Feierabend. Ich schnappe mir die Fernbedienung, schalte den Fernseher ein – und warte.
Das System braucht eine gefühlte Ewigkeit, bis es auf meine Eingaben reagiert. Als die ersten Symbole endlich laden, beginnt das Slalom-Spiel: Ein Klick zu viel wegen des trägen Cursors und schon öffnet sich ungewollt eine bildschirmfüllende Werbeanzeige.
Bis ich mich dann mühsam durch die YouTube-Suche gequält habe (Buchstabe für Buchstabe über eine grausame On-Screen-Tastatur), ist mein Tee eigentlich schon wieder kalt.
Kennt ihr das? Moderne TV-Betriebssysteme sind oft langsam, mit Bloatware überladen und gehen mir schlichtweg auf den Keks.
Die Lösung für mein Problem ist kaum größer als zwei Tafeln Schokolade: Ein winziger Linux-PC direkt unter dem Fernseher. Ich habe das Experiment gewagt und 30 Tage lang alles über diesen Mini-Rechner laufen lassen. Dabei habe ich fast alle meine Probleme gelöst – und ein neues entdeckt.
Das Problem mit vielen günstigen TVs und Streaming-Sticks
Viele Fernseher und Streaming-Geräte, vor allem günstige Modelle, besitzen nervige Eigenschaften, die 2026 immer noch ein Problem sind:
- Die Bedienung ist langsam
- Browser sind zwar verfügbar, aber meistens sehr umständlich.
- Die Auswahl an Apps ist deutlich kleiner als bei PCs, Smartphones und Tablets.
- Werbung in der Benutzeroberfläche
- Datensammlung der Hersteller
Warum ein Mini-PC unterm TV so sinnvoll ist
Mini-PCs beeindrucken und verwirren mich zugleich. Einerseits überrascht es mich immer wieder, wie klein PCs von heute sein können. Mein erster war ein grauer Kasten mit Windows 95, der fast so groß war wie ich damals.
Andererseits gibt es nur wenige Szenarien, in denen ein Mini-PC wirklich Sinn ergibt. Zum Arbeiten ist ein mobiles Notebook flexibler und man benötigt keine zusätzliche Peripherie. Auf dem Tisch sparen sie zwar Platz, aber ihr müsst dennoch Raum für eine Tastatur und eine Maus schaffen.
Für Spiele sind Handhelds oft ähnlich leistungsfähig, und richtige Gaming-PCs bieten oft mehr Leistung für dasselbe Geld – Miniaturisierung ist nicht günstig.
Es gibt aber einen Ort, an dem sie wirklich glänzen: unterm TV!
Günstige Modelle können als vielseitige Heimkino-Zentralen eingesetzt werden und sogar für Spiele-Streaming (etwa über GeForce Now oder Moonlight) herhalten. Schnelle Mini-PCs mit dedizierter GPU eignen sich perfekt für Eigenbau-Steam-Machine-Projekte.
Für diesen Artikel habe ich ein günstiges Modell von Blackview verwendet – für viel mehr als Medienwiedergabe ist der PC nicht schnell genug, aber genau dafür (fast) perfekt geeignet.
Der Blackview MP50 im Detail
Dieser Mini-PC ist wirklich winzig. Er ist kaum größer als zwei Schokoladentafeln und fügt sich so problemlos in jede Wohnzimmer-Landschaft ein; der MP50 ist 10 cm breit, 10 cm lang und nur 3 cm hoch. Trotzdem sind reichlich Anschlüsse vorhanden:
- 2x USB 3.2 (Typ A)
- 2x USB 2.0
- Gigabit RJ45 (Ethernet-Anschluss)
- HDMI 2.0
- DisplayPort 1.4
- 3,5-mm-Klinkenstecker
Die Top-Platte lässt sich außerdem mit nur einem Schalter und ganz ohne Werkzeug abnehmen. So lassen sich der Arbeitsspeicher und die SSD ganz einfach aufrüsten.
Die leicht abnehmbare Top-Platte macht Upgrades ganz einfach. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)
Die Specs schreien nach Office oder HTPC (Home-Theatre-PC):
- CPU: AMD Ryzen 5 3500U
- GPU: AMD Radeon Vega 8
- SSD: 512 GByte
- RAM: 16 GB DDR4 (Single-Channel)
- OS: Windows 11 Pro
Blackview bewirbt den PC für das Arbeiten im Home-Office, aber selbst da kommt es unter Windows 11 zu gelegentlichen Rucklern und Wartezeiten.
