»Selbst in einem mythischen Zeitalter muss es ein paar Rätsel geben, wie es sie immer gibt.«
- J. R. R Tolkien, Brief Nr. 144 vom 25. April 1954Mit dieser Antwort reagierte Tolkien dereinst auf eine Nachfrage dazu, wer Tom Bombadil eigentlich sei. Das war vor 72 Jahren. Ungefähr genau so lange rätseln jetzt auch schon die größten Tolkien-Fans und stellen sich dabei die gleiche Frage. Denn Tom Bombadil ist nicht nur eines der wohl mächtigsten Geschöpfe, das in Der Herr der Ringe einen Auftritt hat, sondern zugleich eines der größten ungelösten Rätsel dieser Welt.
Doch welche Theorien haben die Fans eigentlich zu Tom Bombadil? Welche Argumente gibt es, die den jovialen Mann, der Lieder singt, erklären könnten? Wir sammeln hier einige der prominentesten Gedanken rund um den alten Tom.
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Tom Bombadil in der Schnellübersicht
Kurz fassen wir nochmal die wichtigsten Fakten zu Tom Bombadil zusammen:
- Tom Bombadil lebt mit seiner Frau Goldbeere im Alten Wald.
- Tom ist gegenüber der Macht des Einen Rings absolut immun. Das Artefakt ist für ihn nicht mehr als ein Spielzeug. Er kann sogar Frodo sehen, wenn er den Ring trägt, und wird selbst beim Tragen nicht unsichtbar.
- Tom kann mit seinem Gesang und seiner Stimme die Welt beeinflussen und Geister vertreiben.
- Tom wird von Elben und von sich selbst als der Älteste bezeichnet. Er war schon immer einfach da.
In den Filmen von Peter Jackson kommt Tom Bombadil nicht vor. Der ganze Teil mit dem Alten Wald wurde hier geschnitten, da er von der Haupthandlung nur ablenkt. In der Amazon-Serie Die Ringe der Macht taucht Tom Bombadil zwischenzeitlich auf. Das hier Gezeigte hat aber keine literarische Vorlage. Tom Bombadil kommt in Tolkiens Werk nur in Der Herr der Ringe vor und in einigen alten Gedichten. Im Silmarillion wird er nicht erwähnt.
Quellenangabe
Da das Thema recht umfangreich ausfällt und schon viele, kluge Leute über Tom Bombadil nachgedacht haben, gab es so einige Quellen zu durchforsten. Für diesen Artikel kamen neben Ausgaben von Das Silmarillion und Der Herr der Ringe dabei primär folgende Online-Texte zum Einsatz:
Tom Bombadil in Tolkiens Kosmos
Als Erstes schauen wir uns alle Theorien zu Tom Bombadil an, die versuchen, ihn tatsächlich in der Kosmologie von Mittelerde zu verordnen.
Theorie Nr. 1: Tom ist einer der Maiar
In der Kosmologie von Mittelerde sind die Maiar gottgleiche Wesen des niedrigsten Ranges, vergleichbar etwa mit Engeln. Sie wurden wie die Valar am Anfang der Zeit erschaffen und gehören zur selben »Spezies« wie diese »Götter«. Aber sie haben einen niedrigeren Rang und weniger Macht. Viele Maiar stiegen wie die Valar aus ihrer Ebene jenseits allen Seins in das physische Universum herab und wandeln auch über Mittelerde. Sie können eine beliebige Form annehmen.
Zu den Maiar gehören bekanntermaßen auch Wesen wie die Balrogs, aber vor allem auch Sauron, Gandalf und alle anderen Magier sind Maiar. Also auch Tom Bombadil? Vermutlich nicht. Denn Tom Bombadil ist zu mächtig für einen Maiar. Weder Gandalf noch Saruman waren je vor der Macht des Rings gefeit, Tom Bombadil hingegen schon.
