Egal, welcher Generation wir angehören, viele von uns werden bei den Intros zu Zeichentrickserien unserer Kindheit nostalgisch. Und jede und jeder von uns hat einen Favoriten.
Während Film- und Spielestudios mit Remakes und Remasters versuchen, unsere Nostalgie in Profit umzumünzen, steckt hinter dieser vermeintlichen Flucht in die Kindheit mehr.
Nostalgie als Schmerzmittel
Bei diesem Thema geht es um mehr als die guten Gefühle in unserem Bauch, wenn wir an unsere Lieblingszeichentrickserie unserer Kindheit denken.
Die heutige Welt ist extrem schnelllebig, was wir vor allem durch die sozialen Medien immer wieder erfahren; dort herrscht quasi Dauerfeuer. Manche reagieren darauf beispielsweise mit Doomscrolling, andere kehren in bekannte Häfen zurück – indem sie beispielsweise alte (Zeichentrick-)Serien oder -filme schauen.
Hier greift dann die Nostalgie, denn die DVD mit Dragon Ball einzulegen hat vor allem einen Vorteil:
- Geschichten, die wir kennen, sind vorhersehbar. Wir kennen den Tonfall der Serie, die Charaktere und wohin die Reise gehen wird. Es gibt keine Überraschungen.
Im Mai 2026 erschien im Journal of Experimental Social Psychology eine Studie, die die lindernde Wirkung von Nostalgie ergründet hat. Lesen könnt ihr sie auf ScienceDirect. Die Autorinnen und Autoren formulieren ein Grundprinzip, das besagt, dass Bedrohungen Nostalgie auslösen. Dazu zählen:
- Unsicherheit
- Einsamkeit
- Kontrollverlust
- gesellschaftliche Umbrüche
Die Studie kommt zu dem Schluss, dass Nostalgie psychologische Vorteile bietet, etwa Wohlbefinden, Sinnstiftung und soziale Verbundenheit.
Eine Studie der Jinan University von 2025 kommt zu einem ähnlichen Schluss (via Ideas). Hier heißt es, dass sentimentale Sehnsucht als Ressource dienen kann, um psychischen Schmerz abzufedern.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass eure liebste Serie (oder Film, Spiel, Buch oder Geschichte) in instabilen Zeiten ein emotionales Gegengewicht ist. Oder anders: Zu einem sicheren Hafen zurückzukehren wirkt wie kognitives Schmerzmittel gegen Alltagsstress.
Ebenfalls interessant: Nostalgie kann sogar physischen Schmerz lindern, wie eine Studie von 2020 herausgefunden hat (nachzulesen auf PubMed).
Nostalgie als Kompass
Besonders Zeichentrickserien und -filme sind allerdings mehr als oberflächliche Unterhaltung. Geschichten wie He-Man oder One Piece wirken bunt, laut und chaotisch, doch viele bedienen sich doppelten Bedeutungen, die sich Kindern oft entziehen.
Themen wie Trauer, Versagensangst, existenzielle Ängste, Isolation bis hin zu strukturellen Problemen wie sozialer Ungerechtigkeit und Rassismus verstecken sich oft hinter der kunterbunten Optik. Sich als erwachsene Person im Zuge von Nostalgie damit auseinanderzusetzen, lässt uns unsere aktuellen Kämpfe leichter ausfechten.
Eine Studie mit dem Titel »Die Vergangenheit verleiht der Gegenwart Sinn: Nostalgie als existenzielle Ressource«, zu lesen auf PsycNet, bestätigt das. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden unter anderem heraus, dass:
- Nostalgie steht in positiver Verbindung mit einem Sinn für das eigene Leben.
- Nostalgie kann sogar den Sinn für das eigene Leben bestärken.
- Wird der Sinn des eigenen Lebens bedroht, kann das die Sehnsucht nach Nostalgie erhöhen.
In einem Interview erklärt Psychologin Dr. Krystine Batcho den Zusammenhang von Nostalgie und der eigenen Entwicklung. Nachstehend ein kurzes Zitat, das Gespräch könnt ihr entweder als Podcast anhören oder nachlesen auf APA.
Die meisten heute verfügbaren Forschungsergebnisse, einschließlich meiner eigenen, legen nahe, dass Nostalgie eine Reihe von Funktionen erfüllt. Was sie alle verbindet, ist, dass Nostalgie ein emotionales Erlebnis ist, das verbindet. Ein Beispiel dafür ist, dass sie dazu beiträgt, unser Selbstverständnis, unser Selbst und unsere Identität im Laufe der Zeit zu festigen. Denn im Laufe der Zeit verändern wir uns ständig – und zwar auf unglaubliche Weise. Wir sind zum Beispiel nicht annähernd mehr dieselben Menschen, die wir waren, als wir drei Jahre alt waren. Nostalgie motiviert uns dazu, uns an die Vergangenheit unseres eigenen Lebens zu erinnern, und hilft uns so, uns mit unserem authentischen Selbst zu verbinden, uns daran zu erinnern, wer wir einmal waren, und dies dann mit dem zu vergleichen, als was wir uns heute empfinden.
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Nostalgie ist nach wie vor nicht vollends ergründet. So suchen Spielerinnen und Spieler mithilfe alter Titel nach ihrem verlorenen Selbst. Oder Teile der Gen Z entwickelt eine Nostalgie für eine Zeit ohne das Internet – etwas, das sie nie selbst erlebt haben. Teilweise sind es sogar bloß einzelne Geräusche, die uns in die Vergangenheit katapultieren. Sieben unserer Redakteurinnen und Redakteure schwelgen in diesem Artikel in Erinnerung.
Streaming-Services, Hollywood- und Spielestudios sind längst auf den Trichter gekommen, uns bei unserer Nostalgie zu packen. Im Jargon nennt sich das »Nostalgia Bait«, eine Marketing- und Content-Strategie, bei der gezielt an die positiven Erinnerungen und Emotionen früherer Zeiten appelliert wird, um Aufmerksamkeit oder Profit zu generieren.
Wenn euch also die Welt mal wieder über den Kopf wächst, greift zu eurer Lieblingsserie. Das reinigt das System und gibt ein wohliges Gefühl.
Welche Serie, welcher Film oder welches Spiel ist euer sicherer Hafen, zu denen ihr immer wieder gerne zurückkehrt?







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