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Cyberpunk Edgerunners: Staffel 2 lässt mich öfter mit dem Kopf schütteln als jubeln

Unser Review: An die Qualität der ersten Season kommen die neuen Folgen nicht heran. Schnelle Unterhaltung gibt’s trotzdem, aber wirklich im Gedächtnis bleiben weder die Charaktere noch das vorher so gefürchtete Ende.

D heißt nicht nur ähnlich wie V, sondern erlebt auch eine verblüffend ähnliche Geschichte. Bild: Netflix D heißt nicht nur ähnlich wie V, sondern erlebt auch eine verblüffend ähnliche Geschichte. Bild: Netflix

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Kritische Reviews zu schreiben ist immer ein bisschen gruselig. Vor allem, wenn sich bereits abzeichnet, dass viele Portale eine ganz andere Meinung hegen – aber als Journalistin kann ich mich diesem gefühlten Druck nicht unterwerfen. Auch nicht, wenn es um die so heiß erwartete Cyberpunk Edgerunners Staffel 2 geht.

Ich hätte euch wirklich gerne erzählt, dass mich das neue Abenteuer genauso gefesselt und emotional umgehauen hat wie die erste Season. Aber die meiste Zeit saß ich bedauerlich unberührt vor dem TV-Bildschirm. Mehrere Entscheidungen der Showrunner verleiden mir den Spaß. Das heißt nicht, dass es euch genauso gehen muss, aber lasst mich meine Gründe so spoilerfrei wie möglich erklären.

Wo stolpert Season 2?

Grund 1: Die Charaktere

Ich will nicht viel zur eigentlichen Geschichte sagen, denn die ist so simpel, dass eine kurze Zusammenfassung euch schon die wichtigsten Dinge verraten würde. Was durchaus funktionieren könnte, wenn denn dafür die Charaktere so denkwürdig wären wie David, Lucy, Rebecca und Co.

Video starten 1:53 Cyberpunk Edgerunners 2: Der Trailer versprüht deutlich mehr Stimmung als die Staffel wirklich liefert

Stattdessen bleibt das neue Ensemble so blass, dass ich mich richtig darüber geärgert habe. Im Grunde wiederholen sich hier genau die Archetypen, die wir schon in Season 1 gesehen haben, gemischt mit Charakteren, die so typisch für Night City sind, dass es schon ins Klischee abrutscht. Ratet etwa mal, warum der einsame Nomad-Charakter sich an den Corpos rächen will. Und schon wieder steht Cyberpsychose im Zentrum der Geschichte. Hier hätte ich mir frischeren Wind gewünscht, der durch die staubigen Straßen von Night City fegt.

Dazu kommt, dass die Motivationen der Figuren oft unglaubwürdig platt bleiben. Warum sich das 12-jährige Kind mit Kamera-Fable dem Möchtegern-Terroristen anschließt, selbst wenn es gegen dessen Rachefeldzug ist? Bleibt unklar, denn die beiden kennen sich erst wenige Tage und auch nicht so wirklich. Gleiches gilt auch für die Nebenfiguren – eine ändert ihre komplette Ansicht und wird so plötzlich doch zum Support, dass ich nachschauen musste, ob ich vielleicht eine halbe Folge übersprungen habe.

Die glaubwürdigsten Beweggründe bekommt einer der Hauptcharaktere – aber die ergeben nicht wirklich Sinn im Cyberpunk-2077-Setting. Um das zu erklären, muss ich leicht spoilern, klickt hier, wenn ihr das lesen wollt:

Warnung: der folgende Absatz enthält Spoiler

Spoiler anzeigen

Talia, das pinkhaarige Mädel, leidet an einer Krankheit, die sie umbringt, wenn sie sich nicht dauernd neue Cyberware einsetzt. Nur wird nie erklärt, was das für eine Krankheit ist. Das grundlegende Problem: Medizin ist in diesem Setting so weit fortgeschritten, dass man Gliedmaßen und Organe problemlos klonen kann. Ein komplett neues Immunsystem erstellen? Krebs heilen? Kein Problem für Mitglieder von reichen Corpo-Familien.

Warum ist das alles keine Option für Talia? Hier hätte ich mir als Fan des Settings wirklich gewünscht, dass eine Erklärung kommt. So wirkt es leider wie die klassische »nicht näher beschriebene Krankheit, die junge, attraktive Frauen in Sci-Fi-Settings dahinrafft, aber so, dass sie dabei gut aussehen und nur dann eingeschränkt sind, wenn der Plot es verlangt«. So schade!

Ein Grundproblem ist, dass der neue Cast einfach auftaucht, über weite Teile der Story keine direkte Verbindung zueinander hat, und mir einfach nicht vermittelt, warum ich mich um sie scheren sollte. Bei Roman klappt das noch, weil er ein unschuldiges Kind ist, aber wenn ich mich da im Gegensatz an die alte Edgerunners-Gruppe erinnere, werde ich direkt wehmütig. Mit David habe ich von Folge 1 an mitgelitten, weil ich geteilt habe, was er fühlt, statt einfach nur zuzugucken.