Theorie Nr. 2: Tom ist ein Valar
Also ist der nächstliegende Gedanke, Tom eine Stufe über den Maiar einzuordnen und ihn zu einem Valar zu ernennen. Also ein noch mächtigeres, gottgleiches Wesen selber Herkunft. Dann wäre erklärbar, wieso er sich über den Einen Ring erhebt, der ja selbst »nur« von einem Maiar erschaffen worden ist.
Aber auch diese Theorie kann eigentlich nicht zutreffen. Auch wenn es theoretisch noch mehr Wesen wie die Valar und die Maiar gibt, die das Sein nie betreten haben, ist klar, dass nur 15 machtvolle Valar im Universum von Mittelerde existieren. Mit Tom wären es plötzlich 16. Alternativ ist eine Erklärung, dass Tom ein bekannter Valar ist und nur dessen Avatar in Mittelerde darstellt.
Aber auch das wirkt gemessen an Toms Worten kurios. Denn Tom behauptet, der Älteste zu sein. Er behauptet, dagewesen zu sein, bevor »der dunkle Herrscher von außen kam«. Damit meint Tom nicht Sauron, sondern den Valar Melkor bzw. später Morgoth. Melkor war der erste Valar, der Mittelerde betreten hat. Demnach kann Tom selbst kein Valar sein.
Theorie Nr. 3: Tom ist Eru Ilúvatar
Insbesondere die vielen Verweise darauf, dass Tom der Älteste und der Erste ist und sich an alles erinnert, was jemals passiert ist, lassen für viele nur noch den Schluss zu: Tom Bombadil ist Eru Illúvatar. Eru ist das einzige Wesen in Tolkiens Kosmos, das man wahrhaftig als göttlich bezeichnen kann.
Er existierte, bevor es überhaupt eine Existenz gab, und er erschuf neben den Maiar und Valar auch die Elben und Menschen. Ist Tom Bombadil also die Verkörperung dieses extrem mächtigen Gottes, der über Mittelerde wandelt? Immerhin antwortet seine Frau Goldbeere auf die Frage der Hobbits, wer Tom sei, einfach nur mit »Er ist«.
Die Theorie ist tatsächlich schon ziemlich alt und würde viele Fragen rund um Tom Bombadil beantworten. Es gibt nur ein massives Problem – J. R. R. Tolkien selbst hat das dementiert. Laut Tolkiens Briefen (etwa in Brief Nr. 181) gibt es im Universum von Mittelerde keine Verkörperung des Einen Gottes Eru Illúvatar.
Theorie Nr. 4: Tom ist ein Naturgeist
Diese Theorie ist die wohl stabilste, wenn es um Tom Bombadil als einen realen Teil von Mittelerde geht. Denn sie wird am stärksten gestützt und am wackligsten widerlegt. Tolkien selbst nannte Tom Bombadil noch lange vor Der Herr der Ringe im Rahmen seiner Kindergedichte einen »Geist der Landschaft von Oxford und Berkshire«. Auch in seinen späteren Briefen nannte Tolkien Bombadil im übertragenen Sinne oft einen »Geist«.
Im Silmarillion wird zudem in einem kleinen Satz minimal angedeutet, dass neben Valar und Maiar noch andere vergleichbare Wesen nach Mittelerde gesandt wurden. Der Gedanke wird aber nie wieder aufgegriffen und ist auch nur äußerst vage gehalten. Womöglich auch nur ein Überrest verworfener Notizen Tolkiens, wo noch Wesen wie Feen oder Kobolde in Mittelerde verortet wurden und ebenfalls sehr alt sein sollten.
Womöglich entstand Tom Bombadil einfach gleichzeitig mit der Welt und nahm über die Jahrtausende einen Körper an. Er blieb aber für immer ein Schutzgeist seines Reichs und ähnlich zeitlos wie die Erde selbst.