Für mein Heimkino-PC-Projekt habe ich mich deswegen für eine Linux-Distribution entschieden und sie auf dem kleinen PC installiert. Der PC läuft durch das schlanke Betriebssystem schneller, es gibt keine Bloatware von Microsoft und alle für mich nötigen Apps (Browser und VLC-Player) laufen auch unter Linux.
Meine Wahl fiel übrigens auf Bazzite OS mit GNOME. Die Oberfläche erinnert an macOS und es ist sehr einfach zu verwenden. Es gibt besser geeignete Linux-Distributionen für einen Heimkino-PC, aber mit Bazzite bin ich schon vertraut, weshalb ich das ausgesucht habe.
Stromverbrauch: Der PC leistet sich bei YouTube-Wiedergabe im Browser zwischen 12 und 15 Watt. Das ist nicht viel, aber immer noch ein gutes Stück höher als etwa ein Google Chromecast, der im selben Szenario nur zwei bis drei Watt benötigt.
Mein Fazit nach 30 Tagen
Der Mini-PC löst alle fünf Probleme, die ich eingangs erwähnt habe:
- Die Bedienung ist deutlich flüssiger als bei jedem TV-OS oder Streaming-Stick – endlich keine nervigen Hänger und Wartezeiten mehr.
- Die Browser-Bedienung funktioniert genau wie bei jedem Desktop-PC oder Laptop. Ich kann Streaming-Seiten unkompliziert aufrufen und sie auf dem TV genießen. Die YouTube-Webversion finde ich deutlich besser als die TV-App.
- Ich kann unzählige Apps (und sogar Spiele) installieren.
- Es gibt keine Werbung im Betriebssystem.
- Es gibt keine Datensammlung von Google, Amazon und Co.
Ein Webbrowser und der VLC-Player ist eigentlich alles, was ich auf diesem PC benötige. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)
Um die Bedienung bequem vom Sofa möglich zu machen, habe ich mir außerdem eine kleine 2,4-GHz-Fernbedienung mit eingebauter Tastatur und Trackpad gekauft. Es ist wichtig, den USB-Dongle vorne anzuschließen, weil der Empfang mit den hinteren USB-Anschlüssen deutlich schlechter war; schade, dass ich dafür einen der schnelleren USB 3.1-Ports opfern musste.
Ist der PC im Stand-by-Modus, kann ich ihn mit einem Druck auf eine beliebige Taste der Fernbedienung wecken. Und hier ist das einzige Problem, bei dem ich mit diesem Setup konfrontiert wurde: kein HDMI-CEC.
Das heißt, anders als bei Apple TV und Co. muss ich den Fernseher noch separat starten. Das mag nach einer Kleinigkeit klingen, ist aber doch nerviger, als man denkt, wenn man es vorher anders gewohnt war.
Eine Lösung, die für mich funktioniert: Meine Mini-Tastatur hat auf der Rückseite eine programmierbare Universal-Fernbedienung integriert. Ich habe sie auf meinen Fernseher eingestellt, so kann ich den TV und den Mini-PC mit nur einem Gerät steuern, ein- und ausschalten.
Mit dieser günstigen Fernbedienung-Tastatur-Trackpad-Kombo steuere ich sowohl den Fernseher als auch den PC. (Bildquelle: Duy Linh Dinh/GameStar Tech)
Trotz dieses kleinen Wermutstropfens will ich die praktischen Vorteile eines Mini-PCs im Wohnzimmer nicht mehr missen. Über meinen Browser kann ich jede Streaming-Seite aufrufen, ohne mich auf Apps verlassen zu müssen. Meine Startseite ist die Benutzeroberfläche von meinem NAS; Filme und Serien schaue ich über meinen Jellyfin-Server.
Das Betriebssystem ist schlank, privat und über den VLC-Player kann ich jede lokale Videodatei abspielen. Hätte ich nicht schon einen Gaming-PC, könnte ich mit dem Mini-PC auch über GeForce Now oder andere Streaming-Dienste Spiele spielen.
Sollte euch das Betriebssystem von eurem Fernseher oder Streaming-Sticks auch auf die Nerven gehen oder die Funktionen nicht ausreichen, kann sich die Anschaffung eines solchen Mini-PCs lohnen. Für die Wiedergabe von Medien reichen auch besonders günstige Office-Modelle, wie dieses.

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