Natürlich ist Talia in Wirklichkeit nicht so knallhart und cool, wie sie wirkt. Schade. Bild: Netflix Natürlich ist Talia in Wirklichkeit nicht so knallhart und cool, wie sie wirkt. Schade. Bild: Netflix

Was mich ebenfalls stört, aber in den meisten Anime fairerweise nicht unüblich ist: Die Figuren brüllen gerne mal ihre Gedanken und Botschaften in aller Ausführlichkeit heraus, was alles andere als elegantes Storytelling ergibt. Besonders bei einem Moment, in dem sich ein Gegenspieler dadurch enttarnt, musste ich mir wirklich an die Stirn langen.

Grund 2: Die Optik

Ich weiß, viele Animes setzen auf Standbilder, und nicht jeden stört das. Aber Mensch, gerade bei Cyberpunk betrauere ich jede verpasste Chance, einen Kampf in Hochglanz und Hochgeschwindigkeit bestaunen zu dürfen. Es gibt Momente, in denen das gut gelingt, etwa als Talia auf einem Seil herumhüpft. 

Aber zu oft sind es dann nur abstrakte Formen, buntes Geblitze und abgehackte Sequenzen. Das kann man künstlerisch wertvoll finden, meinen Geschmack hat es nicht getroffen. Nach gewaltigem Budget sieht die Serie nicht aus, da lassen die Trailer sie hochwertiger wirken, als sie es ist.

Was mir gut gefallen hat, waren die Spielereien mit der Retro-Kamera-Optik, weil Roman besessen von alter Filmtechnik ist. Eine coole Idee, die auch gelungen umgesetzt wurde. Davon hätte ich gerne mehr gesehen, vielleicht ein interessantes Spiel mit einer Rückspulfunktion oder so etwas.

In Sachen Action geht es wieder brutal und blutig zu, aber das macht nicht wett, was mir bei der Story fehlt. Bild: Netflix In Sachen Action geht es wieder brutal und blutig zu, aber das macht nicht wett, was mir bei der Story fehlt. Bild: Netflix

Manchmal verwirrt das Charakterdesign geradezu. Zum Beispiel hat Talia eigentlich mechanische Kiefer, der nach Insektenart aufklappen kann – cool! Doch wenn sie mit Roman spricht, hat sie manchmal auf einmal doch wieder einen süßen Animegirl-Mund. Soll das einen Screen darstellen? Wenn ja, ist das ziemlich unklar gelöst.

Grund 3: Die Logiklücken

Ein paar habe ich unter dem Charakterpunkt schon angesprochen, aber es gibt noch viel mehr davon, die die Story betreffen. Auch hier suche ich wieder nach der Balance aus Spoilern und Erklärung. Dass Arasaka mal wieder das Anschlagsziel Nummer 1 darstellt, ist ja kein Geheimnis. In der Serie wird gesagt, dass es dem Konzern schlecht gehe – aber eigentlich befindet sich der 2076 auf einem gewaltigen Hoch, wenn wir der offiziellen Lore folgen.

Oder der Fakt, dass Roman mit seiner riesigen Kamera Anschläge auf Arasaka filmt, ohne dabei in irgendeiner Weise getarnt oder verkleidet zu sein. Moment, die übermächtige Ultrabösewicht-Firma schafft es nicht mal, ein Kind zu identifizieren, das ständig filmt, wo Bomben hochgehen? Das macht es schwer, Arasaka ernst zu nehmen.

Roman könnte eigentlich sehr interessant sein. Ein Kind, das in Night City aufwächst und kaum Cyberware anwendet? Aber einen richtigen Grund nennt uns die Serie nicht. Bild: Netflix Roman könnte eigentlich sehr interessant sein. Ein Kind, das in Night City aufwächst und kaum Cyberware anwendet? Aber einen richtigen Grund nennt uns die Serie nicht. Bild: Netflix

Solche Kleinigkeiten summieren sich unangenehm und führen dazu, dass gerade die zweite Hälfte der Staffel mir nur noch wenig Spaß macht. Denn ab einem gewissen Punkt ist klar absehbar, wo die Reise hingeht, ein großer Twist bleibt aus. Und das Ende ist mir dann wieder viel zu nah an Staffel 1, nur völlig ohne den emotionalen Fausthieb, der so legendär unter Fans ist. 

Lohnt sich die zweite Staffel denn?

Bei aller Kritik ist Season 2 keine Vollkatastrophe. Für einen durchschnittlich bekannten Anime wäre sie völlig okay, kein Highlight und kein Grund zum Klagen. Allerdings liegt die Messlatte der Erwartungen natürlich wolkenkratzerhoch nach dem, was uns die erste Staffel Edgerunners gebracht hat. 

Wenn euch die Optik nicht stört und ihr mit wenig ausgearbeiteten Charakteren trotzdem mitfiebern könnt, dann erwartet euch solide Unterhaltung für ein paar Stunden. Wer in einem Rutsch schaut, ist an einem Nachmittag durch mit den zehn neuen Folgen. Erwartet nur vorsichtshalber nicht die Qualität, die uns die vorherige Season geliefert hat.

Wenn ihr Englisch gut versteht, würde ich euch das als Sprachauswahl empfehlen (der das japanische Original, es gibt natürlich Untertitel). Die deutsche Synchro ist stellenweise ... seltsam. Nicht, weil die Schauspieler einen schlechten Job machen würden, sondern weil die Wortwahl manchmal so unfreiwillig komisch ist. Beispielzitat: »Tut mir sorry.« Das kommt mindestens zweimal vor. Mir tut das auch sorry.

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