhang stellt das Essay der New York Times fest. Von »kognitiver Fettleibigkeit« ist die Rede, denn digitales Junkfood funktioniere wie ihr echtes Äquivalent:

  • Leicht zugänglich
  • Schwer zu widerstehen
  • Süchtigmachend

Ein Artikel der Zeit (Bezahlartikel) von 2019 beschäftigte sich bereits mit dem Thema. Dort wird Flynn zitiert, der den Rückgang des IQs auf das Verschwinden anspruchsvoller Bücher zurückführt sowie die Zunahme von Videospielen.

Verkümmern durch Videospiele kognitive Fähigkeiten? Darüber ließe sich sicher streiten. (Bildquelle: Arkady Chubykin - adobe.stock.com) Verkümmern durch Videospiele kognitive Fähigkeiten? Darüber ließe sich sicher streiten. (Bildquelle: Arkady Chubykin - adobe.stock.com)

Ins selbe Horn stößt Maryanne Wolf, eine renommierte Leseforscherin aus den USA. In einem Interview mit dem Schweizer Tages-Anzeiger aus dem Jahr 2023 sprach sie darüber, wie wir heute lesen.

  • Bildschirme fördern »Skimming«, also das oberflächliche Überfliegen von Texten.
  • Digitale Medien verdrängen vertiefte Leseprozesse, wodurch kognitive Fähigkeiten wie Schlussfolgerungen, Assoziationen, Empathie und kritische Analyse leiden.

Wolf fordert vor allem für Kinder, dass Bildschirme kein Ersatz für Bücher sind. Kinder und Jugendliche müssen digitale Kompetenzen entwickeln, um sich zielgerichtet in einer digitalen Welt bewegen zu können.

Reiche Kinder sind schlauer

Bereits 2019 berichtete die Newsseite Vox über Daten einer Studie der Non-profit-Organisation Common Sense, dass Kinder aus ärmeren Familien (unter 35.000 US-Dollar im Jahr) im Schnitt fast zwei Stunden mehr vor Bildschirmen verbringen als Kinder aus Familien mit mehr als 100.000 US-Dollar Jahreseinkommen.

Eine spanische Studie auf ResearchGate verbindet Armut darüber hinaus nicht nur mit dem Mangel materieller Güter. Der Autor verweist auf fehlenden Zugang zu Wissen, das in der Gesellschaft normal sei, ärmeren Menschen aufgrund ihres niedrigen Einkommens aber fehlt, wie etwa das Bedienen eines Computers oder die Fähigkeit, überhaupt lesen zu können.

Besagte Studie geht auf Tuchfühlung, der Autor hat mit Menschen in der Region Laja Bajío in Mexiko gesprochen und dabei Interessantes zutage gefördert.

  • Menschen mit niedrigem Einkommen fühlen sich diskriminiert.
  • Das führt zu Scham und Selbstausgrenzung und in einzelnen Fällen sogar zu Missbrauch von Leuten, die den Mangel an Wissen ausnutzen.

Der Autor stellt fest, dass Armut mit Unwissenheit und sozialer Unterlegenheit assoziiert wird.

Demgegenüber stehen Aussagen aus dem Essay der New York Times vom Anfang des Artikels. Dort werden Persönlichkeiten wie Bill Gates oder Evan Spiegel, dem CEO von Snapchat, zitiert, welche die Bildschirmzeit ihrer Kinder bewusst begrenzen. Sogar von sogenannten »No-Phone-Verträgen« für Kindermädchen ist die Rede.

In den USA spielen auch Schulgebühren eine Rolle. So gibt es Schulen mit jährlichen Gebühren im fünfstelligen Bereich, die das Lesen von Büchern fördern und Handys im Unterricht untersagen. Hierzulande wird derzeit ein Handyverbot an Schulen diskutiert (via Tagesschau). Das zeigt, dass eine digitale Trennung auch in Deutschland nicht so leicht durchzusetzen ist.

Besonders in Verbindung mit der ResearchGate-Studie scheint die Schere somit immer größer zu werden – nicht nur beim Einkommen, sondern auch bei der Intelligenz.

Das Ergebnis sei laut New York Times eine Gesellschaft, die weniger rational ist und anfälliger für Fehlinformationen und Verschwörungstheorien.

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