Tom Bombadil als Konzept und sein wahrer Hintergrund
Mit der Weltschablone, die uns Tolkien gegeben hat, lässt sich Tom Bombadil eigentlich kaum erklären. Er ist nicht sattelfest einzuordnen und bricht mit vielen Regeln, die man glaubt, über den Kosmos zu wissen. Deshalb gehen viele Theorien auch über die Grenzen von Tolkiens Universum hinaus. Davon gibt es haufenweise, manche sind sogar das Thema ganzer wissenschaftlicher Arbeiten. Ich versuch hier, einen groben Abriss der populärsten Gedanken dazu zu sammeln:
- Eine Manifestation von Prinzipien: Tolkien selbst debattiert in seinen Briefen gerne über die Natur von Tom Bombadil, aber auch andere gehen literaturwissenschaftlich an die Sache heran. Sehen in ihm entweder die Verkörperung von Wissenschaft und Poesie oder den wahren Gegenpol zu Sauron. Der Ring hat keine Macht über ihn, weil Bombadil selbst jeden Gedanken an das Konzept von Macht verworfen hat.
- Tom Bombadil ist Tolkien: Viele erkennen in Bombadil gar einen Avatar für Tolkien selbst. Der Mann, der in Wahrheit am Anfang von allem steht. Die beiden teilen eine vergleichbare Liebe für die Natur und in einer Notiz setzt er Bombadils Gattin Goldbeere mit seiner eigenen Ehefrau Edith gleich. Allerdings weist Tolkien selbst diesen Vergleich zurück.
- Religiöse Allegorie: Es gibt auch zahlreiche Versuche, Tom Bombadil in religiöse Schriften einzuordnen. Er wird mal mit Adam verglichen, mal mit Jesus Christus. Zwar betont Tolkien in seinem Vorwort zu Der Herr der Ringe, keine Allegorien zu mögen, aber sprach in späteren Briefen durchaus davon, dass sein Werk womöglich unterbewusst von seinen christlichen Vorstellungen geprägt wurde.
Wo Tom wirklich herkam
Doch abseits all dieser Theorien gibt es für Tom Bombadil durchaus einen sehr realen Ursprung. Denn Tolkien zog bekanntermaßen für seine Texte zahlreiche Inspirationen zur Rate, oftmals Sagen oder Mythen. Aber im Falle von Tom Bombadil war der Ursprung schlicht eine Kinderpuppe.
So besaß Tolkiens Sohn Michael eine niederländische Gliederpuppe, die wie Bombadil bunt gekleidet war und eine Feder am Hut trug. Tolkiens älterer Sohn John warf die Puppe wohl eines Tages in die Toilette, aus der sie aber wieder herausgefischt wurde. Daraus sponn Tolkien kurzerhand für seine Söhne eine Gutenachtgeschichte.
1934 (Jahre vor Der Hobbit und Der Herr der Ringe) veröffentlichte Tolkien im Oxford Magazine ein Gedicht namens The Adventures of Tom Bombadil. Ein Kindergedicht, das mit Mittelerde eigentlich wenig zu tun hatte. Genau so, wie auch Der Hobbit mal als Kindergeschichte gedacht war.
Statt eines Nachfolgers zu Der Hobbit wollte Tolkien ursprünglich sogar die Geschichten von Tom Bombadil fortsetzen. Das stieß aber wohl auf Widerstand bei seinem Verlag. Also wurde Der Herr der Ringe geboren und Bombadil darin ein Gastauftritt beschert. Ein Gastauftritt, der den Mittelerde-Fans bis heute Rätsel aufgibt.
Und um zum Zitat vom Anfang wieder zurückzukehren. Genau das ist Bombadils wahre Bestimmung. Denn das Zitat endet mit den Worten:
»Tom Bombadil ist so ein Rätsel (mit Absicht).«
Jetzt seid ihr dran! Was sind eure Theorien dazu, was für ein Geschöpf Tom Bombadil eigentlich ist und wofür er steht! Schreibt uns alle eure Gedanken dazu in die Kommentare! Gerne auch, ob ihr euch den Mann mit der blauen Jacke und den gelben Stiefel in der Verfilmung von Der Herr der Ringe gewünscht hättet oder froh seid, dass er aus der Geschichte geschnitten wurde.
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